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Imke Emmerich studierte in Bielefeld „Medienkommunikation und Journalismus“ und an der Uni Hamburg „Journalistik und Kommunikationswissenschaft”. In ihrer Masterarbeit befasste sie sich mit hyperlokalen Plattformen.

Imke Emmerich

„Über Themen schreiben, die auf der Straße liegen“

Wo auch immer es in den vergangenen Jahren um die Zukunft des Lokaljournalismus ging, war das Schlagwort vom Hyperlokalen schnell bei der Hand. Aber was ist eigentlich hyperlokal? Und was für Erfahrungen haben Journalisten gemacht, die hyperlokale Webseiten betreiben? Imke Emmerich ist diesen Fragen in ihrer Abschlussarbeit „Hyperlokale Plattformen in Deutschland“ nachgegangen und hat neben einem theoretischen Teil mit fünf Betreibern von hyperlokalen Portalen gesprochen. Was sie dabei herausgefunden hat, verriet sie der drehscheibe im Interview.

Frau Emmerich, Sie haben sich in Ihrer Masterarbeit mit hyperlokalen Plattformen beschäftigt und dafür Interviews mit deren Machern geführt. Könnten Sie jetzt noch jemandem guten Gewissens dazu raten, eine hyperlokale Webseite zu machen?

Ja. Wenn es jemand ist, der mit Leidenschaft über seinen Stadtteil oder Ort berichten möchte und die lokalen Strukturen und Besonderheiten kennt. In meinen Gesprächen wurde immer wieder deutlich: Man muss sehr engagiert sein, Kontakte pflegen, auf Menschen zugehen können und mittendrin sein. Wer in Hamburg-Altona lebt, kann keine Seite über Hamburg-Wilhelmsburg machen. Außerdem scheint man viel Ausdauer und Hartnäckigkeit zu brauchen. Einerseits muss man Leser für die Seite begeistern und ihnen eine Alternative zur Lokalzeitung bieten, andererseits die Finanzierung des Projekts sicherstellen. Da das Hyperlokale im Internet für viele neu ist, ist hier meist Überzeugungsarbeit zu leisten. Oft gelingt dies nur über Qualität - da ist es wiederum ratsam, das journalistische Handwerk zu beherrschen. Bei allen fünf Interviewpartnern habe ich aber gemerkt, dass sie ihre Seiten mit sehr viel Spaß und Leidenschaft führen.

Aber kann man davon auch leben?

Der Anfang ist sehr schwierig. Die meisten meiner Gesprächspartner haben noch weitere Einkünfte oder leben von Gespartem - und sehen die ersten Jahre als Investition an, die bei jeder Unternehmensgründung ansteht. Manche Seiten bringen schon gute Einnahmen, auf hohem Niveau kann man davon allein anfangs aber noch nicht leben.

Meine Südstadt

Läuft die Finanzierung rein über Anzeigen oder werden auch andere Modelle verwendet?

Bisher läuft die Finanzierung zum Großteil über Anzeigen. Lediglich die Kölner Seite meinesuedstadt.de bringt keine klassischen Werbebanner, sondern setzt auf ein Partnermodell: Lokale Geschäfte und Restaurants zahlen einen gewissen Betrag und werden auf der Seite in einer gekennzeichneten Rubrik vorgestellt oder in einem „Lunch-Newsletter“ erwähnt. Das scheint gut zu funktionieren. Die anderen Websitegründer setzen neben Anzeigen zum Beispiel auf „Videovisitenkarten“ für Firmen und Privatleute, Merchandising oder probieren Spendenbuttons aus, zum Beispiel von „flattr“. Paid Content lehnten die Befragten für ihre Modelle ab, und auch Stiftungsgelder spielen keine Rolle; im Gegensatz zu den USA ist Stiftungsjournalismus hier nicht verbreitet.

Kommen wir zum Inhaltlichen. Das Hyperlokale galt ja im vergangenen Jahr als Zauberwort der lokaljournalistischen Zukunft. Was ist darunter eigentlich zu verstehen?

Eigentlich gibt es Hyperlokales schon lange, zum Beispiel in Form von Stadtteilzeitungen. In den letzten Jahren hat es aber eine Renaissance erlebt, nämlich im Internet. In unserer globalisierten Gesellschaft, in der wir jeden Tag eine Informationsflut zu bewältigen haben, scheint das Interesse der Menschen für ihre direkte Umgebung, ihre Nachbarschaft, wieder mehr an Bedeutung zu gewinnen. Denn wir brauchen soziale Nähe und wollen uns mit unserem Umfeld identifizieren. Hyperlokale Angebote setzen genau hier an und liefern uns einerseits Geschichten und Informationen über unsere unmittelbare Umgebung - andererseits suchen sie einen stärkeren Austausch mit den Lesern, mithilfe neuer Möglichkeiten des Internets.

Kiezblogs.de

Wie viele hyperlokale Projekte gibt es schätzungsweise in Deutschland und wie haben Sie Ihre Interviewpartner ausgewählt?

Das lässt sich kaum sagen, denn es kommen ständig neue Angebote hinzu, während andere wieder verschwinden. Außerdem lassen sich die vielen verschiedenen Angebote nicht in einer einheitlichen Definition zusammenfassen: Es gibt hyperlokale Blogs, Internetzeitungen, Portale - sowohl privat geführte als auch medienabhängige. Auf der Seite www.kiezblogs.de werden über 500 Projekte aufgelistet, allerdings auch regionale Angebote. Es gibt vielleicht 20 Seiten, die in letzter Zeit bekannter wurden. Ich habe mich in meiner Studie auf medienunabhängige konzentriert, weil mich interessiert hat: Welche Chance können hyperlokale Seiten für Journalisten bedeuten, die sich professionell und unabhängig von großen Medienunternehmen aufstellen wollen? Journalisten als Gründer. Ich habe fünf Seiten ausgewählt, mit denen ich mich intensiv beschäftigen wollte – darunter welche für Großstädte, mittelgroße Städte und in einen kleinen Ort auf dem Land.

Wie sehen die hyperlokalen Journalisten Ihre Rolle? Gatekeeper oder Content Manager?

Es gab ganz unterschiedliche Aussagen zum Rollenselbstverständnis, der eine sieht sich als Wächter der Leser, der andere als Vernetzer, der dritte als differenzierter Beschreiber. Das Gatekeeping betrachten alle Befragten auch im Onlinejournalismus als noch wichtige journalistische Funktion, da sie weiterhin eigene Entscheidungen über Themenwahl und -aufbereitung treffen. Allerdings bekommt im Internet auch das Ordnen von Inhalten eine größere Bedeutung. Der Begriff Gatewatching, den der Wissenschaftler Axel Bruns prägte, stieß auf Zustimmung: Der Journalist als „Unterstützer statt als Türdrache“.

Wie ist das Verhältnis der hyperlokalen Plattformen zu den Lokalzeitungen vor Ort?

Die untersuchten Plattformen positionieren sich als alternative Informationsangebote in ihrem Umfeld. Meine Gesprächspartner sprachen über die Lokalzeitungen vor Ort sehr kritisch, vor allem wurden die nachlassende Qualität, die mangelnde Kritik an lokalen Geschehnissen und die einseitige, wenig kleinteilige Themenwahl kritisiert. Interessant ist, dass anscheinend alle Lokalzeitungen die neuen hyperlokalen Angebote als Konkurrenz betrachten und ihre Anwesenheit konkrete Auswirkungen mit sich bringt, zum Beispiel das Abwandern von Abonnenten.

Sind die Themenwahl und der Kontakt mit den Lesern anders als bei klassischen Zeitungen?

Ja. Auf den Seiten finden sich auch kleinteilige Themen, die in den Lokalzeitungen mangels Ressourcen oder Desinteresse - weil sie vielleicht nur wenige Leser interessieren könnten - übersehen werden. Die Leser selbst spielen bei der Themenwahl der hyperlokalen Seiten eine größere Rolle, weil sie Tipps geben, Wünsche äußern oder im Gespräch mit den Gründern sind. Diese sind greifbarer, man kennt sie, trifft sie auf der Straße und unterhält sich mit ihnen. Auch per Mail oder über Kommentare wird Kontakt gepflegt. In allen Interviews wurde berichtet, dass der persönliche Kontakt wichtig ist, dass man rausgeht und über Themen schreibt, die auf der Straße liegen oder dass man große Themen auf den Ort herunter bricht.

Wie ist Ihre Einschätzung: Haben hyperlokale Plattformen eine Zukunft? Sind sie vielleicht gar die Zukunft des Lokaljournalismus?

Ich denke, dass einige gut gemachte, innovative Modelle eine Zukunft haben, sowohl in Großstädten, als auch in ländlichen Gegenden. Andere werden verschwinden - weil das Konzept hinkt, die Finanzierung nicht gelingt oder das Durchhaltevermögen fehlt. Wenn man den Lesern gute und relevante Inhalte präsentiert, dabei neue, multimediale Möglichkeiten nutzt und ein ansprechendes Design präsentiert, können hyperlokale Plattformen eine echte Alternative zur Lokalzeitung sein. Sie haben das Potenzial, den lokalen Medienmarkt aufzumischen. Lokalzeitungen werden nicht verschwinden, aber vielleicht können die neuen Angebote sie wieder zu mehr Innovationsmut und Qualität bewegen. Für engagierte Journalisten können hyperlokale Projekte eine Zukunft abseits von Kleinsthonoraren und Tarifumgehungen einiger Medienhäuser bedeuten.

 

Interview: Jan Steeger

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Kommentare

Kommentar von Spandau | 12.05.2012

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