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Interviews

Wie es um die Qualität von Lokalzeitungen bestellt ist, welche Projekte in die Zukunft weisen und wie sich Journalisten darauf einstellen können, was sie erwartet: Im Gespräch mit drehscheiben-Redakteurin Katrin Matthes sprechen die Autoren des Buches "Lokaljournalismus", das 2008 im VS Verlag für Sozialwissenschaften erschienen ist, über die Zukunft der regionalen Zeitung.


Handwerk der Vielkönner

Sonja Kretzschmar, Wiebke Möhring und Lutz Timmermann sind die Autoren des Buches "Lokaljournalismus"


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Frau Kretzschmar, Frau Möhring, Herr Timmermann – Sie haben ein Buch über den Lokaljournalismus geschrieben.  Kritiker bemängeln, dass viele Lokalzeitungen schlecht gemacht seien. Wie bewerten Sie die Qualität der deutschen Lokal- und Regionalzeitungen?

Sonja Kretzschmar: Das schlechte Image von Lokalzeitungen entspricht längst nicht mehr der Realität. Da hat sich eine Menge getan. Wenn ich mir die Webseiten der Zeitungen anschaue, bin ich oft erstaunt, wie viele neue Ideen da kreativ umgesetzt werden. Video-Elemente, Leserbeteiligung oder Chefredakteursblog – viele Lokalzeitungen sind dabei, sich auf die veränderten Nutzungsformen ihrer Leser einzustellen. Mit ihren regionalen Kenntnissen haben sie dabei ein Pfund, mit dem sie wuchern können.

Lutz Timmermann: Dennoch gibt es ein großes Gefälle. Lokalzeitungen sind oft dort besser, wo es Konkurrenz gibt. Aber in weiten Teilen Deutschlands sind Monopole normal, da sind die Umfänge ausgedünnt. Wobei Quantität nicht alles ist – ganz im Gegenteil. Viele Verlage haben mit der Zeit erkannt, dass Quantität kein probates Mittel gegen Auflagenschwund ist, sondern Qualität. Und in Qualität wurde gerade in der jüngeren Zeit viel investiert.

Was ist denn Qualität im Lokalen?

Lutz Timmermann: Qualität ist vor allem die Vielfalt der Genres, die jahrelang nicht ausgeschöpft wurden. Mittlerweile bereiten viele Zeitungen Themen ganz anders auf. Dafür gibt es in unserem Buch viele Beispiele, wie den Stadtteiltest der Magdeburger Volksstimme. Das heißt, man gibt den Lesern über die Nachricht hinaus viel mehr an die Hand, erhöht den Nutzwert. Dazu gehört auch – das ist ein neuer Erkenntnisprozess in den Redaktionen – dass das, was die Leser an die Zeitung herantragen, Vorrang haben muss. Nicht die Vorlieben der Redaktion.

Wiebke Möhring: Genau. Wichtig ist aber auch, dass Texte handwerklich gut gemacht sind, das sauber recherchiert wird, dass Kritik stattfindet. Das ist für den Lokalteil besonders wichtig, denn die Aussagen sind von den Lesern ja empirisch überprüfbar. Sie sehen, ob eine Baustelle Fortschritte macht oder nicht. Und sie merken, ob sich die Haushaltsplanung im Stadtrat in konkreten Projekten für die Bürger niederschlägt.

Nun bauen einige Lokalzeitungen ihre Redaktionen aus, wie die Rheinische Post, andere Verlage bauen eher ab, wie die Westdeutsche Allgemeine (WAZ). Wie erklären Sie diese beiden offensichtlich konträren Strategien?

Wiebke Möhring: Letztendlich entscheidet jeder Verleger, was die Zukunft des Produktes ist. Wenn sie die Zukunft in der stärkeren Ausrichtung im Lokalen sehen, investieren sie dort. Andere setzen eher auf den Mantel oder wollen über crossmediale Auslagerungen den lokalen Aspekt betonen. Was zukunftsversprechender ist, lässt sich heute nicht beurteilen. Letztlich würde ich aber sagen, dass der Sparkurs im Lokalen eine Fehlentscheidung ist.

Sonja Kretzschmar: Das heißt aber nicht, dass man im Mantelteil einfach ungestraft kürzen kann: Bei der WAZ würde der größte Konzentrationszeitungsmarkt Deutschlands entstehen, das ist einzigartig in der Geschichte der Bundesrepublik. Neben dem Lokalen ist auch der Mantel für den Erhalt der Demokratie sehr wichtig. Für viele Leute ist die Lokalzeitung die einzige Zeitung, die sie lesen, eben auch den Mantel.

Wie müssen lokale Geschichten künftig aussehen, um die Leser zu erreichen?

Lutz Timmermann: Lokale Geschichten müssen mehr erklären. In früheren Zeiten spiegelte man einfach den Haushaltsplan der Städte und Gemeinden – das langt nicht mehr. Man muss den Menschen erklären, wie sich zum Beispiel die Erhöhung von Abwassergebühren auf den eigenen Haushalt auswirkt. Wichtig ist auch, vor den Entscheidungen zu berichten, so dass sich die Leser noch einmischen können. Gleichzeitig muss die Zeitung verlässlicher informieren, im Sinne von: Wie ist das Konzert, das im Stadttheater aufgeführt wird, sollte man hingehen? Wir müssen den Mut haben, zu schreiben: Das ist nicht so dolle. Dazu gehören dann Informationen, ob noch Karten vorhanden sind, wo man die kaufen kann, welche Buslinien nach 23 Uhr fahren. All diese Informationen müssen kommen und sie müssen stimmen.

Sonja Kretzschmar: Die bayerische Landeszentrale für neue Medien hatte in Regensburg ein Projekt, wo die Zukunft von lokalen Informationen getestet wurde. Im Lokalraum der Zukunft kann man sich über das Handy informieren, was im Theater läuft, mit Inhalt und Kritik. Dazu einen Navigator, wie man zur Bushaltestelle kommt und einen mobilen Ticket-Service. Hier müssen die Lokalzeitungen den Markt besetzen. Zur Zeit haben andere Anbieter vielleicht noch keine Redaktion – aber das wird kommen.

Gleichzeitig findet durch Crossmedia eine starke Arbeitsverdichtung im Lokalen statt. Wie kann dieser Anspruch überhaupt bewältigt werden?

Lutz Timmermann: Durch die Bank verfügen die meisten Zeitungshäuser über viele freie Mitarbeiter. Gleichzeitig wird die  Zahl der Redakteure abgebaut. Das heißt, auf dem Markt sind viele, gut ausgebildete Journalisten und die werden dieses Feld besetzen. Bei der Bezahlung muss natürlich noch einiges gemacht werden.

Sonja Kretzschmar: Zentral ist auch, dass die eigene Marke unter dem Wandel nicht leidet. Sie darf nicht etwa durch verwackelte Videos auf der Webseite kaputt gemacht werden. Es muss in Teams gedacht werden. Videojournalisten, die mit dem Print-Team zusammen arbeiten, gehen raus und liefern Bilder sowie O-Töne zu. Gleichzeitig recherchiert ein Redakteur die Geschichte. Die Zukunft ist also nicht ein Alles- sondern ein Vielkönner.

Lutz Timmermann: Das funktioniert im Moment aber deshalb nur eingeschränkt, weil viele Kollegen nicht dafür ausgebildet sind. Zahlreiche Redakteure denken nur im Print und haben Schwierigkeiten mit den neuen Medien umzugehen und die innere Sperre im Kopf zu überwinden. Die kann man nur mit Fortbildungen aufbrechen.

Weiterbildung ist also zentral. Aber in Redaktionen ist es wegen knapper Besetzung oft schwierig, das umzusetzen.

Wiebke Möhring: Darin zeigt sich eine Folge der Kürzungen. Eine Redaktion muss es aushalten können, dass sich jemand weiterbildet. Sonst ist sie falsch geplant.

Sonja Kretzschmar: Das ist generell ein sehr deutsches Problem und betrifft nicht nur Lokaljournalisten. Weiterbildung oder lebenslanges Lernen haben generell einen schwachen Standpunkt. Langsam wächst aber ein Bewusstsein, dass man nur durch Weiterbildung konkurrenzfähig bleibt.

Muss also auch von den Journalisten mehr kommen?

Lutz Timmermann: Es gibt Verlage, da nehmen Kollegen oft an Weiterbildungen teil, sie erkennen, wie sie profitieren, und erzählen das weiter. Das ist ein Schneeballsystem. Aber es gibt auch Redakteure, die zu träge geworden sind. Das ist ein Problem, das in den fetten Jahren entstanden ist. Viele Redakteure haben nur noch bearbeitet, sind selbst gar nicht mehr herausgekommen. Das rächt sich jetzt, weil im Sparzwang oft zuerst bei den Freien gestrichen wurde und die Zahl der Volontäre rückläufig ist. Nun muss man sich selbst wieder bewegen und auf Informationsbeschaffung gehen. Das ist ein schwieriger Prozess, den einige durchmachen. 

Internet, Weiterbildung, Termine – bleibt da überhaupt noch Zeit für kritische Recherchen im Lokalen?

Lutz Timmermann: Das ist vielleicht ein Reizwort, aber die Boulevardzeitungen machen uns vor, wie das geht. Sie erlauben es sich, Termine sausen zu lassen und fokussieren sich auf einige wenige Themen. An dieser Stelle können wir vom Boulevard lernen. Sich auf wenige Dinge zu konzentrieren, diese aber hervorragend zu bearbeiten und crossmedial zu vernetzen. Boulevardzeitungen haben auch immer Polizeireporter und immer Rathausreporter. Die schleppen die besseren Geschichten heran und zwar aktiv und nicht erst als Reaktion. Lokalzeitungen müssen mal etwas sein lassen. Sie können nicht alles bedienen.

Sonja Kretzschmar: Man kann das auch anders sehen. Ein Beispiel vom Wächterpreis ist dafür stellvertretend. Das war eine klassische Nachfrage: Warum müssen Mitarbeiter der Stadtwerke auf eine norwegische Bohrinsel geflogen werden? Nachher wurde gegen mehr als150 Kommunalpolitiker und 28 Stadtwerke ermittelt. Das war beispielhaft wie eine kleine Redaktion eine große Geschichte durch Nachfragen aufdeckt. Das Problem bei kritischer Recherche im Lokalen ist die Nähe. Wenn man die Leute überall trifft nimmt oft die Bereitschaft ab, kritisch zu berichten. Es gibt aber Möglichkeiten, wie man die Distanz wahren kann.

Zum Beispiel?

Lutz Timmermann: Das kann man in Kommentaren tun. Da muss man auch im Lokalen einfach mal das Kreuz durchdrücken und eine klare Meinung äußern. Am Ende wird einem das von den Betroffenen honoriert. Ganz einfach, weil sie eine Linie erkennen können.

Wiebke Möhring: Wichtig ist, dass sich diese Haltung auf Sachthemen beschränkt und nicht auf Personen und persönliche Abneigungen. Da müssen Journalisten drüberstehen. Es geht um die Sache und nicht um die beteiligten Personen. Das gibt Glaubwürdigkeit, die ein Journalist auch seinen Akteuren gegenüber haben muss.

Sonja Kretzschmar: In dem Buch zeigen wir noch weitere Möglichkeiten. Das ist das Prinzip: Anhand von Fallbeispielen und Fragen zu jedem Kapitel beschreiben wir, wie die Situation in Lokalredaktionen heute ist und liefern mögliche Lösungsvorschläge.

Interview: Katrin Matthes

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