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Interviews

Uwe Zimmer ist 63 Jahre alt und seit 2001 Chefredakteur bei der Neuen Westfälischen in Bielefeld. Uwe Zimmer hat schon mehrfach vor Chefredakteurskollegen ein Umdenken in der Branche angeregt und die Vorgehensweise bei seinem Blatt erläutert. „Wir machen heute mit weniger Leuten eine bessere Zeitung als noch vor ein paar Jahren“, lautet eine seiner provokanten Thesen. Die SPD-Holding DDVG ist mit 57,5 Prozent an der Neuen Westfälischen beteiligt.

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"Wir brauchen mehr Mobilität"

Uwe Zimmer (63) ist Chefredakteur der Neuen Westfälischen. Davor leitete er von 1988 bis 2001 die Münchner Abendzeitung. Seine journalistische Karriere begann er beim Tagesspiegel (Berlin), danach war er beim Spiegel und beim Stern.

Herr Zimmer, wie sieht die Auflagenentwicklung bei Ihrer Zeitung aus?

Die ist nicht schlecht. Wir haben im Jahr weniger als ein Prozent Rückgang bei der Auflage. Im Vergleich zu anderen Zeitungen ist das gut. Unser Ziel ist, nicht mehr weiter zu sinken und den Rückgang auf Null zu bekommen.

Wieso sind Sie im Vergleich so erfolgreich?

Da sind mehrere Faktoren. Die sozidemografischen Daten sind in unserem Verbreitungsgebiet ganz günstig. Zudem werden wir durch die Konkurrenz zu besseren Leistungen angespornt. Weiterhin spielen politische Nuancen in der Berichterstattung eine Rolle für die Leser, sich für unsere Zeitung zu entscheiden.

Sie sagen aber auch, dass Sie mittlerweile mit einer geschrumpften Redaktion eine bessere Zeitung machen. Das lässt Gewerkschaften die Nackenhaare hoch stehen.

Als ab 2001 bedingt durch die negative Konjunktur die Zeitungskrise begann, musste auch bei der Neuen Westfälischen gespart werden. Wir haben in der Redaktion etwa zehn Prozent des Personals abgebaut und gleichzeitig aber das redaktionelle Angebot für die Leser ausgeweitet. Wir haben die Lücke durch Pauschalisten ausgeglichen und den Anteil der Fachkräfte reduziert. Dies geschah aber so sensibel, dass wir nie als abschreckendes Beispiel auf irgendwelchen Medienseiten erschienen sind. Wir haben die Mitarbeiter geschult und haben letztendlich Arbeitsplätze gesichert.

Sie sagen, dass Redakteursprivilegien wie ein Hemmschuh bei der Entwicklung der Redaktionen wirken.

Es geht gar nicht so sehr um die tariflich festgelegten Gehälter, also ums Geld. Vielmehr geht es um die Mobilität. Es ist fast unmöglich Redakteure zu versetzen. In den Verträgen stehen genaue Gebiete und auch inhaltliche Vorgaben zur Tätigkeit der Journallisten. Bei 16 Lokalredaktionen, die es bei uns gibt, muss jedoch immer mal wieder umdisponiert werden. Es muss für Ersatz von ausfallenden Kollegen gesorgt werden, dies ist oft schwierig zu organisieren. Wir wollen jetzt eine eigene Personalagentur aufbauen.

Wie soll das aussehen?

Bisher ist es so, dass Pauschalisten weder Anspruch auf Urlaubs- und Weihnachtsgeld noch auf Fortzahlung im Krankheitsfall haben. Dies wollen wir regeln und die Leute sollen dann nahe an den Redakteursgehältern bezahlt werden.

Das klingt nach einem völlig neuen Konzept.

Ja, das ist so. Wir haben uns bei verschiedenen Zeitungen wie der Frankfurter Rundschau und dem Kölner Stadt-Anzeiger umgesehen und  das für uns geeignete System herausgefiltert. Wir wollen ein sozial abgefedertes  Modell einführen. Dabei geht es nicht um Leiharbeiter, so wie dies in anderen Branchen der Fall ist. Wir brauchen ein rechtssicheres Modell, wobei die Mobilität der Mitarbeiter gesichert ist. Nach meiner Vorstellung brauchen wir einen Stamm an festen Redakteuren mit Führungsaufgaben und einen zunehmend großen Anteil an freien Journalisten.

Neben dem strukturellen Umbau der Redaktion haben sie auch inhaltlich neue Standards gesetzt und beispielsweise eine tägliche lokale Blattkritik eingeführt.

Zusammen mit den Redaktionsleitern haben wir schriftlich bestimmte inhalts- und layoutverbindliche Vorgaben formuliert und überprüfen diese täglich. Der Schock sitzt nach drei Jahren immer noch tief. Dabei sind es einfach nachvollziehbare Vorgaben: Nachrichten nicht länger als 12 Zeilen, eine tägliche Glosse als Leseransprache und einen klaren Aufmacher auf jeder Seite.

Warum ist das so schwer einzuhalten?

Das frage ich mich manchmal auch. Es liegt möglicherweise unter anderem an einem großen Maß an  journalistischer Routinearbeit, die nicht qualitätsbezogen ist. Da werden Pressemitteilungen einfach abgeschrieben. Früher gab es dann auch die Kollegen, die um 14 oder 15 Uhr ihre Seite zu hatten und dann auch nicht mehr dazu zu bewegen waren, fertige Texte durch aktuellere zu ersetzen. 

Wie sieht die Blattkritik denn in der Praxis aus?

In der Chefredaktion werden die gesamten Ausgaben des Vortages ab 8.30 Uhr akribisch durchgearbeitet. Das geht hin bis zu den Sportseiten. Dabei wird auch berücksichtigt, ob Fotos gut platziert sind und Farbseiten optimal ausgenutzt wurden.

Das klingt nach einem großen Aufwand.

Das ist es auch. Wir sind drei Leute in der Chefredaktion, wobei häufig mindestens einer nicht zur Verfügung steht. Man muss dann 7, 8 Zeitungen durcharbeiten, das dauert mehrere Stunden, zumal die Kritik dann noch in einer E-Mail formuliert werden muss.

Die schriftliche Blattkritik geht dann an alle Kollegen?

Ja, dass wurde gemeinschaftlich und einstimmig so besprochen. Eine Variante wäre gewesen, lediglich die Lokalchefs und die Stellvertreter zu informieren, die die Kritik dann wiederum weiterreichen. Wir haben jetzt drei Gruppen nach Gebieten zusammengefasst, so dass nicht jeder alles auf den Schreibtisch bekommt. Die Blattkritik zieht erhebliche Diskussionen nach sich. Manchmal fühlen sich Kollegen zu Unrecht beurteilt bzw. kritisieren den angeblich rüden Ton.

Gibt es denn auch Sanktionen?

Ja, sonst macht das Ganze ja gar keinen Sinn. Kollegen werden angerufen und zur Rede gestellt. Eine Steigerung ist dann eine Vorladung nach Bielefeld in die Chefredaktion. Ein deutliches Signal ist es, wenn zu einem solchen Gespräch dann auch noch der Betriebsrat dazu gerufen wird. Es hat schon schriftliche Ermahnungen gegeben, eine Abmahnung allerdings noch nicht. Wir haben für die gesamte Redaktion eine schriftliche Mahnung erteilt, fehlerfrei zu arbeiten. Aus juristischen Gründen muss es fehlerfrei heißen, obwohl ich natürlich weiß, dass es nachvollziehbare und entschuldbare Fehler gibt, die gerade unter dem großen Zeitdruck immer mal wieder passieren. Aber, wenn jemand beispielsweise partout nicht seine Rechtschreibkontrolle benutzen will, dann muss dies irgendwann geahndet werden.

Ist dieser Druck, den Sie dort aufbauen nicht kontraproduktiv? Ich könnte mir vorstellen, dass eine gewisse Missstimmung gefördert wird.

Es hat bei uns im Hause zwei Kündigungen gegeben. Aber was soll ich denn machen, wenn ich  beratungsresistente oder inkompetente Mitarbeiter habe? Soll ich denen noch gut zureden? Es geht um eine Qualitätssteigerung des Produktes, um nichts anderes.

Nutzen Sie eigentlich auch Readerscan, um zu erfahren, wie der Leser die Sache bewertet?

Wir selbst haben das Verfahren auf unsere Zeitung nicht angewendet. Das ist zu teuer. Allerdings haben wir uns über die Ergebnisse informiert. Dabei stellte sich heraus, dass wir viele von den Empfehlungen schon lange umsetzen: Personalisierungen, kurze und unterhaltende Texte, stimmige Fotos und eine Seite drei mit eigenen Beiträgen. Zur Objektivierung der Leserbedürfnisse planen wir in Kürze eine Befragung.

Wozu die Befragung, wenn Sie schon nach den neuesten Erkenntnissen arbeiten?

Eine zweifelnde Redaktion kann man am besten überzeugen, wenn sie konkret vorgelegt bekommen, dass die Leser z.B. einen 200 Zeilen langen Text über ein marginales städtisches Problem nicht goutieren. Das hat die größte Überzeugungskraft. Eine externe Firma soll für uns diese Befragung ausarbeiten.

Inwiefern spielt denn Crossmedia in Ihrem Haus eine Rolle?

Das spielt eine riesengroße Rolle. In Zukunft soll eine engere Verzahnung zwischen Print und Online stattfinden. Wir brauchen Internetbeauftragte in allen Redaktionen. Bei uns herrscht das Problem, dass wir eine relativ alte Redaktion haben, die dadurch bedingt nicht gerade dazu tendiert, Vorreiter in dem Bereich zu sein. In den kommenden zehn Jahren werden etwa 30 Kollegen in Rente gehen.

Interview:  Bernd-Volker Brahms

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Kommentar von Nils Müller | 25.11.2010

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