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Jörg Kachelmann wehrt sich gegen den Vorwurf, er sei der Spaßmacher unter den Wettermoderatoren. Der Schweizer sorgt allerdings seit 1992 in der ARD mit seiner lockeren Art für eine neue Form der Wettervorhersage. Er führte neue Elemente wie den Strömungsfilm ein und holte das Genre aus seiner Kunstsprrache heraus.

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"Ich nehme das Wetter sehr ernst"

Jörg Kachelmann (49) präsentiert seit 1992 in der ARD das Wetter. Der studierte Meteorologe begann seine journalistische Karriere als Redakteur beim „Sonntagsblick" (Schweiz). Er moderiert die MDR-Sendung „Riverboat". Seine Firma Meteomedia betreibt in Deutschland, Österreich und der Schweiz etwa 500 Wetterstationen.

Herr Kachelmann, warum wollten Sie eigentlich lieber Journalist werden, als zu Ende Meteorologie zu studieren?

Mir fehlte nur noch eine Prüfung in Geografie, ich hatte zu jener Zeit schon eine Redakteursstelle beim Sonntagsblick und wusste zu dem Zeitpunkt alles über Meteorologie, das ich im ersten Nebenfach studiert hatte. Außerdem wollte ich immer schon früh auf eigenen Beinen stehen, ich habe mein Studium auch selbst finanziert. Während des Studiums habe ich schon beim Schweizer Wetterdienst gearbeitet, als Verkäufer, Nachhilfelehrer und Briefträger gearbeitet. Man hat mich übrigens später auch nie gefragt, ob ich mein Studium abgeschlossen habe.

Stimmt es eigentlich, dass Sie Jahrelang unaufgefordert dem Südwestfunk per Fax Wetterberichte zugefaxt haben, solange bis man Sie schließlich als Moderator engagierte?

Jahrelang war es nicht, aber Monatelang. Das war Anfang der 90er-Jahre. Ich hatte gerade zusammen mit Christian Häckl, der heute bei RTL das Wetter präsentiert, in St. Gallen in einem Bauernhaus eine Wetterstation eingerichtet. Und wie sollen ein Schweizer und ein Österreicher von einem derart abgelegenen Ort öffentlich deutlich machen, dass sie was können? Da haben wir eben gezeigt, was wir konnten.

Was möchten Sie bei Ihren Wetterberichten rüberzubringen?

Mir ist wichtig, dass die Vorhersagen so genau wie möglich sind. Bei der ARD kann ich darüber hinaus den Volkshochschulansatz verfolgen und auch erklären, warum das Wetter so kommt, wie es kommt. Dabei kann auch immer wieder auf die Unsicherheiten unseres Geschäftes hingewiesen werden, insbesondere beim 15-Tage-Trend, bei dem die Prognosen zum Ende hin sehr unsicher sind. Ich gebe zu, dieser erklärende Ansatz wendet sich eher an das Bildungsbürgertum, aber das entspricht der Zielgruppe der ARD. Unsere Zuschauer sind generell nicht doof.

Die Süddeutsche hat einmal geschrieben, Sie würden das Wetter mit einem Studienrat-Charme präsentieren. Wie viel Show ist notwendig?

Ich nehme das Wetter sehr ernst. Das Thema ist mein Lebensinhalt, seitdem ich zehn Jahre alt bin. Von den Lustigen bei der Wetterpräsentation bin ich schon längst links und rechts überholt worden. Ich behaupte, meine Wetterberichte sind die wissenschaftlichsten seit eh und je.

Sie haben also keinen Gagschreiber in der Redaktion?

Nein, ich habe nicht einmal eine Redaktion. Im Übrigen habe ich auch keinen Teleprompter. Es wird von mir und meinen Kollegen alles frei vorgetragen, dadurch entsteht ein lockerer Ton, den es früher beim Wetter eben nicht gab. Mit Show hat das aber nichts zu tun. Wenn Sie unsere Berichte genau verfolgen, dann werden Sie feststellen, dass da keine Sprüche geklopft werden.

Wenn man Sie googlet, kommen da aber einige zu Tage.

Ich war jung und brauchte das Geld. Als ich 1992 beim ARD-Morgenmagazin anfing, habe ich schon mal aufgedreht und einen witzigen Spruch gemacht, das hängt mir scheinbar immer noch nach. Damals war ich 33 heute bin ich 49 Jahre alt, man entwickelt sich auch. Die ganzen Sprüche, die man im Internet findet, stammen aus meiner Anfangszeit beim Fernsehen. Ich nehme für mich in Anspruch, sehr wissenschaftlich zu sein. Ich habe die Wetterberichte aus der grotesken Kunstsprache herausgeholt. Uwe Wesp hat früher schon mal zehn Mal in einem Beitrag von „Niederschlag" gesprochen. Warum soll ich „Niederschlag" statt „es regnet" oder „Temperaturrückgang" statt „es wird kühler" sagen? Dafür führe ich gelegentlich Fachbegriffe der Meteorologen wie zum Beispiel postfrontale Subsidenz ein. Auch der Strömungsfilm wurde von uns in den Wetterbericht integriert. Im Sommer werden wir  den Taupunkt in den Wetterbericht bringen, der ist hierzulande im Gegensatz zu den USA fast gänzlich unbekannt. Es ist ein Anhaltspunkt für die Luftfeuchtigkeit, wir werden anhand einer Taupunktkarte die Schwüle des Wetters darstellen.

Was könnten Tageszeitungen bei der Wetterpräsentation besser machen?

Das ist ein sehr trauriges Kapitel. Die Zeitungen geben allesamt nur wenige Hundert Euro für Wetterberichte im Monat aus. Damit ist nichts Seriöses auf die Beine zu stellen. In fast allen Zeitungen findet man die gleichen groben Wetterkarten. Statt Karten mit Temperaturen für Tel Aviv, Bangkok und Reykjavik zu veröffentlichen, wären detaillierte Statistiken über regionale Wetterwerte angebracht. Beispielsweise findet man in Tageszeitungen in den USA Karten mit regionalen Rekordwerten. Stattdessen findet man in Deutschland einen unwissenschaftlich Schwachsinn wie das Biowetter. Ein guter regionaler Wetterbericht wäre ein entscheidendes Mittel, lokale Kompetenz zu vermitteln. Ich warte immer noch darauf, eine Zeitung zu finden, die die Mutter aller Wetterberichte erfindet und auf einer Doppelseite präsentiert.

Nervt Sie eigentlich die Diskussion über den Klimawandel?

Nein, überhaupt nicht, es ist eine richtige Diskussion. Ich habe mir auch schon Einiges angehört. Aber es ist nicht mein Fachbereich. Das Klima ist eine langfristige Angelegenheit über Jahrzehnte, wir sind zuständig für die nächsten Wochen.

Welchen Spruch haben Sie auf Lager, wenn die Leute Sie auf der Straße nach dem Wetter von morgen fragen?

Ich bin nicht im Dienst, bitte heute vor der Tagesschau oder nach den Tagesthemen Wetter gucken.

Interview: Bernd-Volker Brahms

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