drehscheibe.org > Themen > Interviews > Interview mit Michael Naumann

Interviews

Michael Naumann kennt beide Seiten: Die der Journalisten und die der Politiker. Neben seiner journalistischen Arbeit war er auch als Verleger, Publizist und Politiker tätig.  Zuletzt kandidierte Naumann 2007/08 als Spitzenkandidat der SPD bei den Hamburger Bürgerschaftswahlen. Der drehscheibe-Redakteur Jan Steeger sprach mit Michael Naumann über seinen Wahlkampf bei den Bürgerschaftswahlen in Hamburg und die Berichterstattung in den Medien.

tl_files/drehscheibe/Themen/Interviews/Michael_Naumann.jpg

"Exkursionen in die Politik"

Dr. Michael Naumann (68) ist Journalist und Herausgeber der Wochenzeitung Die Zeit. Neben seiner journalistischen Arbeit war Naumann auch als Verleger, Publizist und Politiker tätig. Im Oktober 1998 berief ihn Gerhard Schröder als Staatsminister für Kultur und Medien, ein Amt, das Naumann bis zum November 2000 innehatte.  2007 ging der gebürtige Köthener erneut in die Politik, als Spitzenkandidat der SPD bei den Hamburger Bürgerschaftswahlen 2008. Naumann verlor die Wahl gegen den CDU-Kandidaten Ole von Beust und machte den SPD-Bundesvorsitzenden Kurt Beck mit dafür verantwortlich, der nur wenige Tage vor der Wahl die Öffnung der SPD gegenüber einer Tolerierung durch die Linkspartei verkündet hatte. Zum 15. Juni 2008 legte Naumann sein Bürgerschaftsmandat nieder. Seine journalistische Karriere begann er als außenpolitischer Redakteur beim Münchner Merkur. Später leitete er unter anderem das Auslandsressort des Spiegel, dann die Rowohlt-Verlage, den Henry Holt Verlag in New York und war Chefredakteur der Zeit." 

Herr Naumann, Sie haben in der Politik und im Journalismus gearbeitet, wo fühlen Sie sich mehr zuhause?

Im Journalismus. Das war von Kindesbeinen an mein Berufsziel und dem fühle ich mich weiterhin verbunden. Meine Tätigkeiten in der Wissenschaft, als Verleger und auch als Politiker waren für mich eher Exkursionen.

Sie sprachen einmal von der gegenseitigen Verachtung von politischem und journalistischem Personal. Haben Sie das als Journalist in der Politik am eigenen Leib erfahren?

Nein, das war eher eine generelle Bemerkung, die leider auch stimmt. Ich empfehle nur, das Buch „Republik der Wichtigtuer“ von Tissy Bruns zu lesen, da wird das genau beschrieben. Ich hatte dagegen das außerordentliche Glück, mit dem strahlenden Wahlsieger Gerhard Schröder antreten zu können. Einem Mann, der die Position des Kulturstaatsministers, die er geschaffen hatte, von Herzen und auch politisch unterstützte.

Welche Rolle spielten die Medien bei den Wahlkämpfen, die Sie als Politiker absolviert haben?

Unser Bundestagswahlkampf 1998 war insofern medial erfolgreich, als die SPD mit dem Posten des Kulturstaatsministers, der geschaffen werden sollte, ein Thema besetzt hat, das genauso von der CDU hätte besetzt werden können. Die haben sich geärgert, dass sie nicht auf die gleiche Idee gekommen sind. Es war ja nicht so, dass die CDU kulturpolitisch nichts zu bieten hatte. Das habe ich zwar behauptet, aber das war Wahlkampfgetöne.

Bei den Bürgerschaftswahlen in Hamburg lief das aber nicht so gut mit den Medien.

Hier in Hamburg herrscht ein Medienmonopol des Springer-Verlags. Und ich habe am eigenen Leib erfahren, was es für sozialdemokratische Politiker in Italien heißt, gegen die Medienmacht Berlusconis anzutreten. In meinem Fall war es so, dass die mächtigste Zeitung der Stadt, die Bild-Zeitung, drei Monate lang von Spitzenkandidaten der SPD bis auf Winzigkeiten keine Kenntnis nahm. Und sogar einmal eine aus Chronistenpflicht abzudruckende Pressemitteilung des Kandidaten Naumann mit einem falschen Namen versah. Mit Absicht.

Sie wurden niedergeschrieben?

Niedergeschwiegen, nicht niedergeschrieben. Das zog sich mehrere Monate hin. Dann war die Berichterstattung mit wenigen Ausnahmen im Großen und Ganzen normal. Wirklich auffällig war dagegen die Gewichtung der Bilder: zirka 3:1 für Ole von Beust. Das wurde in einer Magisterarbeit an der Uni Hamburg festgestellt, die den Wahlkampf medienwissenschaftlich untersucht hat. Und auch die positive Bildauswahl fiel zugunsten von Ole von Beust aus. Auch mit Bildern macht man in den Redaktionen Meinung und manche ungünstige Aufnahme meiner Wenigkeit fand den Weg in die Bild-Zeitung.

Nach Ihrer Wahlniederlage erklärten Sie, dass die Medienvertreter nach den Aussagen Kurt Becks über Öffnung der SPD zur Linkspartei nicht mehr die Inhalte des Wahlkampfs, sondern nur noch die Glaubwürdigkeit Ihrer Person thematisierten.

In der letzten Woche vor der Wahl entscheiden sich 20 bis 30 Prozent der Wähler. Die Berichterstattung der hiesigen Presse war in dieser wichtigen letzten Woche nach den Äußerungen Kurt Becks zur Linkspartei vor allem durch ein Thema definiert: Droht Hamburg eine postkommunistische Machtübernahme? Die alten Akkorde des Kalten Krieges wurden angeschlagen und dies führte zu einer nachweislichen Mobilisierung von CDU-Wählern, die eigentlich die Lust an der Beust-Regierung verloren hatten. Obwohl ganz klar war, dass Hamburgs SPD auf keinen Fall mit der Linkspartei koalieren wollte und auch nicht von ihr toleriert werden wollte.

War das ein Fehler der lokalen Medien?

Das war kein Fehler, das war Absicht. Man duzt sich in den Chefetagen von Bild mit dem Spitzenpersonal der hiesigen CDU.

Von der Bild-Zeitung einmal abgesehen, gab es weitere unfaire Wahlberichte?

Das Hamburg Journal, eine Abendsendung im NDR-Fernsehen, hatte ebenfalls in seiner Berichterstattung parteipolitische Präferenzen. Um nur ein Beispiel zu nehmen: Alle Politiker verteilen in den Wahlkämpfen Blumen auf den Märkten, um so mit Bürgerinnen und Bürgern ins Gespräch zu kommen. In meinem Falle wurde dieses übliche Verteilen zum Beispiel eine halbe Stunde lang mit der Kamera verfolgt. Hunderten habe ich dabei Blumen überreicht. Dann wollte ich eine einem Mann geben, der sich mit bitterem Gesicht weigerte, sie anzunehmen. Und ausgerechnet das wird gesendet. Der Redakteur, der das zu verantworten hatte, ist jetzt Sprecher eines CDU-Senators in Hamburg.

Was hat Sie persönlich getroffen in der Berichterstattung?

Wenn es in der Bild-Zeitung um meine Frau ging und wenn mir Sachen unterstellt wurden, die nicht der Wahrheit entsprachen.

Wie viel Persönliches müssen Politiker denn preisgeben, wenn sie in den Wahlkampf ziehen?

Sie müssen zumindest ihre Biografien offen stellen und erklären, wo sie herkommen und was sie motiviert. Das kann der Wähler auch verlangen. Aber das Persönliche sollte man doch heraushalten, so weit das möglich ist.

Gab es auch etwas, das Sie in den Medienberichten vermisst haben?

Ich habe eine intensivere Berichterstattung über den Wahlkampf, den richtigen Wahlkampf des Kandidaten Naumann in Hamburg vermisst. Ich hatte in elf Monaten ungefähr 700 Termine und bin in Hamburg insgesamt 11.000 Kilometer gefahren. Einen bis zwei Tage lang begleitet in diesem Wahlkampf haben mich aber nur zwei Journalisten von überregionalen Tageszeitungen. Die Hamburger Journalisten waren immer nur so anderthalb Stunden dabei. Die haben insofern nicht mitbekommen, was Wahlkampf eigentlich bedeutet. Einer der Gründe ist natürlich die redaktionell knappe Besetzung der hiesigen Lokalzeitungen. Ein anderer ist aber auch, dass die Journalisten es in der Vergangenheit gewohnt waren, jeden Tag ihren Zweispalter zu schreiben. Und dazu muss man nicht einen ganzen Tag mit jemanden herumziehen. Aber einen Kandidaten einen ganz Tag lang zu begleiten, das muss für jede Lokalzeitung eigentlich Pflicht sein.

Als Journalist beschäftigen Sie sich vor allem mit außenpolitischen Themen. Gab es auch etwas in der Lokalpolitik, das Ihr journalistisches Interesse geweckt hat?

Alles! Verkehrspolitik, Kultur-, Wissenschafts- und Schulpolitik, Gesundheitspolitik, Haushaltspolitik, Standort- und Hafenpolitik. Das sind alles Themen, die sehr konkret sind. Anders als die Bundespolitik, die sich mit dem Großen und Ganzen befasst, beschäftigt sich Stadt- und Landespolitik mit dem konkreten Erlebnis von Politik durch die Menschen – mit ihren Erwartungen und ihren Nöten. In diesem Raum erlebt der Mensch Politik. Das ist ja keine neue Erkenntnis. Aber die Probleme einzeln zu beleuchten, die Verfallserscheinungen in Hamburg zu thematisieren und zu sehen, wie hier die Ideologie der Marktwirtschaft dafür gesorgt hat, dass entscheidende Teile des Hamburger Besitzstandes, etwa Krankenhäuser und Teile der Hafenwirtschaft, verkauft wurden, das alles fand ich sehr faszinierend und aufregend.

Gleichzeitig ist aber auch die Nähe von Politikern und Journalisten im Lokalen viel größer. Sehen Sie darin eine Gefahr?

Natürlich. Wenn es zu Verbrüderungen der auch zur Kritik bestellten Presse mit der Lokalpolitik kommt und man anfängt, sich zu duzen und kumpelhafte Beziehungen aufbaut – wie das übrigens auch in Bonn und Berlin der Fall ist –, dann kommt es zu Verzerrungen in der Berichterstattung.

Spürten Sie jemals einen Konflikt zwischen Ihrer journalistischen und verlegerischen Arbeit und Ihren politischen Tätigkeiten?

Nein, ich war während meiner politischen Tätigkeiten bei der Zeit beurlaubt. Die Zeit ist in dieser Hinsicht auch ein besonderes Blatt. Wir haben hier den ehemaligen Planungschef der Bundeswehr, Theo Sommer, wir hatten den ehemaligen Pressesprecher der SPD, Kurt Becker, den ehemaligen Pressesprecher der Regierung Kohl, Diether Stolze. Und wir haben den ehemaligen Bundeskanzler Helmut Schmidt bei uns. Die Zeit ist in dieser Hinsicht sehr offen. Das sieht man auch an den parteilichen Zugehörigkeiten. Aber es liegt an den einzelnen Kollegen, also auch an mir, sich nicht durch seine politische Erfahrung den Blick verstellen zu lassen auf die Schwächen und Fehler der eigenen Partei oder der Regierung. Ein maßvolles Urteilen gehört hier gewissermaßen zur Grundausstattung.

Interview: Jan Steeger

trenner

Kommentare