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Joachim Braun ist Leiter der Lokalredaktion des Tölzer Kuriers.

Joachim Braun

"Mutigen Journalisten droht Gefängnis"


Als der weißrussische Präsident Alexander Lukaschenko am 19.Dezember in einer kaum als demokratisch zu bezeichnenden Wahl im Amt bestätigt wurde, kam es in der Hauptstadt Minsk zu Protesten der Opposition. Doch die Demonstrationen wurden von der weißrussischen Polizei brutal unterbunden, hunderte Regimegegner wurden inhaftiert. Demokratische Rechte werden den Bürgern von Lukaschenko nicht gewährt. Das betrifft auch die Pressefreiheit.

Ende November organisierte das deutsch-weißrussisch Bildungszentrum IBB ein Seminar für Lokaljournalisten in Minsk, zu dem junge Journalisten aus dem ganzen Land anreisten. Mit dabei war als Trainer Joachim Braun, Leiter der Lokalredaktion des Tölzer Kuriers. Seine Erfahrungen in Minsk schilderte er in einem Artikel für den Münchner Merkur (Zum PDF-Download). Die drehscheibe sprach mit ihm über die Situation von Jorunalisten in Weißrussland.

 

Herr Braun, Sie waren als Trainer auf einen Journalistenseminar in Minsk, um weißrussischen Redakteuren lokaljournalistisches Handwerkszeug nahe zu bringen. Was lag Ihnen dabei besonders am Herzen?

Ich bin ohne Erwartungen, aber mit viel Neugierde nach Weißrussland geflogen und wollte einfach mein Wissen teilen und dabei lernen, wie unter Zensurbedingungen Journalismus gemacht wird. Gespannt war ich auf die Begegnung mit den weißrussischen Kollegen. Gespräche abseits des Tagungsraums waren allerdings schwierig, weil von den Kolleginnen nur wenige Englisch sprachen und ich außer zwei Worten - danke und tschüss - kein Russisch sprach. Damit war ich auf demselben Stand wie mein Taxifahrer.

Wie waren die Reaktionen der Teilnehmer?

Sehr angeregt und interessiert an unserer Arbeit in Deutschland. Die Atmosphäre während der Tagung war vorurteilsfrei und offen, obwohl jedem klar war, dass die Staatsmacht am Tisch sitzt. Die aus allen Teilen des Landes kommenden Kollegen waren meist deutlich unter 30. Sie kamen von staatlichen und von unabhängigen Lokalzeitungen, wollten aber alle dasselbe: Korruption bekämpfen und die Zivilgesellschaft stärken. Richtig frei diskutiert, etwa über Pressefreiheit, wurde aber selten, was weniger am fehlenden Mut der Kollegen lag als daran, dass sie das in ihrer auf Repression aufbauenden Gesellschaft so nicht gewöhnt sind.

Wie sind die Arbeitsbedingungen für Lokaljournalisten in Weißrussland?

Unerträglich, entweder du tanzt nach der Pfeife der Staatsmacht - egal, ob das nun die Regierungsebene ist oder der Bürgermeister - oder du bist erledigt. Die unabhängigen Zeitungen können nur ein bis zwei Mal wöchentlich erscheinen und kämpfen in jeder Beziehung mit denkbar schlechten Wettbewerbsbedingungen. Da wird schon die Zustellung zum Problem, geschweige denn, dass die Journalisten von ihrer Arbeit leben können. Außerdem müssen sie Angst haben, dass ihre Blätter von heute auf morgen geschlossen werden. Mutigen Journalisten drohen Gefängnis und Arbeitslager. Das habe ich in meinem Text ja auch beschrieben. Welche Angst das Regime Lukaschenko vor Meinungsfreiheit hat, haben die blutigen Unruhen nach der Wahl voriges Wochenende bewiesen. Aber ich glaube, die Demokratie ist auf Dauer, sprich mit steigendem Wohlstand und wachsender Anbindung an die EU, auch dort nicht aufzuhalten. Und westlich-orientierte Bildungszentren, wie das deutsch-weißrussische Internationale Bildungs- und Begegnungswerk (IBB) Minsk, helfen beim Aufbau einer selbstbewussten Zivilgesellschaft, auch wenn es sehr mühsam ist. Dorothea Wolf, die Leiterin der Medienakademie des IBB, ist jedenfalls hervorragend im Land vernetzt und organisiert immer wieder Schulungen für Lokaljournalisten. Langfristig wirkt das ganz bestimmt.

Welche Rahmenbedingungen sind notwendig, um einen kritischen Lokaljournalismus zu ermöglichen?

Das Ende des Regimes Lukaschenko, die Freigabe der bis jetzt staatlichen Ausbildung und die Einführung einer gesetzlich geschützten Pressefreiheit. Interessanterweise gab's die ja mal, von 1991 bis 1994, als Weißrussland durchaus auf einem demokratischen Weg war. Aber selbst wenn die Rahmenbedingungen stimmen würden und obwohl die Kollegen heiß auf Recherche sind, wird der Umbau des Systems nicht von heute auf morgen funktionieren. Zhanna Lhitvina, die Vorsitzende des unabhängigen Journalistenverbands, hat's im Gespräch ja gesagt:  Weißrussland ist auf allen Ebenen ein "sowjetisches Land".

Was haben Sie von den weißrussischen Kollegen gelernt?

Sehr viel! Vor allem habe ich enorme Hochachtung davor, dass man unter solchen Arbeitsbedingungen nicht den Mut verliert, sondern immer weiter kämpft. Das habe ich den Kollegen auch so gesagt. Aber noch viel eindrücklicher war für mich, erspürt zu haben, welch hohe Werte Demokratie und Pressefreiheit darstellen und wie liederlich wir deutschen Lokaljournalisten oft damit umgehen, wenn wir uns ohne Not, aus Bequemlichkeit zu Bütteln irgendwelcher Interessensgruppen machen. Die weißrussischen Kollegen haben dafür übrigens gar kein Verständnis.

Interview: Jan Steeger

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