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Thomas Kuban, dessen wahre Identität und Name unbekannt sind, recherchiert undercover im Rechtsrock-Milieu.

Stefan Fößel

Aus Sicherheitsgründen muss Thomas Kuban seine Identität verbergen.

„In den Liedtexten wird ständig zum Mord aufgerufen“

Sie trinken, grölen, tanzen Pogo, lassen ihrem Hass gegen Ausländer und Juden freien Lauf und zeigen den Hitlergruß: Neonazis auf Rechtsrock-Konzerten. Thomas Kuban, dessen echter Name nicht bekannt ist, hat sich jahrelang auf solchen Konzerten als Neonazi ausgegeben und heimlich mit der Kamera gefilmt.  Der Dokumentarfilm „Blut muss fließen“, der derzeit in einigen ausgewählten Kinos läuft, basiert auf seinem Material. Regie führte Peter Ohlendorf. Bislang läuft der Film nicht in den herkömmlichen Kinos, er wird aber auf einer Tournee an ausgewählten Orten gezeigt (Termine siehe unten). Außerdem wurde ein Buch mit gleichnamigem Titel bei Campus veröffentlicht. Die drehscheibe sprach mit Kuban über seine Undercover-Recherchen.

Szene auf einem Rechtsrock-Konzert

Herr Kuban, wie haben Sie es geschafft, in diese Konzerte hineinzugelangen?

 

Man muss dafür sehr tiefgehende Kontakte in die Neonazi-Szene knüpfen. Es geht ja zunächst darum, dass man überhaupt etwas von den konspirativen Konzerten mitbekommt. Man erhält Handy-Nummern oder E-Mail-Adressen, über die man dann Genaueres erfährt. Den Treffpunkt eines Konzerts bekommt man in der Regel erst am Konzerttag selbst mitgeteilt, meist erst wenige Stunden vorher. Dazu muss man persönliche Bekanntschaften geschlossen haben, was mir insbesondere übers Internet gelang, in Foren, Chats und sozialen Netzwerken. Ich hatte irgendwann jede Menge falsche Handynummern und Pseudonyme.

Sie haben über eine lange Zeit hinweg solche Konzerte besucht.


Ja, ich habe über neun Jahre lang Undercover-Drehs bei Nazikonzerten gemacht. Insgesamt habe ich 15 Jahre in der Szene recherchiert. Es hat schon einige Zeit gedauert, bis ich diesen Schritt gewagt habe und mit versteckter Kamera in ein Nazikonzert gegangen bin.

Wie haben Sie sich auf Ihre Konzertbesuche vorbereitet? Haben Sie das Grölen geübt? Hat Sie jemand beraten, zum Beispiel in Fragen des Outfits?


Das habe ich mir im Laufe der Zeit alles selbst angeeignet. Ich habe mir immer mehr Nazi-Klamotten gekauft, um auch variieren zu können – von der Verkleidung als tumber Skinhead in olivgrüner Bomberjacke und Springerstiefeln mit Stahlkappen bis hin zum gescheitelten NPD-Anhänger. Ich habe einfach eins zu eins ausgesehen wie ein Nazi. Aber ich habe mich auch mental auf diese Konzerte vorbereitet. Man fragt sich ja vorher immer, ob man dieses Risiko überhaupt noch einmal eingehen soll. In der Regel habe ich tagsüber schon die Nazimusik gehört, um wie ein Schauspieler, der sich auf seine Rolle vorbereitet, in diese Lebenswelt einzutauchen.

Sie haben sich auf den Konzerten auch wie ein Nazi verhalten müssen. Wie fühlte sich das an?


Am Anfang gehörte eine große Überwindung dazu. Im Lauf der Zeit wurde es ein Stückweit zur Routine. Ich habe die ganzen Jahre über sehr viel Rechtsrock gehört, um die Liedtexte auswendig zu können und im Smalltalk über die neusten CDs bestehen zu können. Das macht einen unverdächtig, wenn man die Lieder mitsingen kann, im Unterschied zu manchen Nazis nicht nur die Refrains, sondern auch mal eine Strophe. Da kommt keiner auf den Gedanken, dass man ein U-Boot, ein Journalist sein könnte.  
Allgegenwärtig auf Rechtsrock-Konzerten: der Hitlergruß.

Wie sind Sie mit der Angst umgegangen, dass Sie vielleicht doch einmal auffliegen könnten?

 

Diese Angst bekommt man nicht weg, und ich glaube, das ist auch gut so. Sonst würde man vielleicht leichtsinnig werden. Es ist immer eine Gratwanderung. Man muss selbst absolut überzeugt sein, dass sowohl die inhaltliche Legende – wer man ist, woher man kommt, welchen Beruf man ausübt – stimmig ist und dass gleichzeitig die Technik, die Kamera etc., nahezu perfekt untergebracht ist. Wenn man sich da unsicher wäre, würde einen die Angst darin hindern, auf so ein Konzert zu gehen. Wenn ich überzeugt war, dass alles bestmöglich vorbereitet war, dann gelang es mir, die Angst zu überwinden. Man muss wirklich in dieser Rolle drinstecken, wenn man auf so eine Halle oder so einen Schuppen zuläuft, und sich rundum verhalten wie ein Nazi. Sonst funktioniert es nicht.

Wie würden Sie die Stimmung auf den Konzerten beschreiben?


Die Stimmung ist hochgradig aggressiv. In den Liedtexten wird ständig zum Mord an Ausländern, Juden oder Andersdenkenden aufgerufen. Es wird viel Pogo getanzt, man springt sich gegenseitig an, das ist von einer Massenschlägerei oft nicht zu unterscheiden. Ich habe auch Auseinandersetzungen auf Konzerten erlebt, wiederholt in Belgien, wo es heftige Streits zwischen polnischen Nazis auf der einen und deutschen und österreichischen auf der anderen Seite gab. Die Deutschen und Österreicher haben einfach die Polen nicht als Teil der Bewegung akzeptiert. Eigentlich vertreten Nazis heute ja den Gedanken eines „Europas der Völker“, sie folgen der Theorie „Jedem Volk sein Land“, aber die Polen sind einigen nicht arisch genug.

Sind Sie auch mit Konzertbesuchern ins Gespräch gekommen?


Teilweise schon. Es gab natürlich immer Smalltalks, aber ich habe es nie darauf angelegt, denn ich wollte ja möglichst viel Material sammeln, ohne dass sich jemand danach an mich erinnern konnte.

Wie verliefen die Gespräche?


Zum Teil hatte ich Aha-Erlebnisse. Während man im Alltag die klassischen Nazi-Skinheads als Bedrohung wahrnimmt und im Zweifel die Straßenseite wechselt, wenn einem einer entgegenkommt, merkt man dann, dass es unter ihnen zumindest einige gibt, die unter ihresgleichen in gewisser Weise sympathisch wirken. Einfach, weil sie einen als ihresgleichen akzeptieren. Man merkt auch, dass das Klischee vom dummen Neonazi nur eingeschränkt stimmt. Es gibt unter ihnen inzwischen auch viele Leute mit Abitur, Studenten, das merkt man auch in den Gesprächen.
Auf den Konzerten gibt es immer auch rechtextreme Musik zu kaufen.

Wie sollten Lokalzeitungen über diese Konzerte berichten?


Diese Konzertszene ist aus lokaljournalistischer Sicht nur sehr schwer zu beobachten. Die Konzerte werden von überregional agierenden Organisatoren veranstaltet. Da kann der erste Treffpunkt in einem Dreiländereck liegen, dann geht es nach Belgien rüber, dann nach Frankreich oder wieder zurück nach Deutschland. Dem ist mit lokaljournalistischer Recherche nur schwer beizukommen. Allerdings kennt man vor Ort noch am ehesten die Personen und Hintergründe. Hier kann man schauen: Wo entstehen Treffpunkte? Haben sie eine Basis, wo sie weitere Jugendliche anwerben? Was passiert in den Jugendclubs?

Wenn man an diesen Aktivitäten dran bleibt, kann es durchaus mal sein, dass man etwas von einem Konzert in der Region mitbekommt. Bei angekündigten Aufmärschen von Neonazis kann es sinnvoll sein, sich ein Pseudonym zuzulegen und einen E-Mail-Account zu eröffnen, man kann sich vielleicht auch ein altes Haus aussuchten, wo man möglicherweise einen Briefkasten anbringen kann, sodass man sogar eine Postadresse hat. Anschließend kann man versuchen, über eine E-Mail-Kontaktadresse mit den Organisatoren in Verbindung zu treten, man kann sie anschreiben und sagen, man sei gerade hergezogen und man wolle nähere Informationen zum Aufmarsch. So kann man vielleicht etwas über konspirative Treffpunkte erfahren. Manchmal wechselt ja auch kurzfristig der Demonstrationsort. Die Nazis wollen ja, dass zu diesen Veranstaltungen möglichst viele Leute kommen, also müssen sie die konspirative Vorgehensweise etwas lockern und Leute mit einbeziehen, die sie nicht kennen.

Was wäre Ihre politische Forderung nach diesen Erfahrungen?

Es kommt auf alle gesellschaftlichen Kräfte an – auf die Politiker, die das Thema ernst nehmen und genügend Geld für die Jugendarbeit zur Verfügung stellen müssen, es kommt auf die Sicherheitsbehörden an, darauf, dass die Polizei Straftaten auch ahndet und nicht wegsieht, wenn der Hitler-Gruß gezeigt wird oder volksverhetzende Lieder gesungen werden. Die Neonazi-Musikszene ist nicht Teil einer Subkultur, es ist die zentrale Szene, in der Jugendliche angeworben werden. Man sollte das Problem nicht kleinreden, nach dem Motto, die tun doch niemandem etwas, denn das tun sie sehr wohl.

Was kann der Einzelne tun?

 

Es kommt auf jeden Bürger an, dass er nicht wegschaut, wenn Jugendliche auf die falsche Bahn geraten, dass man das Gespräch sucht und nach den Ursachen fragt, dass man die Jugendlichen aufklärt, dass es sich um eine menschenverachtende Ideologie handelt. Und natürlich spielen die Medien eine wichtige Rolle. Sie dürfen diese Themen nicht totschweigen, sondern müssen hinschauen. Zu sagen, man dürfe denen keine Plattform geben, halte ich für völlig falsch. Wenn man nicht über sie aufklärt, werden sie immer stärker. Eine intensive, regionale wie überregionale Berichterstattung halte ich für absolut notwendig. Wenn all diese Kräfte zusammenwirken, dann kann man erfolgreich gegen die Nazi-Bewegung vorgehen.

Interview: Stefan Wirner

 

Filmtermine
Auf der Internetseite zum Film werden regelmäßig die nächsten Filmtermine veröffentlicht. Der Film belegte den zweiten Platz des Alternativen Medienpreises. Kuban erhielt für seine Arbeit den Georg-Elser-Preis der Stadt München.

Das Buch
Thomas Kuban: Blut muss fließen. Undercover unter Neonazis. Campus 2012, 316 Seiten, 16,99 Euro.

 

Alle Fotos auf der Seite: Thomas Kuban.

 

Veröffentlicht am 30. September 2013

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