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Markus Mörchen ist verantwortlicher Redakteur der Kinder-Nachrichtensendung logo! des ZDF .

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„Man sollte nicht überdramatisieren"

Auf der Blitz-Kindermedienkonferenz zum Thema „Krisenberichterstattung für Kinder“ Mitte Juli in München wurde klar: Nachrichten für Kinder sind nötig. Und sie müssen anders gemacht werden als Nachrichten für Erwachsene. Einige Tipps aus der Praxis dazu gibt Markus Mörchen, verantwortlicher Redakteur der Kinder-Nachrichtensendung logo! des ZDF (ausgestrahlt in ZDF tivi und auf Kika).

Herr Mörchen, warum ist es so wichtig, kindgerecht über Krisen und Katastrophen zu berichten?


Es gibt vor allem einen Grund dafür: Kinder bekommen gerade große Krisen mit. Aber das, was sie mitbekommen, verstehen sie nicht automatisch. Und deshalb braucht man Nachrichten, die solche Krisen auch für Kinder verständlich erklären.


Wie sieht die Krisenberichterstattung bei logo! aus?


Als Erstes wollen wir wissen, was die Kinder für Fragen haben. Sie melden sich ganz automatisch bei uns – logo! ist längst zu einer Instanz geworden. Da kommen dann auch wahnsinnig viele Fragen zu so einem Ereignis wie in Japan und wir versuchen dann, möglichst viele davon zu beantworten.


Was sind die Grundregeln bei der Krisenberichterstattung für Kinder?


Das Wichtigste ist, nur eine Frage zu stellen, die man dann auch beantwortet. Die Kinderfrage – wie wir sie nennen – sollte man möglichst klar und eben aus Kindersicht formulieren. Und sie dann in verschiedenen Erzählschritten, mit einem ganz klaren Erzählsatz, erklären und dabei natürlich eine einfache Sprache verwenden, z.B. kurze Sätze, einfache Worte usw.. Wichtig ist es auch, eine sehr hohe Text-Bild-Korrelation zu haben – also eine hohe Übereinstimmung zwischen Text und Bild.


Gibt es auch Tabus?


Thematisch gibt es keine Tabus bei logo! – wir machen jedes Thema, wenn wir merken, dass es für Kinder interessant ist und erklärt werden muss. Aber es gibt sie bei der Art der Berichterstattung, z.B. der Auswahl der Bilder. Wir können nicht jedes Bild aus den Erwachsenennachrichten zeigen, denn viele Bilder lösen zusätzliche Assoziationen, Fragen und Sorgen aus. Diese Bilder sondern wir dann auch aus. Und natürlich achten wir darauf, nichts zu machen, was Kinder nicht richtig verstehen. Wichtig ist es, möglichst geradlinig über etwas zu berichten, also sachlich und nicht emotional aufgeladen. Man sollte beispielsweise nicht mit Musik überdramatisieren.“


Sind Comics der bessere Weg?


In unseren Erklärstücken haben wir zwar keine Comics, aber Zeichentrickfiguren und eine Zeichentrickwelt. Das ist natürlich wesentlich einfacher, weil sich so Dinge versachlichen lassen. Emotional sehr aufgeladene Dinge würden da nicht auftauchen und entsprechend keine so emotionalen Reaktionen hervorrufen. Deswegen ist eine Versachlichung über Zeichnungen ein sehr guter Weg.


Gibt es neben der Post der Kinder noch weitere Formen der Zusammenarbeit mit Kindern bei logo!, über die Sie auf Themen aufmerksam werden?


Es gibt bei uns die Kinderreporter, die logo!-Redezeit und wir sind auch oft in Schulklassen unterwegs. Wichtiger ist aber tatsächlich, was Kinder schreiben, weil man da direkt das Stimmungsbild abfragen kann. Denn aus Erfahrung wissen wir, dass die Kinder ganz viele Fragen haben und sich bei uns melden, wenn über etwas ganz groß berichtet wird und das Thema Kinder emotional berührt. Diese Fragen müssen wir dann auch beantworten. Wir schauen natürlich aber auch, worüber die Zeitungen und die anderen Nachrichtensendungen berichten.“


Was muss in Sachen Kinderberichterstattung in Zukunft passieren?


Wir müssen versuchen, Kinder auf verschiedenen Wegen zu erreichen. Wir machen das heute bei logo! vorrangig über TV, natürlich auch über das Internet – unsere Onlineseite auf logo.de wird täglich mehrfach aktualisiert, und dort sind auch die TV-Sendungen noch sieben Tage nach Ausstrahlung abrufbar. Darüber hinaus gibt es natürlich noch zusätzliche Wege und dadurch, dass sich die Mediennutzung von Kindern und Jugendlichen massiv verändert, müssen auch wir auf solche Veränderungen reagieren. Und ich glaube, da liegt viel Arbeit vor uns.


Haben Sie Ideen, wie man das umsetzen kann?


Das ist nicht ganz einfach, weil zum Beispiel Social-Media-Plattformen wie Facebook offiziell erst ab 13 Jahren freigegeben sind. Wir wenden uns an die Zielgruppe der acht- bis zwölfjährigen, d.h. wir dürfen uns aufgrund der rechtlichen Bestimmungen gar nicht offiziell über Facebook äußern. Es müssen sich erst noch viele Rahmenbedingung ändern, damit wir auf solche Entwicklungen reagieren können. Ich glaube, wir brauchen auch noch ein viel stärkeres finanzielles und personelles Potential in den Redaktionen, um darauf reagieren zu können.“


Bei den logo!-Kindernachrichten geht es nicht nur um Krisen. Warum ist es so wichtig, auch über positive Dinge zu berichten?


Man braucht auch die gute Nachricht, das gilt nicht nur für Kindernachrichten. Aber dort ist sie besonders wichtig, damit die Kinder sehen, dass es auch gute Dinge gibt, die auf der Welt passieren. Auch bei uns in der Nähe gibt es Berichtenswertes, das für uns vielleicht sogar noch wichtiger als das ist, was in Japan passiert. All das müssen und wollen wir bei logo! zeigen. Eben auch Dinge, die auf dem Schulhof passieren, die den Kindern ganz nah und die sehr positiv sind, über die man vielleicht sogar lachen kann: Themen, die unmittelbar mit ihrem Lebensumfeld und ihren Interessen zu tun haben, zum Beispiel die Schule, Stars oder Sport.


Die ZDF-Kindernachrichten “logo!“, die 2010 mit dem Deutschen Fernsehpreis in der Kategorie „Beste Information“ ausgezeichnet wurden, laufen immer samstags um 8.50 Uhr in ZDF tivi, dem Kinder- und Jugendprogramm des ZDF, und außerdem täglich auf Kita.

Interview: Sarah Kretzschmar

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