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Über soziale Netzwerke wie Facebook und Twitter können Redaktionen schnell an Informationen kommen, die ihnen ansonsten nicht zur Verfügung stünden. Die drehscheibe fragte den Social-Media-Experten zu den Potentialen und Gefahren der Recherche im Social Web.

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Vom Nutzen und Nachteil der Netzwerke für die Zeitung

Steffen Büffel ist Social-Media-Experte und Geschäftsführer der Agentur Mediati

 

Herr Büffel, bei der Explosion einer Fliegerbombe in Göttingen vergangene Woche verbreitete sich über Twitter in Windeseile die Falschmeldung, es habe sich um eine Gasexplosion gehandelt. Das wurde auch von etablierten Medien aufgenommen und weiter verbreitet. Wie lässt sich so etwas vermeiden?

Redaktionen sollten mit Informationen aus sozialen Netzwerken genauso kritisch umgehen, wie mit jeder anderen Quelle auch. So lange es sich um unbekannte Quellen handelt, die ihre Vertrauenswürdigkeit noch nicht nachhaltig bewiesen haben, gilt es nachzuhaken, die Informationen zu verifzieren. Twitter und Co. haben natürlich ihren Reiz. Zum einen ist es die Schnelligkeit, mit denen dort Informationen verbreitet werden können und der Verstärkereffekt, der durch das Weiterleiten von Links, das Retweeten oder das Teilen auf Facebook hervorgerufen wird. Aber eine Information wird deshalb nicht richtiger, nur, weil viele Leute Kopien oder Versionen davon in die Welt gesetzt haben.

Die Nordwest-Zeitung wies ihr Online-Leser darauf hin, dass aktuelle Informationen zu dem Ereignis unter dem Hashtag #goebombe zu finden sind. Ist das der richtige Weg das Social Web in die Berichterstattung einzubinden?

Zum einen glaube ich, dass ein noch viel zu großer Prozentsatz der Mediennutzer überhaupt nicht versteht, was ein Hashtag ist und somit auch nicht einordnen kann, was einem die Redaktion damit sagen möchte. Es muss erklärt werden. Diejenigen Leser und User, die damit etwas anfangen können, werden dann aber mit der Einordnung der unter dem Hashtag veröffentlichten Informationen allein gelassen. Hier ist die Redaktion in der Verantwortung, auch selbst am Ball zu bleiben und den Nachrichtenstrom aus Twitter zu filtern, zu bewerten und in die Fakten- und Nachrichtenlage einzuordnen.

Was das Social Web leisten kann, zeigte sich bei der Köhler-Krise. Die umstrittenen Interviewäußerungen des ehemaligen Bundespräsidenten wurden erst durch Blogs und Twitter zum Thema in den großen Medien. Funktioniert das nur im Überregionalen oder kann man auch im Lokalen das Social Web nutzen, um auf Themen und Geschichten zu stoßen?

Das Beispiel zeigt, wie sehr klassische Medien gefordert oder teils auch überfordert sind, wenn zwei unerwartete Politikerrücktritte nahezu gleichzeitig stattfinden. Das Beispiel zeigt auch, wie wenig es Blogs und Twitter gelingt, eigene von den Massenmedien unabhängige mediale Öffentlichkeiten zu erzeugen. Will sagen: Der Fall ist ein Musterbeispiel dafür, wie im Zusammenspiel durch klassische Massenmedien und Social Media Nachrichten inzwischen auf die Agenda gehievt werden. Selbstverständlich funktioniert das auch im lokalen Social Web. Es ist allerdings nicht vorhersehbar, zu welchen Themen wer, wann wo etwas in Twitter, Facebook, Blogs, Wer-kennt-wen und Co. veröffentlicht. Heißt im Umkehrschluß, dass Redaktionen das (lokale) Social Web im Auge behalten und systematisch beobachten sollten. Die Werkzeuge dafür stehen im Netz zur Verfügung (RSS-Reader, Suchfilter für Twitter etc.), man muss sie nur nutzen und die Ergebnisse in die Redaktionskonferenzen und bei der Themenplanung einfließen lassen.

Zum Schluß noch zum Geld: Die taz nutzt seit kurzem als erste Zeitung den Micropaymentdienst flattr und hat in den ersten zwölf Tagen 143,55 Euro damit erwirtschaftet. Das dürfte nicht ausreichen, um journalistische Inhalte im Netz zu finanzieren, oder?

Flattr ist ein interessanter Ansatz, das Zahlen von Kleinstbeträgen im Netz zu etablieren. Für die Kostenstruktur von Verlagen sind die jetzt bekannt gewordenen Beträge natürlich noch viel zu klein. Stand heute, sehe ich viel mehr Potential für freie Journalisten. Da macht es einen großen Unterschied, ob man 143,55 Euro hat oder nicht. Für Verlage wird es wichtig sein, originäre Inhalte zu liefern, die die Qualitätsansprüche der Leser erfüllen und die es woanders nicht gibt. Es geht also um die journalistische Leistung und die Fähigkeit, Themen lesernah aufzubereiten. Wer das schafft, wird dann vielleicht auch von Flattr belohnt. Denn da Zahlen die Leser freiwillig für Inhalte, die ihnen gefallen haben.

Interview: Jan Steeger

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Kommentare

Kommentar von Nils Müller | 25.11.2010

Mein Test-Kommentar.