drehscheibe.org > Themen > Interviews > Interview mit Uwe Röndigs

Interviews

Uwe Röndigs ist Chefredakteur der Zeitungsgruppe Lahn-Dill.

tl_files/drehscheibe/Themen/Interviews/Martin_Schulz_online_neu.jpg

„Wir tun gut daran, den Autorisierungswahn zurückzuschrauben“

Wer kennt das nicht? Man hat ein Interview geführt, es sorgfältig bearbeitet und zur Autorisierung geschickt. Zurück jedoch erhält man einen Text, den man kaum wiedererkennt. Die Nachrichtenredaktion der Zeitungsgruppe Lahn-Dill hat nun eine Grenze gezogen. Ein Interview mit Renate Künast, der Fraktionsvorsitzenden der Grünen im Bundestag, wurde nach der Autorisierung nicht veröffentlicht. Die drehscheibe sprach mit Uwe Röndigs, dem Chefredakteur der Zeitungsgruppe, über die Gründe der Ablehnung. 

Die Leser konnten lesen, warum es nichts zu lesen gab.

Herr Röndigs, warum haben Sie das Interview nicht veröffentlicht?


Zunächst muss man sagen, dass es sich um ein völlig normales Interview gehandelt hat. Es ging nicht um hyperbrisante Themen. Zuvor hatten wir auf unserem Online-Forum auf mittelhessen.de unsere Leser gefragt, was sie von Frau Künast wissen wollen. Es ging um Verbraucherthemen, die Pendlerpauschale usw. Diese Leserfragen haben wir dann auch ins Interview eingebracht. Mehrere Kollegen befragten Frau Künast, das Gespräch dauerte etwa eineinhalb Stunden. Wir haben das Interview aufgezeichnet und es hinterher ganz normal verarbeitet und zur Autorisierung an die Pressestelle gegeben. Als es an uns zurückgeschickt wurde, betrafen die Veränderungen rund Zweidrittel des Textes. Eine Frage, die für die Leser sicherlich interessant gewesen wäre, war völlig umgearbeitet. Es gab daraufhin einen Mailverkehr mit der Pressestelle, ohne dass eine Einigung erzielt worden wäre. Also haben wir gesagt, dass wir auf den Abdruck verzichten. Wir haben das unseren Lesern dann auch mitgeteilt – sowohl online als auch Print.

Eingriffe bei Autorisierungen wurden in der Vergangenheit schön öfter kritisiert. Wo ist für Sie eine Grenze erreicht, an der Sie sagen: Das kann ich nicht mehr drucken!


Autorisierungen machen ja nur in zwei Fällen wirklich Sinn. Zum einen, wenn ich Interviewpartner vor mir habe, die relativ unerfahren sind. Das ist dann eher eine vertrauensbildende Maßnahme. Zum anderen ist eine Autorisierung ratsam, wenn es in dem Gespräch um technische Details geht, um diffizile Sachverhalte. Da kann es durchaus von Vorteil sein, sich zu versichern, dass alles richtig wiedergegeben ist.

Eine Grenze ist für mich allerdings erreicht, wenn sich bei mir der Eindruck einstellt, dass die Presse zum Statisten in der politischen Inszenierung werden soll. Und genau diesen Eindruck hatte ich in diesem Fall. Da wurden Äußerungen korrigiert, um sie politisch zu glätten. Aber das ist nicht unsere Aufgabe. Wir würden uns instrumentalisieren lassen.

Oft ist es ja auch so, dass durch das Umschreiben das Interview sprachlich nicht unbedingt schöner wird. Wird durch diese Unsitte das Format des Interviews entwertet?


Das ist ein ganz wichtiger Punkt. Das Interview ist etwas sehr Authentisches. Auf diese Art aber wird es als Stilform missbraucht und kaputt gemacht. Es wird nur noch dazu benutzt, ein Parteiprogramm abzuspulen. Natürlich gibt es Situationen, in denen ein Interview nicht persönlich geführt werden kann, sondern vielleicht nur per Chat, manchmal muss man eine Frage schriftlich stellen, das kommt vor, aber alles in allem muss die Stilform als solche bewahrt bleiben. Auch das war ein wichtiger Grund für uns, das Interview nicht zu drucken.

Haben Sie im Redaktionsalltag öfter Probleme mit Autorisierungen?


Das hängt immer mit der Erwartungshaltung des Gegenübers zusammen. Wahlkampfzeiten verschärfen das Problem. Ich hatte bei einer anderen Zeitung einmal einen ähnlich gelagerten Fall mit dem BKA. Auch damals wurde ein Interview völlig umgearbeitet und sinnentleert, sodass wir es  nicht gedruckt haben. Das kommt sicher nicht regelmäßig vor, aber bei sensiblen Themen in sensiblen Zeiten taucht das schon mal auf.

Es ist ja vor allem in Deutschland ein Problem. In England etwa ist das Autorisieren unüblich. Müssen wir diese Praxis überdenken?


Ja, absolut. Vor allem politische Profis sollten den Satz „Es gilt das gesprochene Wort“ stärker beherzigen. Sicherlich ist das auch eine Reaktion auf manchen Durchritt durch die Presselandschaft. Zitate können ja ihre eigene Dynamik bekommen, wenn sie erst einmal im Umlauf sind. Medien tragen natürlich auch dazu bei, dass diese Spirale angedreht wird. Aber insgesamt tun wir gut daran, diesen Autorisierungswahn zurückzuschrauben.

Von Frau Künast kriegen Sie wahrscheinlich so schnell kein Interview mehr. Fürchten Sie, dass auch andere Politiker ihr Blatt jetzt meiden?


Uns hat diese Geschichte überhaupt nicht geschadet. Unser Standing als eigenständig denkende Institution vor Ort wurde eher gestärkt. Ich würde das immer wieder so machen. Wir sind auch nicht von einzelnen Stimmen abhängig. Wir tun gut daran, uns in der Frage der Gesprächspartner breit aufzustellen. Wer uns kein Interview geben will, der hat uns ohnehin nicht auf dem Radar. Damit kann ich gut leben. Man sollte bei diesem Thema sehr viel selbstbewusster sein.   

Interview: Stefan Wirner


Kontakt:

Uwe Röndigs
E-Mail: U.Roendigs@mittelhessen.de

Vor einiger Zeit bereits hat die drehscheibe eine Umfrage zur Frage der Autorisierungen durchgeführt. Hier geht's zum Text.

Veröffentlicht am 26.August 2013

trenner
Share |

Kommentare

Kommentar von dings | 27.08.2013

@Madde: Ich nehme an, dass es da rechtliche Probleme gibt, wenn der Interviewpartner einer Veröffentlichung des gesprochenen Wortes nicht eindeutig zugestimmt hat. Aber prinzipiell schwebte mir das auch im Kopf. Wenn man vorher bereits klarmacht, dass das Interview in voller Länge online erscheint, nimmt das dem Partner auch die Option, durch massiven Eingriff in redaktionelle Abläufe die Aussagen des Interviews zu verändern. Zumindest im Umgang mit Politikern und Pressesprechern großer Unternehmen wäre das wohl eine Option.

Dass man Wissenschaftlern und anderen Experten sowie in Sachen PR Unerfahrenen die Chance gibt, noch einmal über den Text zu sehen, ist dann wiederum eine andere Sache (mit denen kann man auch meist nochmal reden, wenn sie zu viel redigieren ;) )

Kommentar von Sekko | 27.08.2013

Also ganz im ernst,
es gibt glaube ich genug Beispiele wo Interviews so verdreht und gekürzt wurden, dass der Sinn total entstellt wurde. Das sind auch keine Einzelfälle sondern hat eher schon System (wobei ich das hier jetzt niemandem explizit vorwerfen möchte so zu arbeiten). Solange man sich aber nicht sicher sein kann, das der Journalist ordentlich arbeitet, ist ein "lasst mich bitte am Ende nochmal drüber lesen" kein Problem und auch nicht verwerflich. Und eine Veröffentlichung des entsprechenden Audio-Materials sollte selbstverständlich werden, da jedem Bürger die Möglichkeit eingeräumt werden sollte, sich sein eigenes Bild zu machen.

Kommentar von ths | 27.08.2013

wäre doch sehr interessant, wenn man Original und Fälschung nebeneinander sehen könnte ;)

Kommentar von Madde | 27.08.2013

Wenn das Gespräch aufgezeichnet wurde, warum stellt ihr das Audio nicht einfach auf eure Website und stellt dem ggf. die Fassung der Pressestelle gegenüber?

Ich kann verstehen, dass es im Print schwierig wäre, da ein 1:1 transkribiertes Gespräch meist wie Gestammel aussieht, aber wofür habt ihr denn eine Webpräsenz?

Kommentar von Hanno Kabel | 26.08.2013

Warum ist es in England und Amerika unüblich, Interviews autorisieren zu lassen? Unter anderem deshalb, weil die Kollegen dort die Form des gedruckten, sogenannten
Wortlaut-Interviews kaum verwenden.

Das Problem dieser Form ist, dass sie scheinbar authentisch, in Wahrheit aber künstlich ist. Um ein aufgezeichnetes Gespräch lesbar zu machen, muss der Redakteur es fast immer erheblich straffen, umformulieren und umbauen. Deshalb ist es verständlich, wenn der Interviewte es vor der Veröffentlichung lesen will.

Vielleicht sollten wir diese Form weniger verwenden, gerade bei Politikern. Wir bauen die Zitate in einen gut gegliederten, analytischen Fließtext ein -- und sparen uns den Ärger mit der Autorisierung.