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Fall vom 1.6.2013

Wenn ein Leser abbestellt

 

„Hofberichterstattung!" So begründete ein Leser die Kündigung seines Abonnements. Der Leseranwalt der Main-Post ging auf den vergrätzten Kunden zu.

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Anton Sahlender ist seit 1988 Mitglied der Chefredaktion der Main-Post (Würzburg). Als Leseranwalt vertritt er die Interessen der Leser in der Redaktion. Dafür wurde er unter anderem mit dem Lokaljournalistenpreis der Konrad-Adenauer-Stiftung ausgezeichnet.

TELEFON: 0931 – 60 01 45 38 80
E-MAIL: anton.sahlender@mainpost.de
INTERNET: mainpost.de/leseranwalt

Zuerst wollte ich die überwiegend boshafte E-Mail wegwerfen. Ein Leser dieser Zeitung bezeichnet fünf ihrer Journalisten als Idioten. Das passt eigentlich nicht zum Absender, einem älteren Herrn, der sich mit dem Problem herumgequält hat, ob er nach 60 Jahren ohne seine Tageszeitung, die Main-Post, leben könne. Das nimmt er sich nun vor, offenbar der „Idioten“ wegen.

Er erklärt, dass er sich zeitlebens der Bild-Zeitung verweigert habe. Jetzt bekomme er sie Tag für Tag in den Briefkasten, gedruckt in Würzburg. Mit dieser Ironie meint er diese Zeitung. Deren Buchstaben seien zwar kleiner, Barbrüstige („Man ist ja Bischofsstadt“) seltener, aber Inhalte, die Politik, die Recherche, die kritische Investigation – Fehlanzeige. An einem Kommentar zu Studienbeiträgen lässt er auch kein gutes Haar.

Der Mann ordnet – aus meiner Sicht kritische – Redakteure namentlich der Gruppe der Idioten zu. Ihnen gegenüber stellt er, ebenfalls namentlich, immerhin vier für ihn lesbare Journalisten. Kritisch sind aber doch auch die. Ich vermag keinen Unterschied zu erkennen. Grundsätzlich vermisst der Mann die Nachfragen und erkennt nur Hofberichterstattung. Das allerdings muss nachdenklich machen. Doch wo und wann hat ihm das gefehlt?

Leider wiegen für ihn die lesbaren Journalisten nicht schwer genug. Mit der Zeitung hat er auch sie abbestellt. Sicher wird er wissen, dass er mit diesem Schritt keine redaktionelle Gleichschaltung der Schreiber durchsetzt. Sie werden nicht in seinem Sinne lesbar gemacht. Lesbar sind sie schon. Denn auch sie ernten Zustimmung von anderen Lesern.

Ich bin so frei und entnehme dem Ärger des Kritikers aber auch, dass ihm die Zeitung wichtig ist, sonst hätte er sie stillschweigend abbestellt. Ja, solche negativen Zuwendungen wissen Zeitungsmacher mitunter zu schätzen. Sie sind besser als Gleichgültigkeit oder leises Entschwinden ins Internet. Ich nutze diese Kündigung ferner, um zu versichern, dass begründete Kritik hier ankommt. Es ist nicht nötig, sie mit beleidigenden Tiraden zu verstärken. Die von dem Schreiben Betroffenen verschone ich von der Wiederholung ihrer Namen und zähle dabei auf ihr Verständnis als Leser. Auf den Vergleich mit der Bild-Zeitung komme ich nächstes Mal zurück, weil sich dahinter der Vorwurf des Boulevardjournalismus verbergen könnte.

Mit Begegnungen mache ich bessere Erfahrungen als mit E-Mails. Also habe ich den Abbesteller eingeladen, sich mit einigen der für ihn unlesbaren Journalisten persönlich auszutauschen.

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