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Ronny Rozum ist Ressortleiter für Bild, Grafik und Layout bei der Freien Presse (Chemnitz).

Ronny Rozum ist Foto-Ressortleiter bei der Freien Presse

„Zum Schluss fehlte uns noch eine 34-jährige Frau“

Zum 100. Frauentag am 8. März veröffentlichte die Freie Presse (Chemnitz) eine Seite mit 100 Fotos von ihren Leserinnen. Der Clou dabei: Bei den 100 fotografierten Frauen war von 1 bis 100 jedes Lebensalter einmal vertreten. Und: Die Fotografen der Zeitung setzten die Aktion an zwei Produktionstagen um. Wie das möglich war, fragte die drehscheibe Ronny Rozum, der als Ressortleiter für Bild, Grafik und Layout das Experiment verantwortete.

 

Herr Rozum, wie ist denn die Idee entstanden, 100 Frauen im Alter von 1 bis 100 zu fotografieren?

Am vergangenen Donnerstag haben wir in der Mittagssitzung besprochen, was in der kommenden Woche ansteht und überlegt, was wir zum 100. Frauentag machen könnten. Zuerst kam die Idee auf, 100 Frauen zu befragen, was sie sich von ihren Männern wünschen. Da aber wahrscheinlich viele Frauen etwas Ähnliches antworten würden, entschieden wir uns dafür, Fotos von 100 Frauen aus dem Verbreitungsgebiet abzudrucken. Später kam noch die Idee hinzu mit den Lebensjahren hinzu, also dass wir je eine 100-Jährige, eine 99-Jährige bis hin zur 1-Jährigen zeigen wollten. Dann haben wir noch gewettet, ob sich das in so kurzer Zeit realisieren lässt, und einfach losgelegt.

100 Frauen in der Freien Presse

Wie haben Sie das gestemmt?

Am Donnerstagabend schickte ich allen 19 Fotografen aus den Außenredaktionen eine Mail mit der Idee. Außerdem habe ich eine Excel-Tabelle als Google-Dokument ins Netz gestellt, in der die Fotografen eintragen sollten, welche Fotos bereits vorliegen und welche sie übernehmen könnten. Daraufhin haben einige von ihnen sofort nachgesehen, wen sie alles in den letzten Tagen fotografiert haben und was bereits an aktuellen Fotos von Frauen aus dem Verbreitungsgebiet vorliegt. So wusste ich bereits am Donnerstag, dass wir schon ein Viertel der benötigten Fotos im Kasten haben.

Aber es fehlten ja auch noch 75 Fotos.

Am Freitagmorgen waren schon zwanzig weitere Frauen in der Liste vermerkt. 12 von Ihnen waren bereits fotografiert. Am Freitagabend hatten wir dann schon 65 Prozent der Fotos beisammen. Daraufhin habe ich noch mal bei den Fotografen nachgehakt, die sich noch nicht beteiligt hatten.

Welche Altersgruppen waren denn am schwierigsten zu finden?

Das lässt sich gar nicht so pauschal sagen. Am schnellsten waren die 80- bis 90-Jährigen gefunden und die Kinder waren auch kein Problem. Bei letzteren haben die Fotografen meistens ihre Nachbarskinder fotografiert. Am Montag gab es dann noch bei den Über-90-Jährigen Lücken. Da haben wir bei zwei Chemnitzer Altersheimen nachgehakt. Irgendwann im Laufe des Tages hatten wir dann alle Fotos beisammen und sogar fünf Fotos mehr, als wir brauchten.

Und Sie haben nicht beim Alter der einen oder anderen Frau etwas geschummelt?

Nein, obwohl uns sogar eine 56-jährige Frau angeboten hat, dass wir Sie auch ein Jahr älter machen dürften, falls wir keine 57-Jährige mehr finden. Aber zum Glück war das gar nicht nötig. Zum Schluss fehlte uns nur noch eine 34-jährige Frau. Also bin ich kurzerhand in ein Chemnitzer Einkaufscenter gegangen und habe mich dort auf die Suche gemacht.

Sie haben also einfach fremde Frauen auf der Straße nach Ihrem Alter gefragt?

Das habe ich nur zweimal gemacht, aber das ist natürlich etwas unverschämt. Also bin ich stattdessen in die Geschäfte gegangen und habe die Geschäftsführer gefragt, ob Sie eine 34-jährige Mitarbeiterin haben. Beim achten Store, einer Kosmetikfiliale, hatte ich dann Glück.

Wie kam die Aktion bei Ihren Lesern an?

Die waren begeistert. Die Redaktionen haben viel positive Resonanz bekommen. Besonders gefreut hat uns auch, dass die Kollegen der umliegenden Zeitungen, der Sächsischen Zeitung und der Leipziger Volkszeitung, uns per Mail zu der gelungenen Aktion gratuliert haben. Insgesamt gab es eigentlich nur vier negative Rückmeldungen. Ein Leser monierte zum Beispiel, dass man 1- bis 14-jährige Mädchen nicht ernsthaft als Frauen bezeichnen könne, und ein anderer fand die Aktion inhaltsleer. Aber für uns stand bei dieser Seite auch die Leser-Blatt-Bindung im Vordergrund und dafür war die Geschichte für uns ein voller Erfolg.

 

Interview: Jan Steeger

 

Das PDF der Seite zum Frauentag gibt es hier zum Download.

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