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Fall vom 1.7.2015

Zu Fehlern stehen

 

Beim Kansas City Star gibt es schon seit über 30 Jahren einen Ombudsmann. Die Offenheit für die Meinungen der Leser hat sich seither nicht verändert.

 

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Derek Donovan ist seit 2005 Ombudsmann beim Kansas City Star. Die Zeitung wurde 1880 im US-Bundesstaat Missouri gegründet und schon acht Mal mit dem Pulitzerpreis ausgezeichnet.

E-MAIL: ddonovan@kcstar.com

 

Beim Kansas City Star hat die Position des Ombudsmanns, der sich um die Anliegen der Leser kümmert, eine lange Tradition. Die Rolle hat sich im Laufe der Jahre zwar grundlegend gewandelt, die zentrale Mission ist jedoch noch genau dieselbe: die Stimme der Leser in der Redaktion zu vertreten.

Im Jahr 1982 ernannte der Star seinen ersten Leservertreter. Donald D. „Casey“ Jones, ein 32-jähriger Veteran, der damals Redakteur für den nationalen Teil der Morgenausgabe war. Jones’ tägliches, internes „Casey-gram“ war dafür berüchtigt, dass er sich darin mit Kritik an den Kollegen nicht zurückhielt. Aber so spitz und bissig sein Spott auch sein mochte, er erwarb sich damit den Respekt der Redaktion, da er half, das von der Leserschaft erwartete hohe Niveau des Star aufrechtzuerhalten. So wurde eine journalistische Kultur geprägt, die im öffentlichsten aller Berufsfelder auch Kritik akzeptiert.

Seit einem Jahrzehnt bekleide ich inzwischen die Position des Ombudsmanns. Als ich die Stelle im Jahr 2005 annahm, hieß sie noch Readers’ Representative. Doch der technologische Fortschritt änderte die Art und Weise, wie die Leser mit dem Star interagieren, so sehr, dass sich auch meine Rolle wandeln musste. Im Jahr 2012 passte ich mit dem Redakteur Mike Fannin meine Arbeitsweise den neuen Gegebenheiten an, heute nenne ich mich Public Editor. Als solcher spreche ich nach wie vor mit den Lesern über Irrtümer, Fairness und Ausgleich. Ich bin derjenige, der sich um die Korrektur-Kolumne der Printausgabe kümmert. Diese Aufgaben haben sich nicht verändert. Und mein Foto ist weiterhin jeden Tag auf Seite 2 zu sehen. (Der Gründer des Star, William Rockhill Nelson, und ich sind tatsächlich die einzigen beiden Personen, deren Fotos jeden Tag in der Zeitung erscheinen.)

Heutzutage erstreckt sich der Dialog mit den Lesern jedoch weit über die Printausgabe und die Telefonleitung hinaus. Da alle Nachrichtenquellen ihr Publikum zunehmend online erreichen, findet der Dialog mehr und mehr im Internet statt. Die sozialen Netzwerke sind für meine Arbeit inzwischen zentral. Über Facebook und Twitter bekomme ich mehr Reaktionen seitens der Leser als je zuvor.

Bei Zeitungen wie der New York Times arbeitet der Public Editor selbstständig. Im Gegensatz dazu befindet sich mein Arbeitsplatz in der Redaktion. Ich habe Reporter und Redakteure immer aufgeschlossen erlebt, wenn es um die Kritik der Leser an ihrer Arbeit geht. Auch wenn sie über Hinweise auf einen Fehler nicht immer glücklich sind, hat sich nie jemand gegen Korrekturen gewehrt. Da ich niemand anderem als dem Chefredakteur unterstehe, muss ich letztendlich nicht um Erlaubnis bitten, wenn ich Korrekturen verfasse.

Meine Philosophie des Ausbesserns, die ich von unserem kürzlich in den Ruhestand verabschiedeten Redaktionsleiter Steve Shirk übernommen habe, ist einfach: Der Kansas City Star korrigiert seine Fehler. Kleine Ausnahme: Offensichtliche typografische Fehler sind zwar bedauerlich, jedoch nicht korrekturwürdig. Das führt manchmal zu ziemlich komischen Situationen. So gab es kürzlich den Hinweis, dass der Name des Verfassers eines Leserbriefes falsch geschrieben sei. Der Leserbriefredakteur zeigte mir daraufhin die handgeschriebene Einsendung des Mannes, auf der sein Name genau so geschrieben war wie in unserer Druckversion. Der Fehler lag also beim Schreiber selbst. Aber letztendlich kommt es nicht unbedingt darauf an, wessen Schuld es war. Der Star hat den Fehler trotzdem korrigiert, und dazu stehe ich.

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