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Stefan Lutz ist Chefredakteur des Südkurier (Konstanz).

Stefan Lutz ist Chefredakteur des Südkuriers.

„Die Welt ist keineswegs eine durchgängige Festveranstaltung“

Anfang 2010 legte der Südkurier einen doppelten Relaunch hin. Unter der Regie von Chefredakteur Stefan Lutz hat sich das Blatt optisch und inhaltlich neu aufgestellt. Für das Relaunch-Konzept „Lust auf Heimat“, bei dem es vor allem darum ging, das Lokale zu stärken, ist die Regionalzeitung aus Konstanz jetzt mit dem Deutschen Lokaljournalistenpreis der Konrad-Adenauer-Stiftung ausgezeichnet worden. Aus über 436 Einsendungen wurde der Südkurier von der Jury als Preisträger ausgewählt. Die drehscheibe sprach mit Stefan Lutz über das ausgezeichnete Konzept der Heimatzeitung.

Herr Lutz, „Lust auf Heimat“ heißt das Konzept Ihrer Zeitung, für das Sie jetzt den Deutschen Lokaljournalistenpreis erhalten haben. Wie machen Sie Ihren Lesern Lust auf Heimat?

Ich bin der Auffassung, dass eine Tageszeitung neben all den mitunter schrecklichen Nachrichten, die sie transportieren muss, vor allen Dingen Wärme ausstrahlen sollte. Generationen von Journalisten sind mit dem Leitspruch groß geworden: „Die Tageszeitung muss wie ein guter Freund sein.“ Das ist auch heute noch aktuell, trotzdem trifft man im Blätterwald – um im Bild zu bleiben –  auf erstaunlich viele missgelaunte Freunde, biedere Typen, die eher Dröges erzählen. Da wollten wir uns deutlich von abgrenzen. Deshalb haben wir uns zu Beginn des Jahres 2010 ein Leitmotiv gegeben, das „Lust auf Heimat“  heißt. Dieses Motiv ist ein Lebensgefühl und das Bekenntnis zu unserem Verbreitungsgebiet, unserer Heimat. Wir mögen sie. Und wir mögen die Menschen, die in unserer Heimat leben. Vor allem aber mögen wir es, für diese Menschen zu arbeiten und zu schreiben. Wenn es gelingt, diese Ansätze in neue und innovative redaktionelle Formate zu packen, dann strahlt die Zeitung Wärme aus. Das ist uns gelungen.

Das klingt ein wenig nach Wohlfühl-Zeitung. Ist da auch noch Platz für Geschichten über die Missstände in der Region?

Der neue Südkurier sollte selbstverständlich eine Zeitung werden, die man morgens gerne aus dem Briefkasten holt und auf den Frühstückstisch legt. Dazu gehörte neben neuen Inhalten auch ein modernes und mutiges Layout. Aber wenn Sie Tag für Tag den Lesern nur erzählen, dass die Welt ein Freudenfest ist, dann werden Sie nicht mehr ernst genommen. Denn die Welt ist keineswegs eine durchgängige Festveranstaltung. Es ist eine Selbstverständlichkeit, dass zur Lust an der Heimat auch das Benennen von Missständen gehört. Da müssen Regionalzeitungen klares Profil zeigen. Dazu gehört auch, Meinungen zu vertreten. Deshalb haben wir unter anderem den Anteil von Meinungsbeiträgen in der Zeitung erhöht – und zwar nicht im Mantel, sondern in den Lokalteilen. Wir sind streitbarer geworden, was bei den Lesern gut ankommt. Davon abgesehen haben meine Lokalredaktionen aber den Auftrag,  ganz bewusst auch nach positiven Geschichten Ausschau zu halten, ohne gefühlsduselig zu werden.

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Was verstehen Sie unter dem Begriff Heimat?

Wir haben unlängst eine Schwerpunktausgabe zum Thema „Heimat“ gemacht und uns diesem Begriff aus sehr vielen Perspektiven genähert. Für viele  ist Heimat ein Gefühl  beispielsweise Geborgenheit im Freundeskreis. Für andere ist es ein Ort – vielleicht die Stadt, in der man aufgewachsen ist. Für Dritte ist es eine Landsmannschaft. Heimat kann man nicht eindeutig definieren, daran haben sich unzählige Literaten, Künstler und Heimatforscher versucht und sind alle gescheitert. Was die eindeutige Definition anbelangt, scheint Heimat etwas sehr Deutsches zu sein – denn in kaum eine andere Sprache lässt sich Heimat in unserem Sinne übersetzen. Für mich persönlich ist Heimat etwas Emotionales: Als Norddeutscher habe ich meine Frau, eine Süddeutsche, in Griechenland kennen gelernt. Unsere Kinder sind in Hamburg und in der Schweiz geboren, nun leben wir in Konstanz. Meine Heimat ist die Familie – oder, um es mit Johann Gottfried von Herder zu sagen: Der Ort, an dem ich mich nicht erklären muss.

Sie haben den Südkurier doppelt gerelauncht – inhaltlich und optisch. Was hat den Ausschlag für diesen Schritt gegeben?

Wir mussten uns renovieren, die Zeit war reif dafür. Die Zeitung war in den Lokalteilen eingefahren, manche Kollegen waren zu schnell mit ihrer eigenen Arbeit zufrieden, es fehlte an frischen Ideen. Dazu kam ein biederes Layout, das kaum Spielräume zuließ. Die Entscheidung für den Zeitpunkt war aber an eine andere Entscheidung gekoppelt – nämlich an die der Geschäftsführung, eine völlig neue Druckerei zu bauen. Diese Investition, knapp 30 Millionen Euro,   hat der Redaktion völlig neue Wege ermöglicht, bis hin zu einem handlicheren Format und Farbe auf allen Seiten. Diese Maschine ist ein Traum. Sie ging kurz vor unserem Relaunch in Betrieb.

Wie haben die Leser das neue Konzept des Südkuriers aufgenommen?

Die Reaktionen der Leser sind eine wahre Liebeserklärung. Wir haben neun Monate nach Umstellung auf den neuen Südkurier eine umfangreiche Leseranalyse vom Institut für Demoskopie Allensbach machen lassen. Die Analyse war bewusst so ausgerichtet, dass wir die von uns vermuteten Schwachstellen beleuchten ließen. Das Ergebnis war dann erfreulicher als erwartet: Alle Neuerungen haben voll bestanden, die Leser wollen den Südkurier genauso wie er ist. Lediglich der Wunsch nach noch mehr lokalen Inhalten fiel auf. Daran arbeiten wir.

Was haben Sie sich als nächstes vorgenommen?

Zunächst einmal wollen wir unser Niveau halten. Im Sport sagt man: Aufsteigen ist einfach – oben bleiben dagegen schwer. Da ist schon was dran. Aber ich bin zuversichtlich, denn die Redaktion bekennt sich zur neuen Ausrichtung, die Kollegen ziehen fantastisch mit. Dieses Jahr haben wir uns trotzdem noch einige Neuerungen vorgenommen, vor allem im Digitalen. Hier werden wir uns eine neue Architektur geben. Wie die aussehen wird, kann ich leider noch nicht verraten. Aber sie wird wieder Lust machen.

 

Interview: Jan Steeger

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