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Interviews

Reinhard Göweil ist Chefredakteur der Wiener Zeitung.

Lokaljournalismus, Reinhard Göweil

„Die heutigen Themen sind mit alten Ressortstrukturen nicht zu bewältigen“

Am 15. September 2012 wartete die Wiener Zeitung mit einem Relaunch auf. Dabei wurden in dem Blatt die klassischen Ressorts – wie Politik, Wirtschaft, Kultur etc. – aufgelöst, neue Kategorien wurden eingeführt: Europa, Österreich, Wien, Verbraucher. Damit reagiert die Redaktion auf die Beobachtung, dass sich heutzutage Themen meist nicht mehr in einen engen Ressortrahmen drängen lassen. Über die Ziele des Relaunchs sprach die drehscheibe mit Chefredakteur Reinhard Göweil.

Herr Göweil, warum haben Sie in Ihrem Blatt die klassischen Ressortstrukturen aufgelöst?


Die Themen, mit denen wir es im heutigen Journalismus zu tun haben, sind in der alten Ressortstruktur – weder in der inhaltlichen noch in der organisatorischen – nicht zu bewältigen. Das Thema Griechenland zum Beispiel ist in der alten Ressortstruktur ein außenpolitisches Thema, es ist ein europapolitisches Thema, ein wirtschaftspolitisches, und falls es Krawalle gibt, ist es auch ein gesellschaftspolitisches Thema oder ein Reportagen-Thema. Oder Fukushima: Das ist eine große Katastrophe, ein außenpolitisches Thema, wenn Deutschland anschließend beschließt, aus der Atomkraft auszusteigen, es ist ein wirtschaftspolitisches Thema und gleichzeitig ein europapolitisches, weil ganz Europa dann über seine energiepolitische Zukunft nachzudenken beginnt. Das zeigt, dass solche aktuelle Themen in der alten Struktur nicht mehr adäquat darstellbar sind.

Wie sieht die neue Ressortstruktur aus?

Wir haben uns entschlossen, von einer Vier-Buch-Produktion auf eine Sechs-Buch-Produktion umzustellen. Wir haben 48 Seiten, und diese waren bisher aufgeteilt in vier Bücher à zwölf Seiten. Von nun an haben wir sechs Bücher zu acht Seiten. Das erste Buch beschäftigt sich mit Europa. Das zweite Buch mit Österreich, das dritte Buch mit Themen aus Wien. Das vierte Buch dreht sich ganz um den Konsumentenschutz und führt über in den Inseratenteil.

Welche Rolle spielt das Lokale generell in Ihrem Blatt?

Für uns ist Wien eminent wichtig. Wien ist die wichtigste Großstadt in Österreich. Wir beschäftigen uns mit Stadtentwicklung, mit Bevölkerungsentwicklung, wir schauen, was hier politisch passiert.

Was verändert sich durch die neue Ressortstruktur an den Arbeitsabläufen?

Für die Redaktion ändert sich einiges. Die Aufteilung funktioniert so, dass es nur noch Teams gibt, die die einzelnen Bücher füllen. Die Ressorts sind abgeschafft. Wir haben versucht, die Kollegen in einem langwierigen Prozess darauf vorzubereiten. Wir sind dabei auch auf die Wünsche der Mitarbeiter eingegangen. Sie kriegen nun einen völlig neuen Zugang zu den Themen. Der Wirtschaftsredakteur, der sich bisher nur damit beschäftigt hat, was die Troika zu Griechenland sagt, wird sich zukünftig auch ansehen, warum es innenpolitisch in Griechenland nicht funktioniert, warum Leute dort auf die Straße gehen usw. Es ist ein fundamental anderer Zugang zu einer Geschichte.

Besteht nicht die Gefahr, dass Redakteure dann plötzlich über Dinge schreiben müssen, die gar nicht zu ihrem Fachgebiet zählen?

Ja, die Gefahr besteht. Aber es wird ja viel vom lebenslangen Lernen gesprochen, das gilt wohl auch für Journalisten. Aber es wird sicher für einige Kollegen eine Herausforderung, keine Frage. Wir bieten aber Schulungen an.

Welche Rolle spielt bei der Umstrukturierung die Zusammenarbeit mit dem Online-Bereich?

Keine so große Rolle. Seit ich Chefredakteur bin, führen wir den Online-
Bereich nicht mehr getrennt von der Redaktion. Er ist sehr stark mit der Print-Redaktion verzahnt. In jedem dieser genannten Buch-Teams sitzt auch ein Online-Kollege – mitten drin in der Redaktion, nicht irgendwo in einem eigenen Kämmerlein. Die Online-Kollegen wissen also von Anfang an sehr genau, an welchen Themen wir arbeiten, welche Geschichten wir groß machen. Unser Online-Auftritt wird die Buch-Organisation widerspiegeln.

Haben Sie diese Umstellung Ihren Leserinnen und Lesern im Vorfeld kommuniziert?

Nein, das haben wir nicht getan. Wir machen das schlicht und ergreifend.

Interview: Stefan Wirner

Hier kann man sich ein PDF der neuen Titelseite herunterladen: Zur Wiener Zeitung

 


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