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Ein Part der 68er-Bewegung war die sexuelle Befreiung. Als "Aufklärer der Nation" machte sich Oswalt Kolle (79) mit Büchern und Filmen in jener Zeit einen Namen – ohne dazu zu gehören. Millionen Menschen sahen seine Filme wie "Dein Mann, das unbekannte Wesen" in den Kinos. Im Exklusivinterview mit der drehscheibe äußert der ehemalige Lokaljournalist, wie er in die Rolle des Aufklärers kam und welche Tipps er für heutige Journalisten parat hat.

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"Sexuell und in der Kindererziehung waren die 68er auf dem falschen Dampfer"

Der deutsche Journalist und Filmproduzent Oswalt Kolle wurde 1928 in Kiel geboren. Er wurde in den 60er-Jahren durch seine Filme über sexuelle Aufklärung bekannt. Nach dem Zweiten Weltkrieg  schloss er zunächst eine landwirtschaftliche Lehre ab und holte sein Abitur nach, bevor er 1949 Redaktionsvolontär bei der Frankfurter Neuen Presse wurde. In den 1950ern war er Lokalchef der Frankfurter Nachtausgabe, Redakteur bei der Bild-Zeitung in Hamburg, Feuilletonchef der BZ in Berlin und stellvertretender Chefredakteur der Star-Revue in Hamburg. Seit 1960 konzipierte er als freier Journalist und Publizist Aufklärungsserien für Zeitschriften, aus denen später Bücher und zwischen 1968 und 1972 mehrere  Aufklärungsfilme hervorgingen, zum Beispiel „Dein Kind, das unbekannte Wesen“, „Deine Frau, das unbekannte Wesen“ und „Dein Mann, das unbekannte Wesen“. Kolle lebt seit den 70er-Jahren in Amsterdam.

Herr Kolle, Sie kommen aus einer Medizinerfamilie, Ihr Vater war ein bekannter Psychiater. Warum sind Sie Journalist und nicht Arzt geworden?

Ich wollte nicht Arzt werden. Ich fand es faszinierend zu schreiben. Das war für mich wichtiger.

Dazu haben Sie sich dann ja ein heikles Thema gesucht. Wie sind Sie als Journalist auf das Thema „sexuelle Aufklärung“ gestoßen?

Das Thema Sexualität hat mich immer sehr fasziniert. Das ist auch klar in einem Haushalt mit einem Vater, der als Psychiater immer gesagt hat, dass wir die Reparaturstation einer sexuell verkrüppelten Gesellschaft sind. Er hat immer hinter mir gestanden und gesagt, wir müssen da was machen, wir müssen in die Öffentlichkeit gehen. Man darf nicht vergessen, dass Deutschland einmal führend in der Sexualwissenschaft war. Hitler hat das alles kaputt gemacht. Viele jüdische Wissenschaftler aus den 1920er- und 1930er-Jahren haben mich als sehr jungen Menschen schon beeinflusst. Als junger Journalist habe ich in Berlin in der BZ angefangen, die erste Serie zu schreiben über junge Leute, die sich mit der Frage „Sex, ja oder nein“ und „Verhütung, ja oder nein“ quälen. Ich habe das immer wieder versucht und bin auf eine fürchterliche Zensur gestoßen. Schließlich habe ich mit der Kinderpsychologieserie „Dein Kind, das unbekannte Wesen“ das Thema von hinten durch die kalte Küche anpacken können.

Woher haben Sie als Journalist das Fachwissen?

Ich habe immer mit vielen internationalen Wissenschaftlern zusammen gearbeitet. Alles war wissenschaftlich untermauert. Sonst hätte ich das nicht machen können und wäre nie durch die Zensur gekommen.

Wie sind Sie dann in den 60er-Jahren vom Journalismus zu Aufklärungsfilmen gekommen?

Die Aufklärungsserien und Bücher waren ungeheuer erfolgreich und sind weltweit in 17 Sprachen übersetzt worden. Allerdings wurden sie ausschließlich von Frauen gelesen. Tausende Frauen haben mir geschrieben, wie ihre Männer reagiert haben: „Wieso soll ich das lesen. Hast Du was? Bin ich nicht gut im Bett? Willst Du Dich beklagen?“ Daher habe ich Filme gemacht. Die Frauen haben die Männer ins Kino gezogen und gesagt: „Die Probleme, die das Paar hat, die kenne ich auch.“

Die sexuelle Befreiung wird heutzutage häufig der 68er-Bewegung zugute gehalten. Stimmen Sie dieser Einschätzung zu?

Die 68er – ich muss das immer ganz deutlich sagen – waren eine gesellschaftspolitisch außerordentlich wichtige Generation. Für ihre politischen Errungenschaften können wir alle dankbar sein. Sexuell und in der Kindererziehung waren sie völlig auf dem falschen Dampfer. Ganz einfach: Das waren junge Leute, die mehr vögeln wollten. Die Mädels haben das eine Zeit lang mitgemacht, bis sie gemerkt haben, dass sie in dieser Bewegung nichts zu sagen haben und sich zum Feminismus gewandt haben. Und das ist die nächste große Bewegung,  die aus den 68ern hervorging. Bei der Kindererziehung haben sie sich – ungebildet wie sie auf dem Gebiet waren – nicht auf entwicklungspsychologische Erkenntnisse verlassen, dass Kinder in einem gewissen Alter Grenzen brauchen, gegen die sie anrennen müssen. Das war verkehrt. Das nimmt nichts von dem großen Wert der Bewegung. Aber solche pubertären Sprüche, wie „Wer zweimal mit derselben pennt, gehört schon zum Establishment“, machen mich immer noch wütend, weil man mir das in die Schuhe schiebt. Im Gegensatz zu den 68ern habe ich aus wissenschaftlichen Erkenntnissen immer gewusst, dass Menschen zu Paarbildung streben. Die Menschen wollen auch Liebe, nicht nur Sex. Allerdings muss man sie aufklären. Sexualität muss man lernen. Liebe kann man nicht lernen.

Hatten die 68er also einen negativen Einfluss auf die sexuelle Aufklärung?

Nein, das ist übertrieben. Aber sie haben die Bürger eher verschreckt. Die Massen wollten diese Art der freien Liebe nicht und haben sich nicht für die 68er interessiert. Das waren Akademikerkinder, die in einer Sprache geredet haben, die kein Mensch verstanden hat. Meine Sprache haben die Leute verstanden. In der sexuellen Frage und der Kindererziehung dachten die 68er, dass man mit einem großen Ruck alles verändern kann. Man kann nicht alles verändern, indem man sich mit dem nackten Arsch auf einen Bürgermeisterstuhl setzt. Das ist Unsinn, Kinderei. Wenn man jahrhunderte lange Unterdrückung verhindern will, muss man dicke Bretter bohren. Das habe ich versucht. Ganz ruhig, ganz langsam, sehr vorsichtig. Für die 68er war ich eine Schreckfigur. Ich war ein „liberaler Scheißer“, ein „Spießer“.

Was haben Sie erreicht oder wie bewerten Sie die Folgen der sexuellen Revolution?

Die Entwicklung im Ganzen ist außerordentlich positiv, gerade für die Jugend. Die Gesellschaft in den 50er-Jahren war eine absolute Männerwelt. Mädchen mussten keusch bleiben und gleich den ersten Jungen, den sie geküsst haben, heiraten. Eine Gesellschaft voller Zwangsehen. Wir haben auf sexuellem Gebiet in ganz Europa eine absolute Gleichberechtigung zwischen Jungen und Mädchen erreicht. Das bestätigen auch alle Publikationen der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung und die großen Sexologenkongresse.

Der freiere Umgang mit Sexualität hat eher zu einer Emanzipation der Frau geführt. Hat sich die Rolle des Mannes dadurch negativ verändert?

Das ist doch keine negative Entwicklung. Ich habe den Männern immer gesagt: „Wenn ihr euch nicht verändert, werdet ihr mit dem Rücken an der Wand stehen.“ Viele Männer haben das begriffen. Eine Minderheit von Männern, die nicht bereit ist, Sexualität auf eine zärtliche Weise zu vollziehen, vereinsamt. Das ist eine positive Erscheinung. Unter negativen Folgen verstehe ich gewisse Sexualpraktiken in der Unterschicht, wo keine Familien da sind und wo Elf- und Zwölfjährige Sexualität als Ware einsetzen.

Trägt zu diesen negativen Folgen auch die Kommerzialisierung von Sexualität bei, die durch die sexuelle Revolution erst möglich wurde?

Kommerzialisierung gehört dazu. Es gibt immer negative Erscheinungen. Pornographie ist im Internet leicht zugänglich geworden. Das ist ein Problem, besonders wenn Menschen ihre Lust nur noch im Internet befriedigen und nicht mehr nach einem Partner suchen. Darüber muss man aufklären und aufpassen, dass Menschen nicht vereinsamen.

Sie sind in den späten 1960er-Jahren und den frühen 1970er-Jahren als „Aufklärer der Nation“ bekannt geworden. Was haben Sie in den letzten 30 Jahren gemacht?

Immer dasselbe. Ich habe weitergearbeitet. Das ist doch kein Thema, das plötzlich aufhört. Man kann nicht einmal aufklären und sich dann zurücklehnen. Das haben die Spießerväter gedacht. Bei einem guten Glas Wein, erzählten sie ihrem Sohn oder ihrer Tochter zum 16. Geburtstag, wie das so geht, und meinten, damit ihre Pflicht getan zu haben. Ich habe Bücher geschrieben, Fernsehen gemacht und halte eine große Zahl von Vorträgen. Im Moment bin ich auf Alterssexualität spezialisiert, auf Erektionsstörungen beim Mann und auf Luststörungen bei der Frau. Ich habe ein Buch über Betriebspsychologie, eines über Kinderpsychologie geschrieben. Kürzlich habe ich vor der Landesärztekammer einen Vortrag über Sterbehilfe gehalten. In Holland haben wir nach über 25 Jahren ein Sterbehilfegesetz verabschiedet, in Deutschland traut sich keiner an dieses Thema heran.

Welche sexuellen Themen sind heutzutage noch ein gesellschaftliches Tabu?

Alterssexualität und Behindertensexualität. Die Leute haben das Gefühl, dass Behinderte kein Recht auf Sex haben. Hier in Holland sind wir viel weiter. Wir müssen den Menschen, die keine Arme haben, die nicht einmal masturbieren können, helfen. Wir müssen ihnen eine Frau geben, die sich freiwillig meldet oder die vielleicht eine Prostituierte ist. Auch Alte und Behinderte haben ein Recht auf Sexualität. Jetzt komme ich auf die 68er zurück. Ich habe zu den Heimleitern der Altersheime gesagt: „Zieht Euch warm an. Da kommen die 68er. Die lassen sich nicht sexuell unterdrücken wie andere Generationen.“ Als Jugendliche mussten die heutigen Rentner die Hände über dem Bett halten, damit sie nicht zufällig an ihre Geschlechtsteile kommen konnten. Das passiert heute in den Altersheimen noch genauso.

Wie könnten Aufklärungsserien für Zeitschriften und Zeitungen heute aussehen?

Es gibt zwei lang etablierte Zeitungen in Mayo, beides großformatige Zeitungen. Eine befindet sich in der Gemeinde von Castlebar und die andere in der nördlichen Hauptstadt von Mayo, in Ballina. Wir haben uns in Westport, im Westen Mayos, niedergelassen. Die Konkurrenz zwischen unseren drei Zeitschriften ist groß. Es gibt außerdem zwei kostenlose Zeitungen, die in Mayo in den letzten drei Jahren auf den Markt gekommen sind.

Haben Ihre Leser Ihre Bemühungen, eine modernere Zeitung zu kreieren, anerkannt?

Man muss sich auf jeden Fall an Jugendliche wenden. Denen muss man deutlich machen, was Sexualität  sein kann, wie breit, wie schön, wie zärtlich, wie eine Sexualkultur heute aussehen könnte. Man muss sicherlich nicht mehr das machen, was ich damals machen musste und den Leuten Schulunterricht geben. Das ist überholt, aber man muss den Kindern zum Beispiel klar machen, dass Pornos Märchen sind und dass die Modelle, denen sie mit ihrer Diätsucht nacheifern, gestylte Figuren sind, die mit der Realität nichts zu tun haben. Und man muss ihnen deutlich machen, dass Sexualität von der Kindheit bis zum späten Alter geht.

Interview: Marianne Allweiss

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