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Uwe Zimmer, ehemaliger Chefredakteur der Neuen Westfälischen, arbeitet seit seinem Ruhestand als Trauerredner.

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"Man muss einen roten Faden finden"

Dr. Uwe Zimmer (65) war bis September 2009 Chefredakteur der Neuen Westfälischen (Bielefeld). Davor leitete er von 1988 bis 2001 die Münchner Abendzeitung. Seine journalistische Karriere begann er beim Tagesspiegel (Berlin), danach war er beim Spiegel und beim Stern. Seit seiner Verabschiedung in den Ruhestand ist Uwe Zimmer als Trauerredner tätig und hält im Monat drei bis vier Reden.

 

Warum halten Sie eigentlich Trauerreden, Herr Zimmer?

Nach mehr als 20 Jahren als Chefredakteur habe ich mich gefragt, was ich in meinem Ruhestand machen kann. Für mich stand fest, dass ich meinen Beruf nicht fortsetzen möchte, wie das andere Kollegen tun. Das Begräbnis eines Freundes hat mich schließlich auf die Idee mit den Trauerreden gebracht. Das kann man doch besser machen, dachte ich, als ich die Rede des Pfarrers hörte. Ich will den Verstorbenen würdigen, indem ich sein Leben erkläre.

Ein journalistischer Ansatz also?

Eben das unterscheidet meine Reden von denen eines Pastors. Der Journalistenberuf bietet eine gute Grundlage, um eine Trauerrede zu schreiben. Man muss zuhören und Fragen stellen können. Außerdem weiß man als Journalist, wie Geschichten erzählt werden. Dabei ist die Dramaturgie wichtig, man muss einen roten Faden finden. Das ist auch bei einer Trauerrede entscheidend.

Wie finden Sie denn diesen roten Faden im Leben eines Menschen?

Ich brauche möglichst viele Informationen über den Verstorbenen. Dazu treffe ich mich mit den Hinterbliebenen und führe intensive Gespräche. Dann greife ich mir einen Punkt heraus, der meiner Meinung nach charakteristisch für das Leben des Verstorbenen ist, und baue darauf meine Rede auf. Das ist ein ähnliches Vorgehen wie im Boulevardjournalismus, so wie ich ihn verstehe.

Das müssen Sie erklären.

Der Verleger der Abendzeitung, Johannes Friedmann, hat das gern an einem Beispiel erläutert. Wenn bei einem Busunglück eine Mutter stirbt und ihr Kind überlebt, würde die Süddeutsche Zeitung das auch so schreiben. Bei der Abendzeitung würde man dagegen fragen, wie das Kind überleben konnte. Wenn man dann herausfindet, dass das Kind nur überlebt hat, weil seine Mutter es während des Unfalls mit ihrem Körper geschützt hat, dann hätte man die Boulevardgeschichte. Bei einer Trauerrede versuche ich auch, eine Geschichte zu erzählen, die aus einem Leben ein besonderes Leben macht.

Zieht Sie diese Beschäftigung mit Tod und Trauer nicht auch mal runter?

Das war anfangs auch die Befürchtung meiner Frau, aber für mich hat die Beschäftigung mit dem Tod eher etwas Positives. Ich bin in einem Alter, in dem man sich auch mit dem eigenen Ende auseinandersetzt. Aber wenn ich mit den Schicksalen der Verstorbenen konfrontiert bin, fahre ich oft erleichtert nach Hause. Im journalistischen Alltag war ich mit den großen Todesfällen beschäftigt, jetzt geht es um die einfachen Schicksale, hinter denen aber viele spannende Geschichten stecken. Vielleicht mache ich jetzt doch noch das, was Chefredakteure im Ruhestand so machen, und schreibe ein Buch darüber.

Interview: Jan Steeger

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