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Peter Voith ist Redaktionsleiter Regionales/Niedersachen des Weser-Kuriers.

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„Schwein haben ist nicht so einfach“

In der Ausgabe 9/11 berichtete die drehscheibe über das Redaktionsschwein des Weser-Kuriers (hier als PDF herunterladbar). Ursprünglich sollte die Geschichte den Lesern des Blattes bewusst machen, wie das Leben eines Nutztieres zwischen Geburt und Tod aussieht. Doch dann kam alles völlig anders und die Lage eskalierte. Ein Gespräch mit Peter Voith, dem Redaktionsleiter Regionales/ Niedersachsen des Blattes.

Das ehemalige Redaktionsschwein Tibu

Herr Voith, Tierliebhaber haben das Schicksal des Redaktionsschweins vollkommen durcheinander gebracht. Was ist passiert?

Nicht die Tierliebhaber, sondern die militanten Veganer sind gekommen. Eigentlich wollten wir für unsere Leser anhand eines konkreten Beispiels alle Probleme der Schweinehaltung erörtern und so das Bewusstsein dafür wecken, dass das Schnitzel einmal vier Beine hatte. Wir hätten uns nicht vorstellen können, wie viel Mist das aufwirbelt.

So viel, dass Sie das Schwein nun begnadigt haben.

Genau. Wir wurden über Monate hinweg von einer militanten Veganer-Gruppe bedroht, angezeigt, verklagt, terrorisiert. Mal mehr und mal weniger harmlos: Sie haben gedroht, uns Gülle vor die Redaktionstür zu kippen, uns in der Öffentlichkeit mit Kinderschändern und Mördern auf eine Stufe gestellt, und auf Facebook wurden Zusammenhänge mit Auschwitz hergestellt. Wir sind standhaft geblieben, und auch die Bauernfamilie, bei der das Schwein lebte, hat trotz aller Anfeindungen durchgehalten.

Was hat das Fass zum Überlaufen gebracht?

Der Schlachter hat aufgegeben. Seine Familie hatte mehrmals am Tag anonyme Anrufe bekommen, und es wurde ihm damit gedroht, ihn öffentlich an den Pranger zu stellen, wenn er das Tier tatsächlich schlachtet. Da standen wir vor der Wahl, einen neuen zu finden oder aufzugeben. Und ehrlich: Wir konnten nicht mehr. Mir hat die Geschichte den Urlaub versaut, ich bin mit dem Schwein eingeschlafen und mit dem Schwein aufgewacht. Wir waren alle schon so verrückt, dass wir das Schwein in einer Nacht-und-Nebel-Aktion vom Hof holen wollten, obwohl wir gar nicht wussten wohin mit ihm. Selbst die Polizei ist am Hof schon Streife gefahren und hat uns gewarnt, die militanten Tierschützer nicht auf die leichte Schulter zu nehmen.

Aber Sie hatten Ihren Lesern doch von Anfang an kommuniziert, dass Sie ein Tier bis zur Schlachtung begleiten wollen. Es ging ja gerade darum, die Stationen eines Schweins, das sowieso getötet worden wäre, aufzuzeigen. Wie haben Sie schließlich entschieden, die Idee aufzugeben?

Ich habe jemanden mit einem kühlen Kopf gesucht und die Hausjuristin gefragt. Und für sie war das eine klare Abwägungsfrage – sie fand nicht, dass es sich lohnt, für die Aktion komme was wolle durch die Wand zu gehen. Schließlich hat uns der Tierschutzbund Hilfe angeboten und für das Schwein einen Gnadenhof organisiert.

Wie haben Sie den Konflikt in der Zeitung begleitet?

Wir haben für die Leser alles offen gelegt. Zusätzlich zu den geplanten Berichten über die Schweinehaltung gab es Kolumnen, in denen wir die kritischen Reaktionen thematisiert und unsere Leser an unserem Entscheidungsprozess teilhaben lassen haben. Interessant war, dass die zum Teil zwar auch das Tier retten wollten, aber sprachlos angesichts der Aggressionen der Veganer waren. Unsere Entscheidung haben sie dann auch gut verstanden.

Nach einem halben Jahr Stress mit dem Schwein – war die Serie das wert?

Auf jeden Fall haben wir unser Ziel erreicht, ein breiteres Bewusstsein dafür zu schaffen, dass hinter dem Fleisch auf dem Teller ein Lebewesen und viele ethische Fragen stecken. Ich wäre aber nicht mit so viel Begeisterung an das Projekt gegangen, wenn ich gewusst hätte, dass dadurch am Ende Familien bedroht werden würden. Für uns war es anfangs völlig normal, dass Nutztiere geschlachtet werden, und wir wussten auch, dass es Gegner geben würde. Diese harten Reaktionen haben uns aber doch erschrocken, vielleicht waren wir zu blauäugig. Die Geschichte ist in jedem Fall ein gutes Beispiel dafür, wie lebendig Zeitung ist.

Sie hatten dem Schwein ja extra keinen Namen gegeben, weil man ein Tier mit Namen nicht essen kann. Haben Sie mittlerweile einen im Kopf?

Nein, aber wir wissen, dass es in seinem neuen Zuhause jetzt Tibu heißt. Ich bin einfach froh, dass alles vorbei ist.

Also keine Besuche auf dem Gnadenhof?

Vielleicht fahren wir zwischen den Jahren mal hin, Tibu wird ja noch etwa elf Jahre leben. Aber noch sind wir alle viel zu erschöpft. Schwein haben ist nicht so einfach.

Interview: Yvonne Vávra

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