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Forschung

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Wie Kinder Katastrophen sehen

Erdbeben, Tsunami und schließlich ein Unfall im Atomkraftwerk von Fukushima – im März dieses Jahres beherrschten Katastrophenmeldungen aus Japan die Nachrichten in aller Welt. Unüberhörbar. Unübersehbar. Nicht nur für Erwachsene - auch für Kinder. Auf der Blitz-Kindermedienkonferenz „Tsunami und Super-GAU – Für Kinder berichten: Konzepte aus Forschung und Praxis“, die gemeinsam von der Bundeszentrale für politische Bildung/bpb und dem IZI durchgeführt wird, geht es um die Frage, wie gute Kindernachrichten in Fernsehen und Zeitung aussehen können.
Maya Götz leitet das Internationale Zentralinstitut für das Jugend- und Bildungsfernsehen (IZI) beim Bayerischen Rundfunk in München

Gemeinsam mit den rund 150 Konferenzteilnehmern sollen konkrete Qualitätsmerkmale für den Fall einer Katastrophenberichterstattung für Kinder entwickelt werden. (Achtung: Einen Live-Blog von der Konferenz gibt es auf www.jugenddrehscheibe.de sowie auf der Facebook-Seite der drehscheibe und über Twitter unter  dem Hashtag #KMK2011)

Wie das Kinderfernsehen mit dem Thema umgeht, wie Kinder die Katastrophen wahrnehmen, was sie dabei empfinden und wie sie sich eine Kindersendung zu der Thematik wünschen würden - diese Kernfragen  untersuchte eine aktuelle Studie im Auftrag des Internationalen Zentralinstituts für das Jugend- und Bildungsfernsehen beim bayerischen Rundfunk (IZI). Am 19. Juli werden die Ergebnisse in München vorgestellt.

Befragt wurden mehr als 300 Kinder zwischen 5 und 13 Jahren in Deutschland, 180 in den USA und 160 in Brasilien. In vielen weiteren Orten und Ländern wie Hongkong, Südkorea, Kuba oder der Dominikanischen Republik wurden zusätzlich Interviews durchgeführt. Eine ähnlich angelegte Studie des Internationalen Zentralinstituts für das Jugend- und Bildungsfernsehen (IZI) – allerdings mit wesentlich weniger Befragten - gab es zuletzt 2003. Untersucht wurden damals die Auswirkungen des Irakkriegs und der Berichterstattung auf die Kinder.  

 

Kinder wünschen sich Informationen

 

Die Erkenntnisse der damaligen Studie und daraus resultierende Empfehlungen für Journalisten, Pädagogen und Eltern sind im Dossier „Kinder sehen Krieg“ auf den Seiten der bpb nachzulesen. Viele Ergebnisse der damaligen Studie – beispielsweise, dass Kinder sich fundierte Hintergrundinformationen ohne Emotionalisierung und positive Lösungsansätze wünschen, oder dass sie ganz andere Fragen stellen, als Erwachsene -  werden durch die aktuelle Untersuchung bestätigt.

Geleitet wird das IZI seit 2003 von Dr. Maya Götz. Die Mutter von zwei Mädchen im Alter von 3 und 6 Jahren ist eine ausgewiesener Koryphäe auf dem Gebiet der Forschung von Kinder- und Jugendfernsehen und eine begehrte Referentin auf Tagungen und Kongressen. Sie kam 1999 als wissenschaftliche Redakteurin zum Internationalen Zentralinstitut für das Jugend- und Bildungsfernsehen (IZI) beim Bayerischen Rundfunk in München, das sie seit 2003 leitet. Seit 2006 leitet sie zusätzlich die Stiftung Prix Jeunesse International - 1964 vom Freistaat Bayern, der Stadt München und dem Bayerischen Rundfunk gegründet, um weltweit die Qualität im Fernsehen für Kinder und Jugendliche zu fördern. Beim nächsten Netzwerktreffen im Juni 2012 sollen die aktuellen Forschungsergebnisse international ausgewertet werden. Aus diesem Grund wurden neben der qualitativen Studie für Deutschland auch Stichproben-Interviews in vielen weiteren Ländern durchgeführt.

Wenn Maya Götz über die aktuelle Studie spricht, die sie den Fachjournalisten auf der Kindermedienkonferenz in München vorstellen will, wird sie leidenschaftlich. „Es war längst an der Zeit, die Ergebnisse zum Irakkrieg auch auf weitere sensible Themen auszuweiten“, sagt Maya Götz. „Wir müssen immer wieder neu forschen, denn die Wahrnehmungen der Kinder werden vom Umfeld und dem öffentlichen Diskurs beeinflusst. Wir müssen auch wissen: Verändert sich was? Wo haben wir noch nicht hingeguckt?“

 

Unterschiedliche Wahrnehmung je nach Land

 

Bei der jüngsten Studie beispielsweise zu wenig auf die Vorschulkinder. „Die bekommen das nicht mit, war unsere Annahme. Doch das sind überholte pädagogische Vorstellungen. In unserer medial durchdrungenen Welt - im Fernsehen, Radio, Zeitungen – und durch die Aufregung der Eltern merken Kinder schon in sehr jungem Alter, wenn etwas Außergewöhnliches passiert. Wir können sie vor der Wirklichkeit nicht bewahren.“ Lediglich 5 von mehr als 300 für die Studie befragten Kindern in Deutschland, davon 3 im Kindergartenalter, hatten noch nicht gehört, dass in Japan etwas Schlimmes passiert sei.

„Was uns, aber auch die Emotionen der Kinder prägt, ist das Agendasetting“, sagt Maya Götz, „selbst bei Katastrophen ist das Empfinden und Denken der Kinder nicht neutral.“ Daher ist eigentlich nicht wirklich verwunderlich, wie unterschiedlich in den Ländern die Ergebnisse der Befragung ausfallen. In der vom Meer umgebenen Dominikanischen Republik ist beispielsweise die Angst der Kinder vor dem Tsunami das Entscheidende gewesen, das Erdbeben spielte keine Rolle. In Deutschland beschäftigte die 5 bis 13-Jährigen vielmehr der Unfall im Atomkraftwerk und seine Folgen.

Was heißt das alles für die Macher von Kindernachrichten? Was heißt Qualität aus Kinderperspektive, worauf müssen wir achten? „Kinder stellen völlig andere Fragen als Erwachsene“, sagt Maya Götz.  „Beim Tsunami wollen sie wissen, wohin die Autos schwimmen. Wenn es im AKW brennt, sorgen wir Erwachsenen uns um die Gesundheit und die Zukunft der Stromerzeugung. Kinder wollen erst mal wissen, wie es zu dem Feuer kam. Wird das nicht erklärt, dann kommt es zu Fehlinterpretationen. So haben viele Kinder in der Studie feuerspuckende Vulkane gemalt.“

 

Kindernachrichten statt Tagesschau

 

In den Programmen von Erwachsenen bleiben Kinderfragen unbeantwortet, weil niemand sie stellt. „Daher ist es auch nicht optimal, wenn Kinder die Tagesschau sehen. 90 Prozent der Kinder wünschen sich Kindernachrichten“, sagt Maya Götz. Die finden sie beispielsweise in der Sendung „Logo“ vom Kinderkanal KiKa aus Erfurt. Komplexe Zusammenhänge werden hier in wenigen Sätzen kindgerecht erklärt. Darin sieht Maya Götz auch eine Chance für die Zeitungen: “Kinder sind schon so medienkompetent. Sie schätzen es zu wissen: Wenn ich mir das hier durchlese, dann habe ich es verstanden.“

„Mit den Forschungsergebnissen, die nun im Zusammenhang mit der Katastrophenberichterstattung über Japan vorliegen, können wir viel angemessener mit Nachrichten und Informationen für Kinder umgehen und aus der Theorie heraus praktische Modelle entwickeln“, meint Maya Götz. Auf der Kindermedienkonferenz sollten sich die Praktiker austauschen und gemeinsam Qualitätskriterien festlegen, die es unbedingt zu beachten gilt.

 

Text: Inge Seibel-Müller

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