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Ulrich Graser ist stellvertretender Redaktionsleiter der Lokalredaktion Forchheim der Nürnberger Nachrichten.

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„Die Menschen interessieren sich für Lokalhistorie“

Von Montag bis Samstag erscheint in den Nürnberger Nachrichten ein Kalenderblatt mit einem Anreißer über ein Thema, das genau an diesem Tag vor 50 Jahren im Nürnberger Lokalteil erschienen war. Vor einiger Zeit kam Redakteur Ulrich Graser auf die Idee, dieses Kalenderblatt online zu stellen. Seit Januar 2011 erscheint täglich der Original-Text eines Artikels von vor 50 Jahren, mit den Original-Fotos auf der Homepage des Blatts. Zusätzlich werden alle historischen Fotos eines Monats in einer fortlaufend wachsenden Bildergalerie gesammelt. Vor allem diese Bildergalerien haben enorme Zugriffsraten. Über die Lust am Vergangenen sprach die drehscheibe mit Ulrich Graser, stellvertretender Redaktionsleiter der Lokalredaktion Forchheim.

Hier geht's zu den Kalenderblättern.

Wie sind Sie auf die Idee gekommen, dieses historische Kalenderblatt online zu stellen?

Die Idee geht auf eine Beobachtung zurück, die wir in der Online-Redaktion gemacht haben, nämlich dass historische Themen sehr hohe Zugriffsraten haben. Vor allem lokalhistorische Themen. Also haben wir uns überlegt, wie wir dem Leser einen zusätzlichen Nutzen bieten können, der gleichzeitig der Zeitung nicht weh tut. Und da kam mir in den Sinn, dass wir eigentlich einen riesigen Schatz an Lokalhistorie in unserem Archiv liegen haben. Die Nürnberger Nachrichten erscheinen seit unmittelbar nach dem Krieg – seit Oktober 1945. Und seither werden jeden Tag lokale Artikel geschrieben. Die Schätze sind da, Text und Bild, jedenfalls das Allermeiste. Warum sollte man das nicht nutzen?

War es aufwendig, das Kalenderblatt auf der Homepage einzurichten?

Es ging darum, verschiedene Stellen im Verlag zusammenzubringen. Es war zunächst ein großer Aufwand, es hat sich aber inzwischen sehr gut eingespielt.

Wie sieht das in der Praxis aus?

Die Lokalredaktion Nürnberg macht sich sowieso jede Woche Gedanken darüber, was sie in der kommenden Woche im Historischen Kalenderblatt bringen will. Es erscheint von Montag bis Samstag auf einer lokalen Nürnberg-Seite. Da wird in zwei Sätzen das Thema angerissen, das vor 50 Jahren in Nürnberg Schlagzeilen gemacht hat. Dann erfasst der Redaktionsservice, zu dem Texterfassung, Korrekturen etc. gehören, diesen historischen Artikel aus einem alten Band heraus, und zwar in der damaligen Rechtschreibung. Das Bildarchiv indessen digitalisiert die dazugehörigen Bilder, sofern welche vorhanden sind. Ein glücklicher Zufall war, dass das Bildarchiv von sich aus sowieso das Material von vor 50 Jahren digitalisieren wollte. Text und Bild sind also dann elektronisch verfügbar, und die Online-Redaktion bastelt daraus dann den Online-Auftritt. Das heißt, jeden Tag erscheint ein Artikel, der genau 50 Jahre zurückliegt, und jeden Tag wächst die monatlich zusammengefasste Bildergalerie um ein oder zwei weitere Bilder.

Nach welchen Kriterien werden die Texte ausgesucht?

Das entscheidet die Lokalredaktion Nürnberg. Meistens sind es die Aufmacher, oft geht es zum Beispiel um spezielle Bauwerke. Sie müssen bedenken, dass Nürnberg Anfang der 60er Jahre teilweise noch zerstört war und in Ruinen lag. Es wurde sehr vieles aufgebaut, was es heute zum Teil noch gibt oder schon wieder nicht mehr gibt. Zum Beispiel die Meistersinger-Halle. Sie ist vor knapp 50 Jahren errichtet worden. Das ist der große Konzertsaal in Nürnberg, von dem man nicht genau weiß, ob er überhaupt noch ausreicht oder ob man ihn abreißen soll. Eine Stadt wie Nürnberg wird im Prinzip ständig umgebaut. Mit dem Kalenderblatt lassen sich die Veränderungen nachvollziehen. Das ist sehr spannend nachzulesen.

Ein anderes Beispiel. In Nürnberg gibt es den sogenannten Neptun-Brunnen. Der hatte schon verschiedene Standorte. Und vor einiger Zeit tobte in Nürnberg eine große lokale Debatte darüber, ob man diesen Brunnen aus dem Park, wo er jetzt steht, wieder auf den zentralen Platz, den Hauptmarkt, zurückstellen sollte, wo er mal eine Zeitlang stand. Genau in dieser Zeit erschien unser Kalenderblatt mit den Aufnahmen von seinem vorherigen Standort. So ergänzte die Lokalhistorie die aktuelle Debatte.

Wie kommt das digitale Kalenderblatt an?

Die Klickzahlen sind enorm gut. Das ist das, was die Onliner einen klassischen „long tail“ nennen. Man stellt das einmal online, und es wird immer wieder geklickt. Diese Bildergalerien haben Zigtausende Zugriffe im Monat. Wir erhalten Kommentare wie: „Vielen Dank für die Mühe, die Sie sich machen, ich schaue jeden Tag als erstes da rein, weil ich noch weiß, wie es früher dort aussah“ oder Anmerkungen wie:„Ja, da war dies und jenes Geschäft, da bin ich immer mit meiner Mutter langgelaufen“. Die schönste Reaktion kam vor kurzem aus Australien. Da ging es darum, dass ein Bild von den Folgen eines heftigen Sturms zu sehen war. Bäume waren im Yachthafen auf die Boote gestürzt. Ein Herr, der jetzt in Australien wohnt, schrieb, er habe seiner Frau immer erzählt, dass damals so ein heftiger Sturm gewesen sei und dass die Bäume auf die Boote gefallen seien. Und der Mann schrieb: „Meine Frau hat es mir nie geglaubt, und jetzt habe ich den Beweis!“

Woher kommt diese Lust an der Vergangenheit?

Die Menschen interessieren sich für die Lokalhistorie. Wie hat meine Stadt damals ausgesehen? Wie war das damals? Und 50 Jahre sind ein Zeitraum, in dem sich eine Großstadt wie Nürnberg schon sehr stark verändert. Gleichzeitig ist es aber auch noch überschaubar. Denn es ändert sich ja nicht alles auf ein Mal, sondern im Lauf der Jahrzehnte. Manches gibt es heute noch, manches ist wieder verschwunden. Und viele gerade ältere Leser können sich noch an das eine oder andere erinnern und können auch nachprüfen, ob das alles stimmt. Wenn ich in Nürnberg Bilder aus Dresden veröffentlichen würde, könnte es keiner nachprüfen. Aber die Nürnberger wissen, wie es damals ausgesehen hat. Und sie schauen aus dem Fenster, sehen wie es heute aussieht und vergleichen es dann. Und das übt doch eine große Faszination auf sie aus. Das ist für viele eine Sache, die ans Gemüt geht.

Interview: Stefan Wirner
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