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Fall vom 1.2.2016

Aufreger in der Kleinstadt

 

Der Leseranwalt ist beim Süderländer Tageblatt noch eine recht neue Einrichtung. Wie sieht die Bilanz aus nach drei Jahren Vermittlung zwischen Lesern und Redaktion? Der Redaktionsleiter gibt Auskunft.

 

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Joachim Schade ist Ombudsmann und unabhängiger Leseranwalt des Süderländer Tageblatts aus Plettenberg.

E-MAIL: sekretariat@ra-schade.de

 

Von Stefan Aschauer-Hundt

Vor drei Jahren haben wir vom Süderländer Tageblatt dem Anwalt Joachim Schade, Notar und Freund der Familie Hundt, das Amt des unabhängigen Leseranwalts angetragen – als hätten wir geahnt, dass die Gräuelthemen „Lügenpresse“ und „Manipulationsverdacht“ auf die Zeitung zukommen würden. Um es vorab zu sagen: Leuten, die „Lügenpresse“ skandieren, kommt man mit einem Leseran- walt nicht bei. Seine bloße Existenz versichert der Redaktion wie dem Leser jedoch, dass sich die Zeitung der Debatte stellt. Das erdet!

Aber kann ein Anwalt, der zugleich ein Freund ist, Neutralität wahren? Die Antwort lautet: Gerade dieser! Unser Leseranwalt führt sein Ehrenamt in seinen Kanzleiräumen. Eine Debatte darüber, wem er diene, würde er sich verbitten: Er handelt für die Leser. Wenn es an der redaktionellen Praxis etwas auszusetzen oder Diskussionsbedarf gibt, geht er als Mittler auf die Redaktion zu. Die Zahl der Fälle, in denen er eingeschaltet wurde, ist bisher an zwei Händen abzuzählen. Zwar weiß die Redaktion nicht im Detail, wie viele Anliegen durch ein gutes Gespräch in den Kanzleiräumen blieben, aber es können nicht viele gewesen sein. Die Beschwerdefälle, die den Weg in die Redaktion fanden, waren die typischen Kleinstadt-Aufreger: Ein Verein beschwert sich, nicht hinreichend mit dem immer gleichen Thema berücksichtigt zu werden. Eine Leserbrief-Schreiberin führt Klage darüber, dass die Überschrift, die zu ihrer Einsendung gewählt wurde, nicht eins zu eins dem Text entnommen wurde. Ein Immobilienmakler bemängelt, dass ein Beitrag über seine Unterstützung für den örtlichen Fußballverein, der in der Art einer Annonce getextet ist, nicht im Lokalteil erscheint, und schaltet den Leseranwalt ein. Gedruckt wird der Text nicht, aber das Klima stimmt wieder. Das alles sind, frei nach dem „Königlich Bayerischen Amts- gericht“, Geschichten aus einer lieben Zeit und einer kleinen Welt. Der Leseranwalt hilft uns, diese Welt zu ordnen – zum Nutzen der Leser, zum Wohle des Journalismus. Wir sind froh, dass es ihn gibt!

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