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Thomas Haag ist Leiter der Lokalredaktion bei der Allgemeinen Zeitung (Mainz).

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„Ohne uns wäre das System einfach weitergelaufen“


Thomas Haag, Leiter der Lokalredaktion bei der Allgemeinen Zeitung (Mainz), deckte in einer Artikelserie über die Vergabe von Landesgartenschauen in Rheinland-Pfalz ein Selbstbedienungsgeflecht der immergleichen Gartenbauunternehmen und Landschaftsarchitekten auf, das selbst von der Landes- und Kommunalpolitik toleriert wurde. Für seine Recherche erhält er den Ralf-Dahrendorf-Preis der Badischen Zeitung. Wir sprachen mit ihm über sein Vorgehen.

Hier lesen Sie einen Text der Badischen Zeitung zu den Preisträgern.

Zum Download des Artikels auf das Bild klicken.

Herr Haag, wie haben Ihre Recherchen zum „System Landesgartenschau“ begonnen?



Begonnen haben sie im Grunde im Jahr 2008. Ich war zu der Zeit Redaktionsleiter in Bingen, wo damals die Landesgartenschau stattfand. Die Zeitung begleitete das Event als Medien- und Kooperationspartner. Wir hatten auf dem Gelände eine Redaktion aufgebaut, die für die sechsmonatige Dauer der Gartenschau sieben Tage in der Woche geöffnet war. Daher hatte ich einen direkten Zugang zu dem Thema, übrigens einen sehr positiven. Mir fiel jedoch schon damals auf, dass ich den gleichen handelnden Personen immer wieder in unterschiedlichen Funktionen begegnete. Das war augenfällig.

 

Wie gingen Sie dann vor?

 

Als die nächste Gartenschau an Landau vergeben war und die gleichen Personen auftauchten, begannen wir, nach Verträgen zu suchen und uns die ganze Organisationsstruktur dahinter einmal anzuschauen. Gleichzeitig haben wir erfahren, dass der Landesrechnungshof die Vorgänge um die Gartenschau in Bingen sehr kritisch prüfte, und die Staatsanwaltschaft in Koblenz nicht zum ersten Mal ein Ermittlungsverfahren eingeleitet hatte. Wir fingen an, dieses System in Kleinarbeit aufzudröseln. Ich bin durch die ganze Republik gefahren, um mit Leuten zu sprechen, die bei der Landesgartenschau mitgearbeitet hatten. Über diesen Punkt kann ich auch heute noch nicht so offen sprechen, weil sich quasi alle Gesprächspartner bei den Recherchen ausdrücklichen Informantenschutz ausgebeten haben. Immer noch sind bis heute Ängste vor beruflichen Repressalien vorhanden. Der ganze Betrieb der Grünen Verbände ist eine sehr geschlossene Veranstaltung. Wer da in Ungnade fällt, kann es schwer haben, wieder einen Job zu bekommen.

Mit welchen Problemen hatten Sie während der Recherche zu kämpfen? Gab es Leute, die versuchten, Sie von der Geschichte abzuhalten?



Ab einem gewissen Punkt ging das übliche Sperrfeuer los. Es gab eine ganze Reihe von Unterlassungs- und Gegendarstellungsforderungen und Klageandrohungen der betroffenen Personen – bei der Schwere der Vorwürfe auch nicht anders zu erwarten. Wir mussten jedoch bis heute nichts zurücknehmen – bis auf eine Kleinigkeit, da hatte ich eine Funktionsbezeichnung verwechselt, eine redaktionelle Marginalie. Aber unsere Rechtsabteilung war für eine gewisse Zeit durchaus intensiv mit der Sache beschäftigt.

Welche Folgen hat Ihre Berichterstattung nach sich gezogen?



Die Opposition im Landtag hat das Thema mehrfach zum Gegenstand kleiner Anfragen im Umweltausschuss gemacht. Es wurde seitens des Landes ein Kontrollsystem eingeführt. Der Landesrechungshof begleitet die Gartenschau in Landau jetzt kontinuierlich und hat dort in der GmbH ein eigenes Büro. Ministerpräsidentin Malu Dreyer hat jüngst in einem Interview mit der Allgemeinen Zeitung gesagt, die einst bei Gartenschauen fast allmächtige Projektgesellschaft solle bei den Vergaben „nicht mehr beteiligt sein“. Ich glaube, ohne unsere Berichterstattung wäre dieses System einfach weitergelaufen.

Was hat Sie bei der Recherche angetrieben?



Nach der Anfangsrecherche traf ich mich mal abends mit meinem Kollegen und stellvertretenden Chefredakteur Lars Hennemann. Dabei zeichnete ich ihm spontan  - wirklich  auf dem viel zitierten Bierdeckel - den Kreislauf des „Systems“ Landesgartenschau auf, der später bei der Erstveröffentlichung im wesentlichen genau so auch als Grafik in der Allgemeinen Zeitung erschien und später fast unverändert von anderen Medien übernommen wurde. Die Reaktion bei ihm und bei vielen anderen, denen ich das System aufgezeigt habe, war immer, es könne doch nicht sein, dass es so „einfach“ ist. Aber genau so einfach war es. Unser journalistischer Ehrgeiz bestand darin, der Öffentlichkeit vorzustellen, wie reibungslos und öffentlich völlig unbeachtet ein solches System funktionieren kann.

Inwiefern hat Sie Ihre Redaktion bei der Recherche unterstützt?



Mein eigentlicher Job ist das Leiten von Lokalredaktionen. Das ist ein Job, bei dem man keinen zweiten dazu braucht. Die Recherche zu den Landesgartenschauen hat sich nach und nach vertieft, auch zeitlich und aufwandsmäßig intensiviert. In jener Zeit – das möchte ich  lobend erwähnen – verzichteten die Kollegen, die mit mir in den Redaktionen arbeiten, auch mal einen oder zwei Tage auf ihren Chef und übernahmen meine Aufgaben mit, damit mir Zeit für die Recherche blieb. Auch das ein oder andere Wochenende ist dafür draufgegangen. Für das dafür aufgebrachte Verständnis danke ich meiner Familie sehr.


Interview: Adrian Pooth

 

Veröffentlicht am 17. Juni 2013

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