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Jörg Schönenborn ist Autor der Fragen des monatlichen ARD Deutschlandtrends und Chefredakteur des WDR-Fernsehens.

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„Die Sonntagsfrage ist keine Prognose“

Wie verlässlich sind Wahlprognosen? Verwandeln sich Meinungsforscher immer mehr in Meinungsmacher? Und wie sollten Journalisten mit Umfrageergebnissen umgehen? Darüber sprachen wir mit Jörg Schönenborn. Seit 1999 moderiert er die Wahlsendungen in der ARD. Außerdem ist er Autor der Fragen des monatlichen ARD Deutschlandtrends. Darin ermittelt Infratest dimap im Auftrag der Sendung „Tagesthemen“ regelmäßig das aktuelle politische Meinungsbild in der Bundesrepublik.

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Herr Schönenborn, wie kommt die Sonntagsfrage zustande?


Die Sonntagsfrage wie der ARD-Deutschlandtrend insgesamt ist das Ergebnis einer Telefonbefragung. Nach einem von Statistikern entwickelten Verfahren werden 1000 bis 1500 Wahlberechtigte ausgesucht, die unter anderem nach ihrer Wahlabsicht für den kommenden Sonntag befragt werden, immer unter der Annahme, dass am nächsten Sonntag Wahl wäre. Zu einer solchen Befragung gehört immer auch die Frage: Wem haben Sie bei der vorangegangenen Wahl die Stimme gegeben? Das ist als Plausibilitätsprüfung besonders wichtig. Die Ergebnisse werden dann von Fachleuten der Meinungsforschungsinstitute, in unserem Fall von Infratest dimap, gewichtet, das heißt letztlich aufgrund von Erfahrungswerten angepasst.

Bei der letzten Sonntagsfrage vor der Niedersachsenwahl wurde die CDU vier Prozent zu hoch eingeschätzt, die FDP vier Prozent zu niedrig. Wie kommt es zu solch einer Fehlerquote?


Ich glaube nicht, dass das Ergebnis der Sonntagsfrage falsch war, sondern dass die Messung im Rahmen der üblichen Fehlertoleranzen lag. Es gibt in der Öffentlichkeit das Missverständnis, die Sonntagsfrage sei eine Art Vorschau oder Prognose auf das, was in der nächsten oder übernächsten Woche passiert. Das ist sie nicht. Infratest dimap hat von uns den Auftrag, die Stimmung zum Zeitpunkt der Umfrage zu messen. Als wir zehn Tage vor der Niedersachsenwahl veröffentlicht haben, war das die politische Stimmung, wie Infratest dimap sie von Montag bis Mittwoch der Woche gemessen hat. Aber natürlich ist das keine Messung wie mit dem Zollstock.

Wobei viele Politiker an Wahlumfragen glauben wie an den Wetterbericht. Das verleiht Umfragen eine große Macht.


Ich sehe uns da eher ein bisschen ohnmächtig. Wir geben das in der Fernsehveröffentlichung schriftlich: Da setzen wir auf die Grafik so etwas wie einen Poststempel drauf: „Keine Prognose“. Und ich erläutere das auch. Daran sieht man, dass es manchmal einen großen Unterschied gibt zwischen dem, was wir sagen, und dem, wie es verstanden wird.

Lassen sich nicht viele Wähler leiten von den Stimmungsbildern?


Diesen Punkt muss man sehr deutlich benennen: Ja, Umfragen im Vorfeld der Wahl sind auch eine Entscheidungsgrundlage für Wähler. Je weniger Menschen sich an Parteien gebunden fühlen, desto mehr suchen sie andere Anhaltspunkte und überlegen, was sie mit ihrer Stimme machen können. Das ist eine Entwicklung der letzten Jahre. Insofern müssen wir mit Umfragen besonders sorgfältig umgehen, weil sie ganz offensichtlich auch Wähler beeinflussen.
Wer gewinnt die Bundestagswahl im Herbst?

 

Die statistische Fehlertoleranz liegt zwischen 1,5 und drei Prozent. Die Aussage „FDP bei fünf Prozent“ ist also nur ein Mittelwert. Aber Journalisten machen die Werte zu einer harten Nachricht. Ist das eigentlich vertretbar?

 

Die Sonntagsfrage ist keine harte Nachricht von der Qualität wie die, dass bei einer Bundestagsabstimmung 300 Abgeordnete für einen Antrag gestimmt haben. Es ist eine ungefähre Nachricht, und diese Fußnote verschwindet leider oft. Ich finde es wichtiger, ein Gesamtbild der politischen Stimmung zu zeichnen. Dazu gehört die Meinung zu Personen, zu wichtigen Themen der Woche. Im Zusammenhang damit kann man die Sonntagsfrage dann erklären. Da kann man sehen, ob ein Thema einer bestimmten Partei hilft oder nicht hilft. Isoliert ist sie eine sehr kurzzeitige Information. Ich kann nur jedem Journalistenkollegen, der sie verwendet, raten, sich dessen bewusst zu sein und auf diese Unwägbarkeiten auch hinzuweisen.

Es gibt Qualitätsstandards für die Demoskopie-Institute. Sollte man sie auch an die Berichterstattung anlegen?


Der Hinweis etwa darauf, dass es um die Stimmung der vergangenen Tage geht, der Hinweis darauf, dass es eine statistische Fehlerabweichung gibt – das wäre schon wichtig. Um das Beispiel der FDP aufzugreifen: Sie werden in Umfragen nie genau messen können, ob es 4 oder 5 Prozent sind. Das können Sie nur am Wahltag.

Jedes Institut hat seine Formeln für die Gewichtung. Diese sind geheim. Das löst immer wieder die Kritik aus, die Ergebnisse würden verfälscht. Was sagen Sie dazu?


Das kann ich verstehen. Es ist aber eine sehr komplizierte Wissenschaft, weil sie versucht, Erfahrungen der Vergangenheit auf die Umfragen der Gegenwart anzuwenden. Das sind komplizierte Computermodelle. Da sitzt nicht einer mit dem Bleistift und macht aus einer 34 eine 32. Sondern es sind Rechenmodelle wie beim Wetterbericht. Sie sind aus der Erfahrung abgeleitet und versuchen, dies in die Zukunft zu verlängern. Das ist für den Unkundigen wirklich ein Buch mit sieben Siegeln. Vor der Frage stehe ich als zuständiger Redakteur auch. Ich kann das im Detail auch nicht nachvollziehen, sondern muss glauben, dass die Programme stimmen. Es gibt aber zwei wichtige Korrektive: Das eine ist der Wettbewerb. Es sind so viele Institute am Markt, dass es schon auffällt, wenn eines ständig in einer bestimmten Form abweicht. Das zweite Korrektiv sind am Ende die Wahlen. Wenn es auf Wahlen zugeht und man merkt, dass die Stimmung doch ganz anders ist, dann müssten wir uns als Auftraggeber auch Fragen stellen.

Was sagen Sie zu der Kritik, dass Meinungsforscher mehr und mehr zu Meinungsmachern werden?


Ich glaube, dass wir als öffentlich-rechtliches Fernsehen mit unserer Meinungsforschung ein Stück Waffengleichheit zwischen Wählern und Parteien herstellen. Denn sehr viel intensiver als wir machen die Parteien Meinungsforschung, mit Ergebnissen, die sie nicht veröffentlichen. Das Handeln von Politikern ist aber immer häufiger davon abgeleitet, wie die Meinung zu bestimmten Themen, wie die politische Stimmung ist. Deshalb glaube ich, dass es wichtig ist, dass öffentlich-rechtliche Medien wie ARD und ZDF Transparenz herstellen und ein eigenes Bild von der öffentlichen Meinung zeichnen. Man kann darüber streiten, ob wir das zu häufig machen. Wir tun das in der ARD zweimal im Monat. Und unser Publikum nimmt das sehr interessiert wahr. Ich finde das angemessen, aber der Frage, ob das zu häufig ist, stelle ich mich gerne.

Die Parteibindung der Bürger nimmt ab, die Wähler entscheiden sich immer später. Wie kann man angesichts dieser Unwägbarkeiten noch Meinungsforschung betreiben?


Diese Unsicherheit trifft im Kern nur die Sonntagsfrage. Der ganze Bereich, der sich mit Sachfragen auseinandersetzt, etwa zur Eurokrise oder zur Popularität bestimmter Politiker, ist davon ja nicht betroffen. Was wir haben, sind in der Sonntagsfrage Schwankungen wie nie zuvor. Dass eine Partei wie die Piraten von Null auf elf Prozent kommt, über Monate bei elf Prozent bleibt und jetzt wieder auf drei Prozent abgestürzt ist – das sind neue Phänomene, das gab es in der letzten Legislaturperiode und in den Jahren zuvor nicht. Ich glaube, dass es wichtig ist, gerade diese Schwankungen darzustellen, und dass sie eine wichtige Nachricht beinhalten. Es ist ein Warnzeichen auch für die Parteien, dass sie sich Gedanken über ihre Wählerbindung machen müssen.

Was empfehlen Sie Kollegen, wenn sie seriös über Umfragen berichten wollen?


Zum einen ist es wichtig, auf Zeitreihen zu gucken. Das Spannende sind Entwicklungen, die auf der Zeitachse außergewöhnlich sind. Über Agenturen kommt ja in der Regel die einzelne Umfrage, vielleicht noch mit dem Vergleichswert der Vorwoche. Bei wahlrecht.de kann man die Umfragen aller Institute zurückverfolgen. Das hilft mir bei der Einordnung immer sehr. Das zweite, was ich empfehle, ist, sich wirklich der Fehlertoleranz bewusst zu sein. Entwicklungen von einem Punkt können real, aber auch statistischer Zufall sein. Insofern ist die Nachricht, ABC-Partei steigt von elf auf zwölf, keine harte Nachricht, weil sie stimmen oder auch falsch sein kann. Das dritte, was ich empfehlen würde, wäre, jeweils die Werte anderer Institute zu vergleichen und zu schauen, ob das plausibel ist. Gerade in Wahlzeiten finden die Veröffentlichungen oft parallel statt. Da hilft es auch dem Leser zu wissen, ob alle Institute die gleiche Entwicklung oder ob sie unterschiedliche Entwicklungen beobachten.

Interview: Robert Domes

 

Veröffentlicht am 15. April 2013

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