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Peter Schwarz ist Reporter in der Kreisredaktion der Waiblinger Kreiszeitung.

tl_files/drehscheibe/Themen/Interviews/Autorenfoto_Peter_Schwarz.jpgFoto: Stephanie Schweigert

„Die Opfer wollen wissen, was passiert ist“

Der türkische Zuwanderer Enver Simsek besaß einen Blumenladen im hessischen Schlüchtern. Am 9. September 2000 wurde er in Nürnberg an seinem Blumenstand erschossen. Er war das erste Mordopfer des sogenannten Nationalsozialistischen Untergrunds (NSU). Seine Tochter Semiya Simsek, die 14 Jahre alt war, als ihr Vater umgebracht wurde, hat nun zusammen mit dem Lokaljournalisten Peter Schwarz von der Waiblinger Kreiszeitung ein Buch veröffentlicht. In „Schmerzliche Heimat“ erzählt sie davon, wie die Tat ihr Leben und das ihrer Familie veränderte. Die drehscheibe sprach mit Peter Schwarz über das Buch und wie es entstand.

Herr Schwarz, wie kam es, dass Sie zusammen mit Semiya Simsek dieses Buch geschrieben haben?


Ich habe nach dem Amoklauf von Winnenden im Jahr 2009 häufig mit Opfern und Angehörigen gesprochen. Sie wurden von einem Anwalt aus Waiblingen vertreten, Jens Rabe, über ihn lief der Kontakt. Wir haben miteinander gute Erfahrungen gemacht. Rabe hat gesehen, dass wir die Angehörigen nicht über den Tisch ziehen wollen, und ich habe das Gefühl gehabt, dass man sich auf die Zusammenarbeit mit ihm verlassen kann. Er übernahm auch das Mandat von Frau Simsek. Bei seinen Besuchen in der Familie merkte er, dass es sich nicht um herkömmliche Anwaltsgespräche handelt. Man saß in der Küche und hat über Gott und die Welt geredet: über Integration, über das deutsch-türkische Verhältnis und das, was passiert ist. Und er war der Meinung, das sei Stoff für ein Buch. Weil er mich von der Arbeit zum Thema Winnenden her kannte, hat er mich gefragt, ob ich daran mitwirken wolle.
Semiya Simsek – die Tochter des ersten Mordopfers des NSU (Foto: Stephanie Schweigert)

Wie sah die Arbeit an dem Buch aus?


Wir haben viele Akten gesichtet, Vernehmungsprotokolle, Zeugenprotokolle, Zwischenberichte, alles, was uns an Unterlagen zur Verfügung stand. Wir wollten das objektivieren, was Semiya aus ihrer subjektiven Perspektive und dem Erinnerungsfundus ihrer Familie erzählen konnte. Da es kein Buch werden sollte, das die Ermittlungen rekonstruiert, sondern eines, das die Geschichte der Familie erzählt, gehörte auch dazu, zu zeigen, wie zum Beispiel der Vater nach Deutschland gekommen war, wie er sich hier etwas aufgebaut hat, wie die Familie gewohnt hat etc. Deshalb haben wir uns mit vielen Verwandten getroffen und uns mit ihnen unterhalten. Hinzu kam, dass Semiya im Juli vergangenen Jahres in der Türkei geheiratet hat. Deshalb besuchten wir fünf Tage lang das Dorf, aus dem ihr Vater stammte. Dort hat sich vieles noch einmal verdichtet, die ganze Familie traf sich. Freude und Trauer vermischten sich unglaublich intensiv in diesen fünf Tagen.

Was sollte man als Journalist beim Umgang mit Opfern oder deren Angehörigen beachten?


Man muss klare Voraussetzungen schaffen. Vor dem Gespräch sollte man klären: Wann erscheint der Beitrag? Mit Bild oder lieber ohne? Soll der Name genannt werden oder nicht? Ich habe in den Vorgesprächen mit den Angehörigen der Opfer von Winnenden immer angeboten, dass sie den Text vor der Veröffentlichung noch einsehen können – was man ja normalerweise nicht so gerne macht. Das dient einfach dazu, Vertrauen zu schaffen. Die Betroffenen machen viele negative Erfahrungen: Journalisten stehen bei ihnen im Blumenbeet, überrumpeln sie am Telefon usw. Sie haben Angst, dass auf die Ohnmacht, in der sie sowieso stecken, die zweite Ohnmacht folgt und ihnen der Zugriff auf die eigene Geschichte auch noch entzogen wird. Hier alles klar abzusprechen, hat sich für mich sehr bewährt. Mir hat dann auch niemals jemand in die Texte eingegriffen. Und im Gespräch kann ich nur empfehlen: zuhören, nicht so viel reden! Denn diese Menschen haben etwas zu erzählen.

Wie geht Frau Simsek mit dieser erschütternden Geschichte um – mit dem Wissen, dass schlecht ermittelt wurde, ihre Familie selbst zu Unrecht verdächtigt wurde und Rechtsextreme ihren Vater umgebracht haben?


Mutig und selbstbewusst. Sie sagt:„Ich will meine Geschichte erzählen. Elf Jahre lang haben immer andere sie erzählt. Die Polizei etwa, indem sie sagte, da stecken Drogengeschichten dahinter.“ Aber was ich das Faszinierende an ihr finde: Sie hat eine ganz wache Bereitschaft, auf Menschen zuzugehen, immer wieder neues Vertrauen zu fassen und empfänglich für das Schöne zu bleiben. Sie hat sich nicht zerstören lassen von alldem. Und sie ist vor allem sehr daran interessiert, dass alles aufgeklärt wird, dass im Prozess nichts unter den Tisch gekehrt wird und dass der Verfassungsschutz nicht durchkommt mit Vertuschungen. Sie will wissen, was passiert ist. Diesen Wunsch haben übrigens auch die Angehörigen der Opfer von Winnenden immer wieder hervorgehoben.
Das Buch ist seit 8. März im Handel.

Ist Frau Simsek denn zuversichtlich, dass diese Aufklärung voll und ganz stattfinden wird?

Sie war schon einmal zuversichtlicher. Im Februar 2012, als Frau Merkel sich auf der Gedenkfeier bei Angehörigen und Opfern entschuldigt hat, hielt Semiya das für eine schöne Geste. Sie sah es aber auch als ein Versprechen. Es hieß ja, Deutschland würde alles tun, um die Mordserie vorbehaltslos aufzuklären. Das Gefühl, dass dieses Versprechen auch eingehalten wird, hat sie inzwischen ein bisschen verloren. Weil eben im Wochen- oder Tagesrhythmus Meldungen zu hören waren, die diese Hoffnung untergruben – das Schreddern der Akten, die Meldung, dass in Baden-Württemberg zwei Polizisten Mitglieder des KuKluxKlan waren. Man kann sich vorstellen, wie das auf Angehörige von Opfern wirkt. Sie fragen sich natürlich: Ist eigentlich gar nichts mehr undenkbar? Das reicht hin bis zu den Erfahrungen im Vorfeld des Prozesses.

Erfahrungen welcher Art?

Dass ein zu kleiner Saal vorgesehen ist, dass die Nebenkläger nur die verdeckten Rücken von Zeugen sehen werden, dass es keine Videoleinwand geben soll und dass wahrscheinlich für Semiyas Verwandte kein Platz sein wird. Sie sind keine offiziellen Nebenkläger, haben daher keine gesicherten Plätze und müssen sich anstellen. Womöglich schnappt ihnen ein Beobachter der NPD noch den Platz weg.

Wie beurteilen Sie die Rolle der Medien in dieser Affäre? Hätten zum Beispiel auch Lokalzeitungen Dinge anders machen können?

Man kommt wohl nicht umhin, auch die Rolle der Medien sehr kritisch zu hinterfragen. Das fängt an mit dem unsäglichen Begriff der „Döner-Morde“, den viele übernommen haben, weil er in die Überschrift passt. Das hat die Opfer völlig vor den Kopf gestoßen. Insgesamt haben sich die Medien über all die Jahre viel zu viel auf die Wasserstandsmeldungen, die Exklusiv-Raunerei und Hintergrundinformationen aus Ermittlerkreisen verlassen. Wie es eben ist: Man braucht Quellen, und wenn uns jemand etwas erzählt, dann nehmen wir das gerne auf, neigen aber auch dazu, es etwas unkritisch zu betrachten. Schließlich soll uns ja der Ermittler beim nächsten Mal wieder etwas sagen. Diese Ermittlersprüche, dass die Türken alle dichthalten, in einer Parallelwelt leben und nicht verraten, was sie wissen, die haben sich eins zu eins in vielen Zeitungsartikeln wiedergefunden. Niemand hat sich die Frage gestellt, ob diese Menschen vielleicht deshalb nichts erzählen, weil sie einfach alle nichts wissen.

Glauben Sie, dass unser Blick nach dieser Affäre geschärft ist, sodass etwas Ähnliches nicht mehr passieren kann?

Für mich persönlich kann ich sagen, dass ich das Neonazi-Problem zuvor auch nicht richtig eingeschätzt habe. Wir haben vor einigen Jahren schon eine große Serie zum Thema „Rechtsradikalismus im Rems-Murr-Kreis“ gemacht. Wir haben die Szene aber mit unserem Landkreis-Blick betrachtet. Damit erfasst man ihr Wesen jedoch nicht. Neonazis sind gut vernetzt. Die schwäbischen Neonazis fahren zum Neonazi-Aufmarsch nach Nordrhein-Westfalen, und die sächsischen Neonazis kommen ins Saarland, wenn dort eine Rechtsrock-Konzert stattfindet. Da kennt fast jeder jeden. Wir haben seither versucht, anhand von Einzelpersonen zu rekonstruieren, welche personellen Verknüpfungen es gibt, und diese führen relativ eng auch an die Szene des Thüringer Heimatschutzes, Ralf Wohlleben und den NSU heran. Da gibt es immer wieder Leute, die über die eine oder andere Ecke die Mörder kannten. Ich denke, fast jeder Lokaljournalist in Deutschland würde zu diesem Ergebnis kommen. Insofern: Mein Blick ist geschärft, und ich glaube, das geht vielen Kollegen so. Aber der nächste Fehler passiert dann wieder an einer anderen Stelle.

Wie bewältigt man die Arbeit an so einem Buch neben der Tätigkeit als Journalist?

Mit drei Monaten unbezahltem Urlaub. Es hat sich früh abgezeichnet, dass sich für das Projekt ein Verlag findet, der auch einen Vorschuss zahlt. Mein Arbeitgeber hat sofort zugestimmt und mir großzügig diese Auszeit ermöglicht. Sonst wäre es nicht zu verwirklichen gewesen – nach Feierabend neben der Alltagsarbeit, das hätte ich meiner Familie nicht zugemutet.

Wie lange hat die Herstellung des Buches insgesamt gedauert – vom ersten Kontakt zu Frau Simsek bis zur Drucklegung?

Ich habe Semiya im Januar 2012 bei einem Vorgespräch kennengelernt, dann lag das Ganze eine Zeitlang auf Eis. Anfang Mai haben wir ein Exposé erstellt, und Mitte Juni bis Mitte September kam die heiße Arbeitsphase.

Interview: Stefan Wirner

 

Das Buch
Semiya Simsek, Peter Schwarz: Schmerzliche Heimat.
Rowohlt Berlin, 2013
272 Seiten, 18,95 Euro
ISBN 978-3-87134-480-0

 

Artikel veröffentlicht am 18. März 2013

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