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Interviews

Manuel Gnos ist Bildredakteur von Journal B.

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„Thema ist einzig, was die Stadt bewegt“

Frischer Wind für die Schweiz: Seit September 2012 gibt es Journal B, das erste Online-Magazin aus Bern. In drei Ressorts – Politik, Kultur und Alltag – berichtet es über Themen aus der Stadt. Die Redaktion erhebt dabei aber nicht den Anspruch, tagesaktuelle Informationen und Breaking News zu liefern, wie es in einer Selbstdarstellung des Portals heißt. Sie will „die Gesichter und Geschichten hinter den News und den großen Schlagzeilen“ zeigen. Über das Konzept sprach Imke Emmerich mit Redakteur Manuel Gnos.

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Sie haben den Verein Berner Onlinemedien mitbegründet. Worum handelt es sich dabei?

Das ist ein Verein, der seit anderthalb Jahren daran arbeitet, eine neue journalistische Stimme für die Stadt Bern auszubauen. Im Moment besteht er aus einer Trägerschaft, die die Grundfinanzierung des Projekts Journal B gesichert hat. Und mittelfristig soll er zu einem Verein mit 1.500 bis 2.000 Mitgliedern werden, die ein Online-Magazin finanzieren, das über die Stadt Bern berichtet.

Das ist eine spezielle Finanzierungsform. Warum gehen Sie weg von klassischen Werbemodellen?

Weil wir aus Beobachtung und Selbsterfahrung wissen, dass das Verlegermodell, das bis heute besteht, nicht mehr so funktioniert, wie es für eine Demokratie funktionieren müsste. Man geht sowohl im Print wie Online in eine Richtung, bei der es um möglichst hohe Quoten geht. Da geht die Demokratiedebatte, die Debatte um aktuelle Themen in einer Stadt, verloren. Weil sie nicht klickrelevant sind. Wir sagen: Es gibt einen Teil in der Bevölkerung, der daran interessiert ist, dass eine solche Debatte weiterhin geführt wird. Wir sind überzeugt, dass eine Demokratie eine Medienöffentlichkeit hat, die in die Tiefe geht, genauer hinschaut und versucht mit den Menschen zu reden.

Wie gewährleisten Sie das inhaltlich auf Ihrer Website? Welche Themen sind demokratierelevant?

Das sind die aktuellen politischen Diskussionen auf der einen Seite, aber auch die langfristigen politischen Themen, die nicht so intensiv diskutiert werden und weitergehen in eine längerfristige Denkweise, die Region und Land voranbringen können. Aber es sind auch die Werte, die man selbst hat und in einem aufklärerischen Sinne mitträgt in der Berichterstattung, damit man mit den Leuten ins Gespräch kommt.

Wie kann über Ihre Onlineseite bewirkt werden, dass die Teilhabe der Bürger an politischen Prozessen stärker stattfindet?

Das ist das Interessante an diesem Modell: dass wir die Leute alles mittragen lassen, dass sie uns finanziell unterstützen. Das sind Menschen, die sich sehr interessieren für eine Berichterstattung mit Teilhabe, die sich gern engagieren in einer Diskussion. Onlinemedien bieten die Möglichkeit, dass man sich mit niedrigen Hürden einschalten kann, direkte Kontakte aufnehmen kann mit der Redaktion, sofern die dazu bereit ist. Das sehen wir heute nirgendwo in der Medienlandschaft in der Schweiz, und in Bern sicher auch nicht. Man holt zwar Inhalte ab von den Leuten, aber das ist eine Einwegkommunikation: Die Journalisten produzieren Zeitungen und Onlineauftritte, die Leute steuern Kommentare und Bilder bei – aber sie reden eigentlich gar nicht miteinander.

Welchen Stellenwert hat dabei das Hyperlokale, der Journalismus ganz nah dran?

 

Das ist eigentlich das Grundmodell dabei. Ich würde jetzt nicht auf  Nachbarschaften herunter brechen, aber einzig, was in dieser Stadt passiert und was diese Stadt bewegt, ist bei uns Thema. Natürlich können das auch mal internationale Themen sein, die man lokal abhandelt. Aber im Prinzip geht es darum, die Themen, die hier eine Rolle spielen, für die Leute, die hier leben, aufzunehmen. Das ist hyperlokal. Zum Teil fokussieren wir sicher auch die einzelnen Quartiere. Das ganz klar geografisch abgegrenzte Gebiet ist aber die Stadt Bern.

In den letzten drei Jahren gab es Wellen an hyperlokalen Projekten, neue entstanden, andere sind verschwunden. Hat das hyperlokale Modell denn wirklich Zukunft? Wie langfristig kann man hyperlokal überhaupt weiterdenken, auch aus finanzieller Perspektive?

Das werden wir herausfinden! Die Medienwelt hat sich in den letzten 15 Jahren derart verändert, dass man einfach neue Formen ausprobieren muss. Und ich bin im Gegensatz zu vielen anderen Journalisten der Meinung: Es können auch Journalisten selbst etwas ausprobieren und müssen das nicht nur den Verlegern überlassen. Letztendlich sind die Journalisten am Puls des Geschehens und bekommen mit, was passiert. Wenn man täglich bei der Arbeit merkt, dass das Bedürfnis der Leser eigentlich ein anderes ist und die Möglichkeit besteht, das abzudecken, muss man das auch ausprobieren. Ob das soweit geht, dass die Leute auch dafür bezahlen: Das werden wir in den nächsten drei, vier Jahren herausfinden!

Im September ging Journal B online. Wie hat sich denn die Nutzung der Seite seitdem entwickelt?

Wir sind sehr zufrieden mit dem Start. Über konkrete Zahlen geben wir allerdings im Moment keine Auskunft. Auch, weil sie für uns nicht das einzige Kriterium für eine gute Nutzung des Angebots sind. Wir erhalten aber aus der Leserschaft viele positive Reaktionen. Gleichzeitig sind wir noch nicht da, wo wir dereinst hin wollen. Auch für uns ist alles neu und wir sind immer wieder dabei, unseren Weg zu finden.

Und wo wollen Sie einmal hin mit Journal B?

Journal B soll eine relevante Stimme werden in der Stadt Bern. Alle Bewohnerinnen und Bewohner sollen das Produkt kennen, auch wenn sicher nicht alle täglich auf unsere Seite kommen werden. Klickzahlen sind für uns sekundär. Wir verzichten bewusst darauf, die Inhalte so zu wählen oder umzusetzen, dass sie einzig auf viele Klicks ausgerichtet sind. Das entspricht nicht unserer Vorstellung von gutem Journalismus.

 

Wie hat denn die Konkurrenz auf den Launch reagiert, Der Bund und die Berner Zeitung?

Beide Tageszeitungen haben uns wahrgenommen und über unseren Start berichtet; zum Teil auch schon im Vorfeld, genau so wie andere lokale Medien. Interessanterweise werden wir von den Machern der beiden Zeitung entweder belächelt oder gefürchtet. Zentral finde ich aber, dass wir das Projekt gewagt und auch tatsächlich umgesetzt haben. Ob es funktionieren wird, wissen wir nicht. Wir tun aber alles dafür und es macht große Freude, dabei zu sein. Gegenüber den etablierten Medien haben wir den Vorteil, dass wir das in dieser Form machen können – weil wir die Trägheit der Größe nicht haben und uns nicht einer Gewinnmaximierung verschrieben haben. Dass es aber offenbar gestandene Journalisten gibt, die uns unterstellen, Bund und Berner Zeitung kaputtmachen zu wollen, ist lächerlich.

 

Interview: Imke Emmerich


Infos

Journal B: www.journal-b.ch
Start: 21. September 2012
Chefredaktion: Beat Kohler
Redaktionsstellen insgesamt: 3,5 und 1 Praktikant
Inhalte: kostenlos zugänglich
Ressorts: Kultur, Alltag, Politik – sowie diverse Blogs und Kolumnen
Trägerschaft: Verein Berner Onlinemedien
Geschäftsform: Aktiengesellschaft ohne Gewinnvorgaben
Mitgliedschaft: 250 Franken für Einzelperson im Jahr

Veröffentlicht am 26. Oktober 2012





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