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René Wappler ist Reporter der Lausitzer Rundschau.

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„Die Rechtsextremen haben versucht, die Pressefreiheit einzuschränken“

Schreibt man genauso unbefangen über Rechtsextreme, wenn man in einer kleinen Stadt wohnt? Wie ist es, den Neonazis auf der Straße zu begegnen? René Wappler ist Reporter in der Lokalredaktion Spremberg der Lausitzer Rundschau. Für seine Recherchen und Berichte über die Neonaziszene dort wurde er 2012 mit dem Leuchtturmpreis und 2013 mit dem Henri-Nannen-Preis ausgezeichnet. Auf der Jahreskonferenz des Netzwerks Recherche, die Mitte Juni in Hamburg stattfand, hat er von seiner Arbeit berichtet.

Angriff auf die Lausitzer Rundschau, Lokalredaktion Spremberg, im Jahr 2012. Foto: Lausitzer Rundschau.

Herr Wappler, wie haben Sie in der kleinen Stadt Spremberg über die dortige rechtsextreme Szene recherchiert?

Im Internet kursierte ein Foto von einem Aufmarsch von Rechtsextremen am Bismarckturm, einem Wahrzeichen der Stadt. Darauf haben sie vermummt posiert, gewissermaßen ein Erinnerungsfoto. An diesem Foto habe ich die Geschichte aufgezogen – darüber geschrieben, was der Verfassungsschutz zu den rechtsextremen Strukturen in der Region sagt, wie die Polizei und Mitarbeiter des mobilen Beratungsteams die Lage einschätzen. Ich hatte vorher schon andere Geschichten gebracht, aber diese war dann der Auslöser dafür, dass vor unseren Büroräumen der Schriftzug „Lügenpresse, halt die Fresse“ angebracht und Tierkadaver am Briefkasten befestigt wurden.

Welche Folgen hatte die Geschichte für Sie persönlich – privat und beruflich?

Ich habe mit der Polizei gesprochen und gefragt, ob ich irgendetwas beachten, mich irgendwie anders verhalten sollte. Die Fachleute dort haben mir dann geraten, zu versuchen, mein Leben wie bisher weiterzuleben – daran halte ich mich bislang, und ich betrachte das auch als die richtige Strategie. Ich habe in den letzten Monaten immer das Credo verfolgt: einfach weiterarbeiten. Und nicht lange darüber nachdenken, was passieren kann. Passieren kann einem immer etwas.

Sind Sie ohne Angst bei der Arbeit?

Die Frage nach der Angst stellen mir einige, aber ich bin eher ratlos: angesichts der Motive und Methoden dieser 20 bis 30 Menschen aus Spremberg, die alle auch noch recht jung sind. Ihre Einschüchterungsmethoden sind teilweise krass. Bei mir bleibt da am Ende eher ein großes Fragezeichen stehen, weil ich nicht verstehe: Wo wollen die damit hin?

Die Journalistin Andrea Röpke, die für ihre Recherchen im rechtsextremen Bereich sehr bekannt ist, ist nur noch im Team unterwegs, geht nicht alleine los. Sie sind bei Ihren Recherchen ein Einzelkämpfer. Ist das ein Problem im Lokalen – dass man solche Geschichten alleine angehen muss?

Es hat eine positive und eine negative Seite. Die negative Seite ist natürlich in so einer kleinen Redaktion wie unserer in Spremberg, dass man bei bestimmten Recherchen ganz auf sich allein gestellt ist. Das Positive daran ist aber, dass ich recht schnell auf Vorkommnisse reagieren kann. Wenn ich allein arbeite, hilft es mir in Bezug auf die Aktualität einer Geschichte, dass ich mich nicht mit vielen Leuten abstimmen muss und schnell reagieren kann.

Wie stand die Redaktion Ihnen nach Ihrer Geschichte zur Seite? Hat sie Sie bestärkt, die Recherchen weiter voranzutreiben?

Skepsis ist mir nicht begegnet, die Kollegen haben mich bestärkt und mir sogar Unterstützung angeboten. Ich denke, dass die Leute bei uns im Haus wissen, dass auch solche Berichte ein wichtiger Teil unserer täglichen Arbeit sind. Dafür sind wir Journalisten.

Gerade im Lokalen ist man als Journalist sehr direkt mit der rechtsextremen Szene, über die man berichtet, konfrontiert. Man begegnet sich. Warum ist es wichtig, dass sich Lokaljournalisten hier trotzdem nicht entmutigen lassen – zum Beispiel auch junge Kollegen?

Ich kann da schwer für andere sprechen. Für mich selbst spielt bei der Frage meine DDR-Prägung eine wichtige Rolle. Ich bin in einem Land aufgewachsen, in dem es keine Pressefreiheit gab, war 18 Jahre alt, als die Mauer fiel und war heilfroh darüber. Danach habe ich ein paar Jahre lang Medien verschlungen, als gäbe es kein Morgen mehr. Weil ich das Konzept der Pressefreiheit unglaublich toll fand und heute noch finde. Das ist es, was mich antreibt. In Spremberg haben die Rechtsextremen versucht, diese Pressefreiheit durch Einschüchterungen einzuschränken. Wenn wir uns das gefallen ließen, wären wir auf dem Weg in eine traurige Gesellschaft.


Interview: Imke Emmerich

 

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Veröffentlicht am 24. Juni 2013

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