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Norbert Molitor ist Messebauer und Blogger.

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„Nevigese ist mittwochnachmittags geschlossen“

Lokale Blogs gibt es inzwischen viele. Doch „42553 Neviges“ ist etwas Besonderes. Denn in der kleinen Gemeinde bei Düsseldorf passiert – nichts. „Der Ort ist mittwochnachmittags und an allen anderen Tagen ab 18.30 Uhr geschlossen“, schreibt Norbert Molitor, der den Blog betreibt. Der 68-jährige Rentner hat es geschafft, so spannend über Neviges zu berichten, dass er dafür den Grimme Online Award erhielt. In der drehscheibe spricht er über sein Erfolgsgeheimnis und darüber, was sich seiner Meinung nach im Lokaljournalismus ändern muss.

Mit einem Klick geht's zum Nevigese-Blog.

Herr Molitor, wie schreibt man spannend über einen Ort, in dem nichts los ist?

Ich gehe regelmäßig spazieren und habe immer meine Kamera dabei. Wenn ich etwas Interessantes sehe, mache ich ein Foto, später wähle ich am Computer die besten davon aus und schreibe einen kleinen Text dazu. In dem Moment, wenn ich das Foto mache, weiß ich meist noch gar nicht so genau, was ich darüber schreiben werde. Das fällt mir oft erst später am Schreibtisch ein. Ich suche nicht zielgerichtet nach Geschichten.

Was ist Ihr Anliegen mit dem Blog?

Ich möchte Spaß haben und wünsche mir, dass auch die Nevigeser sich daran erfreuen. Dass sie sich in ihrem Ort wiederfinden und die Probleme angesprochen werden, die es hier zweifellos gibt. Außerdem ist es auch für die Nevigeser, die inzwischen anderswo wohnen, eine gute Möglichkeit, mit dem Ort in Kontakt zu bleiben.

Was ist das Besondere an Nevigese?

Die Stadt ist ein Phänomen, ein historischer Wallfahrtsort mit Weltarchitektur. Aber da in Nevigese die Katholiken in der Minderheit sind, wird der Dom nicht so geschätzt, wie das sein sollte. Die Stadt verkauft sich ein bisschen unter Wert.

Warum machen Sie Schwarz-Weiß-Fotos?

Weil das am Einfachsten ist. Außerdem haben Schwarz-Weiß-Fotos einen dokumentarischen Charakter. Das liebe ich. Ich liebe auch Schwarz-Weiß-Filme im Kino. Außerdem sind die Qualitätsunterschiede bei diesen Fotos nicht so gravierend, wie das in Farbe der Fall wäre. Ich könnte den Blog nicht mit Farbfotos bestücken. Das funktioniert vielleicht auf einer griechischen Insel, wo immer schönes Wetter mit blauem Himmel ist. Zu Neviges passt Schwarz-Weiß besser – bei dem ständig wechselnden Licht, dem häufigen Regen.

Ihre Texte sind in einem ironischen, lakonischen Tonfall verfasst. Drängt sich dieser Ton in Neviges auf?

Da ist so mein Stil, und der passt eben gut zum meinem Blog. Ich spare auch vieles aus, und es liegt an den Lesern, ob sie das nun verstehen oder nicht. Meine Zielgruppe sind nicht die Leser der Bild-Zeitung.

Sondern?

Die Zeit-Leser, die Arte-Gucker und die WDR5-Hörer. Das ist vielleicht ein hoher Anspruch, aber so ist es.

Alles kann interessant sein für den Nevigese-Blog.

Lesen Sie selbst Lokalzeitungen?

Zum Teil, und wenn dann online. Ich finde, viele Lokalzeitungen werden heute immer noch so gemacht wie vor 20 Jahren, als sie sich noch über die Anzeigen finanzierten.

Inwiefern?

Vieles ist leider Hofberichterstattung. Darauf sollte man verzichten. Man könnte mit allem etwas kritischer umgehen. Vor allem mit der Politik. Man sollte nicht das nacherzählen, was einem die Obrigkeit in Pressemitteilungen vorsetzt. Ich erhalte diese Pressemitteilungen ja selbst, da ich mich einmal dafür angemeldet habe. Und so weiß ich meist schon vorher, was in der Zeitung steht. Genauso ist es bei Polizeiberichten. Außerdem bin ich der Meinung, dass man schon jemanden vor Ort haben sollte, wenn man Lokalberichterstattung machen will. Die WAZ hat zum Beispiel jemanden in Velbert, aber nicht in Neviges. Die Redakteure der Westdeutschen Zeitung sitzen in Wuppertal.

War diese Lücke auch ein Grund für Sie, den Blog einzurichten?

Nein, das hat nichts damit zu tun. Ich mache das wirklich vor allem zu meinem Vergnügen. Dass sich das nun mit dem Grimme-Preis so entwickelt hat, hätte ich nie gedacht. Dahin geht mein Ehrgeiz gar nicht. So viel Zeit will ich in das Ganze gar nicht investieren.

Wie viel Zeit bringen Sie denn dafür auf?

Ein Foto ist schnell gemacht, und für die kurzen Texte brauche ich auch nur ein paar Minuten. Ich habe leider keinen Korrekturleser, und manchmal fallen mir im Nachhinein schon Fehler auf, aber ich kann das nicht ändern. Jedenfalls gebe ich mir Mühe. Aber es soll nicht in Arbeit ausarten.

Wie nehmen die Menschen im Ort Ihre Geschichten auf?

Ich würde sagen, dass mir 99,9 Prozent der Leute zustimmen. Ein paar gibt es immer, die über alles meckern. Einer hat mir geschrieben, dass ich gar kein richtiger Nevigeser sei, weil ich hier nicht geboren bin.

Man hat auch schon gegen Sie geklagt. Warum?

Es hat jemand versucht, das ist aber im Sande verlaufen. Das waren Kleinigkeiten, da will ich gar nicht nachkarten.

Wie viele Leute besuchen Ihren Blog am Tag?

Früher hatte ich immer so um die 100 Besucher, gestern hatte ich 26.000. Das wird sich aber mit der Zeit wieder einpendeln.

Interview: Stefan Wirner

 

Der Blog

nevigeser.blogspot.de/

 

Kontakt:

Norbert Molitor

Kirchplatz 11,

42553 Neviges
Tel. 02053 – 4241 8 55 

E-Mail: post@norbertmolitor.de

 

Veröffentlicht am 11. August 2014

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