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Horst Seidenfaden ist Chefredakteur der Hessisch/Niedersächsischen Allgemeinen Zeitung.

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„Wir werden über Facebook schneller informiert als über die Polizei“

Zu viel Zeitaufwand, Mehrbelastung, ein Minusgeschäft - mancherorts hört man von Redakteuren noch solche Klagen, wenn es um die Präsenz in sozialen Netzwerken oder allgemein im Internet geht. Aber nicht von Kollegen aus der Hessisch/Niedersächsischen Allgemeinen Zeitung. Hier hat man sich ganz und gar den neuen Medien verschrieben. Volontäre erhalten eine Multimedia-Ausbildung, Redakteure werden auf Facebook geschult. Die drehscheibe sprach mit Chefredakteur Horst Seidenfaden über die Online-Philosophie des Verlags.

Herr Seidenfaden, in Ihrem Verlag werden Seminare angeboten, in denen sich Redakteure mit Facebook vertraut machen können. Was ist der Grund dafür und wie läuft das ab?


Junge Kollegen haben in der Regel keine Probleme mit sozialen Netzwerken, weil sie sich darin tummeln. Bei älteren ist das anders - die Seminare, die im Übrigen von Volontären geleitet werden, dienen dazu, die Hemmschwellen abzubauen.


Wie nutzen Sie bei der HNA Facebook für die redaktionelle Arbeit?


Zunächst einmal gibt es eine HNA-Gruppe mit weit über 6300 Usern, denen HNA gefällt. Das ist ein potentieller Informantenkreis, den wir nutzen können. Beispielsweise für Umfragen, die man so schnell umsetzen kann. Beispielsweise zur Themengenerierung und auch für aktuelle Ereignisse - wir sind über Facebook schon gelegentlich schneller über Blaulichtstorys informiert worden als über die Pressestellen von Polizei oder Feuerwehr.


Wie gehen die Redakteure mit dem Problem der Mehrarbeit für den
Online-Bereich um?


Das ist ein bisschen die Denkweise aus der Bleisatz-Zeit. Die Veränderung der Arbeitsinhalte ist doch nicht automatisch mit Mehrarbeit verbunden. Wenn ich künftig eine Umfrage via Facebook machen kann, dann laufe ich nicht drei Stunden für ein Resultat auf dem Marktplatz rum. Journalisten, die sich nicht mit der veränderten Kommunikation in unserem Leben befassen, die verlieren den Anschluss im Beruf. Wir helfen dabei, das zu vermeiden.


Volontäre erhalten in Ihrem Verlag eine Multimedia-Ausbildung. Wie sieht
diese aus?


Wer bei der HNA ein Volontariat absolviert hat, ist ausgebildeter Redakteur für Tageszeitungen heutiger Prägung: Der kann schreiben und fotografieren für Print und Online, beherrscht die Mechanismen der Online-Systeme, kann Videos drehen, schneiden, vertonen – dafür gibt es eine Sprecherausbildung – und kann Radio.


Die HNA plant auch ein Web-Radio, auf dem zum Beispiel von Großereignissen im Sport live berichtet werden soll. Wie wird das organisiert und wie finanziert es sich?


Die HNA betreibt ab 2. Januar 2012 ein Webradio. Es gibt ein Programm mit Musik, festen Moderatoren, die zusätzlich eingestellt werden, und vielen regionalen und lokalen Nachrichten, die von den Print-Redaktionen zugeliefert werden. Das Studio ist in unserem Verlagshaus, und wir wollen mal schauen, wie das in unserer Region ankommt.


Wie viele Mitarbeiter sind dafür abgestellt?


Wir haben unsere Mannschaft um zwei Moderatoren vergrößert. Musik wird eingekauft, Inhalte liefern die Redaktionen mit ihrem vorhandenen Personal oder aber auch qualifizierte freie Mitarbeiter.


Sie veranstalten auch immer wieder kurze Touren mit jeweils rund einem
Dutzend Mitarbeitern zu anderen Verlagen. Warum? Wie läuft das ab?


Der Blick über den Tellerrand lohnt immer, und von anderen kann man immer etwas lernen. Wir sprechen andere Verlage an - und fahren dann dahin. Umgekehrt stehen wir auch gern für Besuche von Kollegen aus anderen Häusern zur Verfügung.


Welche Überzeugung steht hinter diesen intensiven Online-Aktivitäten Ihres Verlages?


Das Regionalzeitungen müssen, um ihr Überleben mittelfristig zu sichern, in ihren Verbreitungsgebieten die Nischen besetzen - denn es ist leichter als früher, mit Blaulicht-Websites oder anderen Angeboten den herkömmlichen Angeboten der Redaktionen Konkurrenz zu machen. Wir sind kein Zeitungsunternehmen mehr, wir verkaufen eine Marke: mit der Tageszeitung, die mehr Informationen und umfangreicher alles anbietet als das Internet. Mit Online und unzähligen Aktualisierungen tagtäglich. Mit crossmedialen Inhalte-Vernetzungen - indem man beispielsweise aktuell Kommentierungen auf www.hna.de als Ergänzung zu den Artikeln in der Tageszeitung berücksichtigt. Mit Bewegtbild, mit Radio, mit Livetickern von Sportveranstaltungen und, und, und. Nie war der Job bei einer Regionalzeitung so spannend wie heute.

Interview: Stefan Wirner

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