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Fall vom 1.12.2012

Gesicht der Redaktion

 

Der Leseranwalt der Rhein-Zeitung nimmt täglich auf Seite 2 Stellung zu Leserkritik an der Zeitung.


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Jochen Kampmann ist Leseranwalt der Rhein-Zeitung.

TELEFON: 0261 – 89 22 43
E-MAIL: Jochen.Kampmann@rheinzeitung.net

„Was verdienen Sie eigentlich an den ganzen Gewinnspielen? Das müssen doch Unsummen sein.“ Oder: „Ich kündige die Zeitung, weil Herr zu Guttenberg systematisch von Ihnen fertiggemacht wird.“ Oder: „Wie können Sie überhaupt Verständnis dafür aufbringen, dass Frau Lierhaus 450.000 Euro im Monat bekommt? Die Fernsehlotterie ist doch für einen guten Zweck.“ Und: „Lassen Sie doch endlich Herrn Wulff in Ruhe. Die Bilder, die Sie von ihm zeigen, sind ja wie Rufmord. Er ist schließlich unser Bundespräsident.“ Landespolitik hat ein ähnliches Echo: „Wenn ich noch mehr vom Nürburgring lesen muss, verzichte ich künftig auf ihr Blatt.“ Oder: „Sie sind doch ein CDU-Organ, das nur Schlechtes über unsere SPD-Regierung berichten will.“

Jeder Redakteur kennt Briefe, E-Mails und Telefongespräche mit solchem oder ähnlichem Inhalt. Der Leseranwalt der Rhein-Zeitung, die im nördlichen Rheinland-Pfalz und in Mainz erscheint, beantwortet solche Fragen oder nimmt zu Vorwürfen Stellung. Täglich auf der Seite 2 in einer Kolumne. Dass es den Leseranwalt der Rhein-Zeitung in Koblenz gibt, hängt unmittelbar damit zusammen, dass sich die Zeitung Ende Oktober 2010 ein neues Gesicht gab. Da war der Gedanke naheliegend, dass auch die Redaktion sozusagen ein Gesicht bekommt, jemanden, der täglich und sichtbar der Ansprechpartner für die Leser ist. Zunächst erschien der Ausdruck „Leseranwalt“ als etwas zu pompös, zumal es nicht darum geht, juristische Angelegenheiten zu besprechen oder in Konkurrenz zum Deutschen Presserat zu treten. „Ombudsmann“ als Alternative wurde schließlich als zu abstrakt verworfen – seither heißt die Kolumne also „Leseranwalt“ und „Ihr Mann in unserer Redaktion“ im Untertitel.

Kurz zurück zur Entstehung: Der Leseranwalt hatte nach dem Relaunch der Rhein-Zeitung auch die Aufgabe, das – wie immer höchst unterschiedliche – Echo auf so einen Schritt abzufedern, zu kanalisieren und zu kommunizieren, damit Schwächen oder Mängel behoben wurden. Etwa, dass die Grundschrift als schlecht lesbar empfunden wurde oder Rasterflächen unter Texten zu viel Farbe hatten. Nach wenigen Monaten kam es zur Affäre Guttenberg. Und es brauchte einige Kolumnen, um Lesern verständlich zu machen, dass es sich nicht um eine Hetzjagd handelt, die auf einen netten, jungen Familienvater eröffnet wird, sondern dass es ernstzunehmende Vorwürfe gibt, dass sich ein Minister zu Unrecht mit einem akademischen Titel schmückt. Entscheidend ist, dass der „Leseranwalt“ auch wie eine Membran wirkt, bildlich gesprochen also in die Leserschaft ebenso wie in die Redaktion schwingt. Anregungen und Stimmungen aus der Bevölkerung werden den Kolleginnen und Kollegen vermittelt; schlechtes Deutsch, fehlerhafte Ausdrucksweise, missverständliche Beiträge oder zu viele Anglizismen in der Zeitung deutlich angesprochen. Stoff für die tägliche Kolumne gibt es genug. Dass sich der Leseranwalt auch um die Leserbriefe kümmert, ist dabei ein großer Gewinn

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