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Interviews

Julius Tröger ist Redakteur der Berliner Morgenpost.

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„Zusätzliche Web-Techniken können nicht schaden“

Wie viel sollte ein Online-Redakteur von den Techniken, die es im Online-Journalismus gibt, verstehen? Mindestens soviel wie ein Fernsehredakteur von der Arbeit des Cutters, meint Julius Tröger, Redakteur bei der Berliner Morgenpost. Er ist dort zuständig für den Ausbau multimedialer, mobiler und datengetriebener Formate. Privat hat er kürzlich auf seinem Blog digitalerwandel.de eine Zusammenfassung der neuesten technischen Möglichkeiten im Web veröffentlicht, die er der drehscheibe freundlicher Weise zur Verfügung stellt. (Hier geht's zum ersten Teil des Online-Workshops.) Wir sprachen mit ihm über seine Motivation, diese Übersicht zu erstellen.

Herr Tröger, Sie haben auf Ihrem Blog www.digitalerwandel.de einen Programmier-Crashkurs für Journalisten veröffentlicht. Warum?

 

Ich habe zusammen mit einem Redakteurs-Kollegen interaktive Online-Geschichten gebaut. Ohne Programmierer haben wir zum Beispiel interaktive Grafiken zur Abgeordnetenhauswahl, zum Berliner Parlament und zu den Berliner Olympioniken erstellt. Auch habe ich mit einer Kollegin ein Multimedia-Feature über DDR-Flüsterwitze veröffentlicht.

Bei all diesen Geschichten musste ich auch mehr oder weniger programmieren. Dieses Wissen, das ich mir dafür angeeignet habe, wollte ich teilen. Ich blogge bei digitalerwandel.de über die praktische Seite der Digitalisierung in Redaktionen. Abseits von Theorie und Thesen.

Denn häufig sind Redaktionssysteme ziemlich unflexibel. Will man seine Geschichte anders erzählen als nur mit Text stößt man schnell an seine Grenzen. Deswegen bin ich der Meinung, dass vor allem Online-Journalisten sich schon mehr mit dem Web, in dem sie arbeiten, auseinandersetzen sollten. Und da können manche zusätzlichen Web-Techniken und Tools nicht schaden.

Ist die Arbeitsteilung zwischen Technikern und Programmierern einerseits und Redakteuren andererseits nicht sinnvoll? Mit der rasanten technischen Entwicklung mitzuhalten, kann den Journalisten doch schnell überfordern. Er muss sich schließlich um Texte, Berichte und Interviews kümmern.

Kein Journalist muss programmieren. Es ergibt überhaupt keinen Sinn, dass etwa der politische Korrespondent plötzlich Quellcode schreibt. Journalisten sollten ihr klassisches Handwerk beherrschen. Das Gespür für Geschichten und Nachrichtensicherheit kann nicht programmiert werden.

Aber das eine schließt das andere ja nicht unbedingt aus. Die vorgestellten Techniken wie Web-Scraping helfen zum Beispiel bei der Recherche. Vieles erleichtert auch die Arbeit, zum Beispiel die Filterung großer Statistiken. Außerdem gibt es viele sehr einfache Frameworks, mit denen man seine Geschichten besser darstellen kann als nur mit Text.

Das Beste, was in (Online-)Redaktionen passieren kann meiner Meinung nach ist, wenn ein Web-Entwickler direkt daneben sitzt und zur Redaktion gehört. Das wird in den USA bereits häufig so praktiziert.

Was halten Sie von der Idee, Redakteuren und Programmierern einen
Entwicklungsredakteur an die Seite stellen, der bestimmte Dinge selbst
programmieren kann, neue technische Entwicklungen beobachtet und
Umsetzungsmöglichkeiten für die Zeitung entwirft? So etwas versucht
derzeit Zeit online.

Es braucht natürlich jemanden, der die selbe Sprache spricht wie der Programmierer. Vor allem bei großen Projekten. Da ist eine Stelle wie ein Entwicklungsredakteur als Vermittler natürlich super.

In Zukunft wird es meiner Meinung nach auch im Lokalen andere Spezialisierungen und neue Teams geben. Heute gibt es den Textredakteur, den Fotoredakteur, Videoredakteur, Layouter und so weiter. Wieso nicht auch noch Datenredakteure oder so genannte Journo-Hacker, also Programmierer, die eher journalistische tätig sind. Auf jeden Fall kommen sich beide Seiten näher. Zum Beispiel beim Hacks/Hackers-Treffen in Berlin.

Was sollte ein Lokalredakteur heute auf jeden Fall selbst machen
können? Welche Grundlagen sollte man sich unbedingt aneignen?

Jeder Lokalredakteur, der auch im Web publiziert, sollte sich in die Grundlagen von HTML einarbeiten. Und er sollte wissen, wie das Web ungefähr funktioniert - also wissen, was RSS-Feeds sind. Er sollte sich auch mit den Möglichkeiten von APIs beschäftigen um zu wissen, wie er an Datensätze gelangt und diese bereinigen und aufarbeiten kann, um darin vielleicht eine Geschichte zu finden.Außerdem sollte er sich die Tools anschauen, die es im Web gibt, mit denen Geschichten über das meist geschlossene CMS hinaus individuell dargestellt werden können. Zum Beispiel lassen sich zeitliche Chroniken einfach besser mit interaktiven Zeitleisten darstellen als mit einem langen Text. Der Umgang mit Audio-Files und das Drehen von Videos gehört heute in vielen Redaktionen zum Standard.

 

Wie haben Sie sich Ihr Wissen angeeignet? Braucht man dazu ein spezielles Studium, eine Ausbildung?

Ich habe mich schon ziemlich früh für Web-Entwicklung interessiert, und es war schon immer ein Hobby von mir. Ich habe es mir vor allem selbst beigebracht während den Projekten. Es gibt Unmengen an Tutorials im Netz und Kurse. Ein guter Einstieg ist zum Beispiel codeacademy.com. Für professionelle Web-Entwicklung kommt man aber eigentlich nicht an einem Studium oder einer Ausbildung vorbei, auch wenn es immer mehr Autodidakten gibt.

 

Interview: Stefan Wirner 

 

Kontakt zu Julius Tröger:

julius@digitalerwandel.de

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