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Stefan Kläsener ist Chefredakteur der Westfalenpost (Hagen).

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„Wir haben keine journalistischen Heldentaten vollbracht“

Enver Simsek war das erste NSU-Mordopfer. Er wurde im Jahr 2000 an seinem Blumenstand in Nürnberg ermordet. Ursprünglich stammte er aus Schlüchtern in Hessen. Dort war damals Stefan Kläsener Redaktionsleiter der Kinzigtal-Nachrichten, einer Lokalausgabe der Fuldaer Zeitung. Wir sprachen mit dem heutigen Chefredakteur der Westfalenpost über die journalistische Herausforderung in jenen Tagen, über Vermutungen und Versäumnisse.

Lesen Sie auch das Interview mit Peter Schwarz, Co-Autor des Buches „Schmerzliche Heimat“.

Seit 8. März im Handel: Das Buch von Peter Schwarz und Semiya Simsek

Herr Kläsener, wie erlebten Sie damals diese Zeit in Schlüchtern?

 

Es war von Anfang an ein sehr widerborstiger Fall. Kapitaldelikte waren in der Region relativ selten, und dieser Mord war so gelagert, dass die üblichen Verdachtsmuster nicht funktionierten. Nach kurzer Zeit rückte dann das bayerische Landeskriminalamt in Schlüchtern ein, und schon bald drückten die örtlichen Polizeibeamten ihr Unwohlsein darüber aus, dass ganz vehement nach Drogen und ähnlichem nachgefragt wurde, obwohl die hessischen Landbeamten durchaus wussten, wer im Drogenmilieu unterwegs war und wer nicht. Man dachte, das kann einfach nicht sein, in welche Richtung die bayerischen Beamten da ermitteln. Eines war nämlich auffällig: Die Täter hatten gar nicht wissen können, dass Enver Simsek zu dieser Zeit an diesem Ort in Nürnberg war. Denn es war einem Zufall geschuldet gewesen, dass er sich dort aufhielt.

 

Es gab also Zweifel an der Theorie, es handele sich um einen Mord im Drogenmilieu?

 

Ja, ganz eindeutig. Mit diesem Tonfall haben wir auch gar nicht darüber berichtet. Allen in dieser Kleinstadt war klar, dass das zwar eine Theorie war, die geprüft werden musste, aber dass diese Erklärung äußerst unwahrscheinlich war. Die Simseks waren eine stadtbekannte Familie, ihr Blumenladen lag zwischen dem örtlichen Kaufhaus und der Polizei, unsere Zeitungsredaktion befand sich direkt gegenüber, man kannte sich, und es war klar, dass das ganz fleißige, brave Leute sind.

 

Wie sah Ihre Berichterstattung damals aus?

 

Nach der zweiten oder dritten Tat der NSU war die Rede von den „Döner-Morden“, ich weiß nicht mehr, ob wir das damals auch so geschrieben haben, aber ich glaube eigentlich nicht. Wir haben die Geschichte immer wieder aufgegriffen und gefragt: Was ist eigentlich mit dem Mord an Enver Simsek, warum ist er noch nicht aufgeklärt? Wie passt er zu den anderen Morden? Aber es gab auch nicht viel darüber zu berichten, die Faktenlage war dünn.

 

Warum war es so schwer, in dem Fall weiterzukommen?

 

Es gab ja praktisch keine Ermittlungsergebnisse, außer dass immer wieder diese Tatwaffe verwendet wurde und dass es immer gegen Ausländer ging. Außerdem haben die örtlichen Beamten den Fall sehr frühzeitig entzogen bekommen, sie verrichteten da mehr oder weniger nur noch Hilfsdienste, was auch zu Unmut führte. Im Nachhinein ist das zwar leicht zu sagen, aber mein Eindruck war schon, dass in diesem Fall nicht nach allen Regeln der kriminalistischen Kunst ermittelt wurde, sondern dass das Vorgehen anderen äußeren Faktoren geschuldet war, irgendwie gelenkt wirkte.

 

Wie geht man als Journalist damit um, wenn man einerseits ein ungutes Gefühl hat angesichts der Entwicklung der Ereignisse, man aber andererseits keinen anderen Ansatzpunkt findet?

 

Wir haben da sicherlich keine journalistischen Heldentaten vollbracht. Aber wir wussten, wie die Stimmung in dieser Kleinstadt ist. Das habe ich auch anders in Erinnerung, als es Frau Simsek in ihrem Buch beschreibt. Nach meinem Eindruck wurde damals nicht schlecht über die Familie geredet. Es kann natürlich sein, dass das, woran Semiya Simsek sich erinnert, stärker mit dem Friedberger Milieu zu tun hat, das eher türkisch geprägt war. Das hatten wir nicht so im Blick. Aber eigentlich herrschten in der Stadt eher eine große Betroffenheit und völliges Unverständnis darüber, warum es diesen Mann getroffen hat.

 

Was haben Sie gedacht, als die Mordserie weiterging und immer wieder diese Waffe im Spiel war?

 

Ich würde übertreiben, wenn ich sagen würde, ich hätte fest auf einen ausländerfeindlichen Hintergrund getippt. Aber nahe lag, dass es entweder ein Wahnsinniger war, der völlig willkürlich mordet, oder jemand, der irgendwelche ausländerfeindlichen Motive hat.

Es gab ja auch örtlich keine vernünftigen Zusammenhänge – der Mord an Simsek war der einzige Fall in Hessen, es wurde ja immer fälschlicherweise vom Nürnberger Blumenhändler geschrieben. Aber dass das Ganze sowohl willkürlich wie ausländerfeindlich und dazu einen regelrecht terroristischen Hintergrund hatte, darauf wäre ich im Traum nicht gekommen.

 

Als bekannt wurde, dass es sich um ein rechtsextremes Verbrechen handelte, wurde heftige Kritik an den Ermittlern, aber auch an den Medien laut. Was hätten die Medien, auch Lokalzeitungen, anders machen können oder müssen?

 

Man müsste es sich im Detail ansehen, aber ich glaube, dass den Lokalzeitungen relativ wenig vorzuwerfen ist. Sie gehen in der Regel mit den Hinterbliebenen sensibel um. Bei solchen Ereignissen ist es aber leider irgendwann so, dass es zur Heimsuchung durch die großen überregionalen Medien kommt. Eine Art Tsunami rollt dann über eine Stadt hinweg, und die überregionalen Medien definieren die Agenda und die öffentliche Redeweise. Peter Schwarz, der jetzt das Buch zusammen mit Semiya Simsek geschrieben hat (siehe drehscheibe-Interview), kommt ja von der Waiblinger Kreiszeitung. Und die Kollegen dort können viel berufener erzählen, was passiert, wenn die Medienkolonne einrückt.

Die Waiblinger haben das ja im Falle Winnenden erlebt. Es sind in den seltensten Fällen Lokalzeitungen, die dann noch Salz in die Wunden streuen. Die wissen in der Regel sehr genau, wie sie mit einem solchen Großereignis umgehen müssen. Die Störfeuer und Probleme kommen eher von außen. Wir hatten in Schlüchtern einmal den bundesweit ersten Großkonflikt um einen Moscheebau, und ich erinnere mich noch sehr genau daran, wie elektronische und überregionale Medien darüber berichtet haben und wie den Bürgern Rassismus und Rechtsradikalismus unterstellt wurden, obwohl es sich um durchaus berechtigte Anfragen gehandelt hatte.

 

Was kann man tun, um den journalistischen Blick auf das Thema Rechtsextremismus zu schärfen?

 

Wir müssen aus den festgefahrenen Strukturen raus. Wir haben die Beobachtung des Rechtsextremismus ja delegiert – an Sozialarbeiter, an Initiativen, es gibt eigene Ermittlungsbüros bei der Polizei, und das ist ja alles gut und richtig und wahrscheinlich auch notwendig. Aber in andere Richtungen zu denken, nicht auszuschließen, dass es auch einen terroristischen Hintergrund haben könnte, darauf kommt man in diesen Strukturen offenbar nicht. Der beste Ratschlag an Kollegen aus dem Journalismus wäre: Halte die Augen offen! Man muss sich die Milieus ansehen, mit den Betroffenen sprechen. Im Nachhinein mache ich mir diesen Vorwurf, dass wir nicht viel stärker in der türkischen Community in Schlüchtern recherchiert haben und gefragt haben: Was macht das eigentlich mit euch? Auch mit dem Verdacht, den ihr jetzt unter einander hegt, denn da wurde ja auch getratscht: Hat dieser Mann, den sie alle aus dem Moscheeverein kannten, vielleicht doch Dreck am Stecken? Wie war die Ehe eigentlich wirklich usw.? Aber darauf sind wir damals leider nicht gekommen.

 

Interview: Stefan Wirner


Kontakt:

Stefan Kläsener

Westfalenpopst
Chefredakteur
Schürmannstraße 4
D - 58097 Hagen

Tel.: 02331 – 917 42 61
Fax: 02331 – 917 42 63
E-mail: s.klaesener@westfalenpost.de

Lesen Sie auch das drehscheibe-Interview mit Peter Schwarz von der Waiblinger Kreiszeitung, der zusammen mit Semiya Simsek das Buch „Schmerzliche Heimat“ verfasst hat.

 

Veröffentlicht am 25. März 2013





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