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Zahlreiche Tageszeitungen verwenden Mikro-Blogging als weiteren Nachrichtenkanal. Aber das sogenannte Twittern kann auch die journalistische Arbeit erleichtern. Das Regionalportal DerWesten nutzt Twitter im Austausch mit Lesern. Der drehscheibe-Autor Thomas Mrazek sprach mit CvD Katrin Scheib über das Tool Redaktionsalltag und die Bilanz des Mikro-Bloggings.

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"Twitter sollte man ausprobieren"

Katrin Scheib ist CvD beim Regionalportal DerWesten

 

Frau Scheib, was wollen Sie mit Twitter erreichen?

Wir wollen den Gedankenaustausch mit unseren Lesern fördern. Wir weisen auf Texte, Videos, Blogs oder Aktionen bei uns hin, von denen wir glauben, dass sie besondere Aufmerksamkeit verdienen. Außerdem lassen wir uns bei unserer Arbeit gerne über die Schulter gucken. Auch verraten wir schon mal, was uns an nichtjournalistischen Themen beschäftigt. Im Gegenzug lassen uns andere Twitterer ebenso an ihrem Alltag teilhaben. Sie sagen, was ihnen an unserer Arbeit passt oder nicht passt, welche Themen ihnen wichtig sind oder worüber sie gerade in der Kaffeepause mit den Kollegen diskutiert haben.

Wie sieht der Dialog im Redaktionsalltag von DerWesten denn aus?

Wir bekommen immer wieder ganz schlichte Hinweise wie „da fehlt ein Komma im dritten Satz“ oder „macht doch mal was über ...“. Wir nutzen Twitter ab und an, um zu sondieren, ob an einem bestimmten Thema Interesse besteht oder was es an Ideen gibt, auf die wir bisher nicht gekommen sind.

Nutzen Sie Twitter auch zu Recherchen?

Nur gelegentlich. Bisher sieht es so aus, als sei es eher das Tool für erste Ideen oder Denkanstöße als für tiefergehende Recherchen.

Sie haben selbst über 1.300 Twitter-Angebote hauptsächlich von Privatpersonen abonniert: Wie gehen Sie damit um?

Wir haben niemanden dafür abgestellt, den ganzen Tag lang diese Stimmen anzuhören. In der Twittersphäre ist es ein bisschen wie auf dem Marktplatz: Du triffst Leute, unterhältst dich ein bisschen. Einer ruft was rüber, du rufst zurück, ein anderer ruft, aber du hörst es nicht, weil du gerade beschäftigt bist. Zwischendurch hört man auch mal mit, worüber sich die beiden Leute am Gemüsestand nebenan unterhalten. Hier wie bei Twitter gilt: Nicht jedes Gespräch muss ein Dialog sein, auch Mitreden in einer Gruppe hat seinen Wert. Und Mithören genauso.

Ist das Mikro-Blogging dann nicht sehr zeitaufwändig?

Wenn man es gut machen will, kostet es Zeit. Zumal wir möglichst oft auch antworten wollen, wenn wir angesprochen werden. Die Begrenzung auf 140 Zeichen verhindert, dass wir uns vor lauter Freude am Dialog festquatschen. Manche Tweets sind ja auch gar keine Fragen, sondern Hinweise, Lob oder Kritik. Da sind wir dann auch entspannt genug, das mal für sich stehen zu lassen oder, bei einem größeren Gesprächsbedarf, auf Mails auszuweichen.

Wenn Sie Bilanz ziehen, würden Sie empfehlen, mit Twitter zu experimentieren?

Durch die ständige Interaktion nehmen viele Nutzer unser Getwitter als „ihr Ding“ wahr: Sie sagen uns, ich erwarte von euch dies und das, ich finde es gut, wenn ihr das und das macht. Sie helfen uns, aber sie nehmen uns auch in die Pflicht. Und so lange wir im Gespräch bleiben, kennen wir uns täglich besser und erreichen eine Leserbindung, von der manch andere Medien nur träumen können. Wir können die Leute und ihre Interessen genauer kennen lernen und unser Angebot besser auf sie zuschneiden. Twitter sollte man auf jeden Fall ausprobieren!

Interview: Thomas Mrazek

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