drehscheibe.org > Themen > Interviews > Interview mit Michael Husarek

Interviews

Michael Husarek ist stellvertretender Chefredakteur der Nürnberger Nachrichten.

tl_files/drehscheibe/Themen/Interviews/Husarek.JPG 

„Wir stoßen oft Dinge an, die große Auswirkungen haben können“

Die Studentin Alexandra Haderlein hat in ihrer Bachelor-Arbeit im Studiengang Ressortjournalismus der Hochschule Ansbach die Wechselwirkung zwischen Lokalpresse und Kommunalpolitik untersucht. Studienobjekte waren der Lokalteil der Nürnberger Nachrichten, der das größere Nürnberger Lokalgeschehen im Blick hat, und der Nürnberger Stadtanzeiger, eine sublokale Beilage des Blatts. Zweitgutachter der Bachelor-Arbeit war Michael Husarek, der stellvertretende Chefredakteur der Nürnberger Nachrichten. Die drehscheibe sprach mit ihm über seine Einschätzung der Forschungsabeit.

Setzen aufs Lokale: die Nürnberger Nachrichten

Herr Husarek, das Ergebnis der Studie von Frau Haderlein zeigt, dass es durchaus einen Einfluss von lokaler Berichterstattung auf Kommunalpolitik gibt. Können Sie das als Praktiker bestätigen?


Durchaus, denn wir stellen häufig fest, dass eine Berichterstattung, vor allem wenn sie zu einer regelmäßigen wird, Konsequenzen in den Ausschüssen des Stadtrats hat. Manches Thema wird dann auf die Tagesordnung genommen und so zum Teil der politischen Diskussion.

Trifft das vor allem bei der Berichterstattung über sublokale Themen zu – also etwa bei Themen aus den Stadtteilen, die ja der Nürnberger Stadtanzeiger aufgreift – und weniger bei lokalen, etwa ganz Nürnberg betreffenden Themen?


Es ist tatsächlich so, dass wir eher im Sublokalen das Medium sind, das als erstes über ein Thema berichtet oder auf einen Missstand hinweist, ganz einfach deshalb, weil sich die Leser mit Problemen an den ihnen vertrauten Nürnberger Stadtanzeiger wenden. Wenn man die großen innerstädtischen oder über die Stadt hinausreichenden Probleme betrachtet, dann werden diese ja oft schon jahrelang diskutiert, etwa wenn es um den Neubau von Schulen geht oder ähnliches. In solchen Fällen ist der Anstoß aus dem Stadtteil gar nicht nötig, weil das Problem offenkundig ist. Anders bei den Problemen, die wir behandeln, wie zum Beispiel kürzlich das Thema Essen und Trinken in öffentlichen Verkehrsmitteln. Wir berichteten kürzlich über eine Leserin, die ein Busfahrer nicht ins Fahrzeug gelassen hat, weil sie ein Eis in der Hand hatte. Damit haben wir eine öffentliche Diskussion angestoßen, die dazu führte, dass die Nürnberger Verkehrsbetriebe ein förmliches Verbot erlassen haben, was den Konsum von Lebensmitteln in den öffentlichen Verkehrsmitteln betrifft. Wir stoßen oft Dinge an, die im Kleinen beginnen, aber große Auswirkungen haben können.

Das war nun ein positives Beispiel. Können Sie auch von einem negativen berichten, in dem sie als Zeitung berichtet haben und vielleicht mit der Zeit bemerkt haben, dass sie mit der Berichterstattung oder dem Aufgreifen eines Themas falsch gelegen haben?


Ich würde mich gegen die Fragestellung wehren. Denn uns geht es ja als Zeitung weniger darum, Themen durchzudrücken oder Probleme in unserem Sinne zu lösen. Wir verstehen  uns eher als Mittler zwischen den Bürgern und Behörden oder der Politik. Es gibt Themen, bei denen wir konkret Stellung beziehen, das geschieht dann in der Regel in der Form von Kommentaren, und da kann es natürlich vorkommen, dass eine Meinung, die wir als Lokalredaktion vertreten, nicht in einen entsprechenden Beschluss mündet – das ist sogar ganz häufig der Fall. Aber es ist unsere Aufgabe, darauf hinzuweisen und Stellung zu beziehen.

Frau Haderlein hat betont, dass der Nürnberger Stadtanzeiger sich sehr stark als Sprachrohr der Bürger versteht. Das kann ja auch Gefahren in sich bergen, wenn zum Beispiel die Bürgerschaft gerade einer Fehlmeinung aufsitzt.


Sicherlich. Da sind wir in unserer Vermittlerfunktion gefragt, als gate keeper. Wir transportieren auch nicht automatisch alle Themen. Ein Beispiel wäre das Thema Rechtsextremismus. Wenn es etwa zu Umtrieben in einem Stadtteil kommen würde, würden wir immer mahnend den Finger heben, auch wenn es in diesem Stadtteil Bürger geben sollte, die insgeheim mit diesen Umtrieben sympathisieren. Wir sind ein Sprachrohr der Bürger dieser Stadt, aber wir nehmen durchaus für uns das Recht in Anspruch, Dinge zu kanalisieren und vor einer Veröffentlichung zu entscheiden, was wir transportieren.

In welchem Gremium diskutieren Sie so etwas? In der Lokalredaktion?


Wir besprechen das in der Lokalredaktion, außer es ist von vorneherein absehbar, dass es ein Thema mit viel größeren Auswirkungen ist. Häufig haben unsere Lokal-Redakteurinnen und -Redakteure als erste Kenntnis von brisanten lokalen Themen und stellen sie zur Debatte. Und dann entscheiden wir, wo wir darüber berichten wollen, im Stadtanzeiger oder in den Nürnberger Nachrichten. Es kann auch sein, dass wir im Stadtanzeiger mit der Berichterstattung beginnen und das Thema dann, wenn es an Fahrt und Dynamik gewinnt, im Lokalteil der Nürnberger Nachrichten weiter behandeln.

Könnte das ein Erfolgsrezept für den Lokaljournalismus im allgemeinen sein?


Grundsätzlich halte ich es für äußerst wichtig, dass man die sublokale Berichterstattung stärkt und in die Stadtteile hineingeht. Hier haben wir mit unserem engen Netz an Redakteuren und freien Mitarbeitern die größte Kompetenz, da haben die im Internet vertretenen Mitkonkurrenten relativ schlechte Karten, weil wir einfach näher dran sind. Von daher glaube ich schon, dass regionale Abonnementzeitungen vor allem mit fundierter lokaler und sublokaler Berichterstattung eine Zukunft haben.

Sie waren ja Zweitgutachter der Arbeit von Frau Haderlein. Haben Sie bei dieser Tätigkeit etwas mitnehmen können für Ihre praktische Arbeit?


Ganz sicher. Die Arbeit liefert den wissenschaftlich fundierten Beleg für eine These, die wir schon lange vertreten habenm, nämlich dass wir über unsere sublokalen und lokalen Publikationsorgane sehr wohl die öffentliche Meinung prägen und Diskussionen anstoßen können. Am Ende können solche Diskussionen auch in kommunalpolitische Entscheidungen münden. Dass dies in der Arbeit von Frau Haderlein an einigen Beispielen belegt wird, halte ich für eine schöne Bestätigung der Arbeit unserer Lokalredaktion.

Interview: Stefan Wirner

 

Kontakt:

Michael Husarek

Tel.: 0911 216-2680
E-Mail: michael.husarek@pressenetz.de

Veröffentlicht am 7. Janaur 2013

 

Hier geht's zurück zum Interview mit Alexandra Haderlein.





trenner
Share |

Kommentare