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Die digitale Bohème arbeitet mit einem Laptop im Café ohne feste Arbeitszeiten und Festanstellung. Diesem Bild haben Sascha Lobo und Holm Friebe mit ihrem Buch "Wir nennen es Arbeit" ihr theoretisches Fundament gegeben. Die drehscheibe hat Holm Friebe gefragt, wie dieses Modell in der Praxis aussieht.

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"Der Wandel der Arbeit kommt ohnehin"

Holm Friebe ist Volkswirt, Autor und Geschäftsführer der Zentralen Intelligenz Agentur.

 

Herr Friebe, in Ihrem Buch "Wir nennen es Arbeit", das Sie zusammen mit dem Blogger Sascha Lobo geschrieben haben, entwerfen Sie neue Arbeitsformen für freiberufliche Medienschaffende, die von überall aus arbeiten können. Gehen wir ab jetzt alle zum Arbeiten ins Café?

Wenn Sie mit einem internetfähigen Laptop ausgestattet sind und das Café über W-LAN verfügt, ja. Natürlich haben wir mit diesem Entwurf nur die Menschen gemeint, die für ihre Arbeit außer dem Netz, ihrem Laptop und einem Handy keine weitere Ausrüstung brauchen – beispielsweise freie Journalisten.

Menschen, die das Glück haben, unter solch luxuriösen Bedingungen überhaupt Arbeit gefunden zu haben.

Richtig. Wir sind uns darüber im Klaren, dass unser Entwurf aus der Krise heraus entstanden ist. Aber der Wandel der Arbeit kommt ohnehin. Wir befinden uns schließlich am Ende der industriellen Arbeitsgemeinschaft. Die Zeiten, in denen man sich in großen Einheiten organisierte und sein Leben lang auf einen Arbeitgeber setzte sind ohnehin vorbei. Wir wollten rechtzeitig eine Gegenstrategie vorschlagen.

Wie sieht diese Gegenstrategie aus?

Das Ziel ist es, die eigenen Kompetenzen so weit auszuloten, dass man gegen größere wirtschaftliche Schwankungen resistent wird. Dazu ist aber auch eine Vernetzung nötig und die Bereitschaft, sich auf eine Zeit von fünf bis sechs Jahren einzustellen, in der man weniger abgesichert lebt als bisher.

Mit Vernetzung meinen Sie den Eintritt in die Internet-Communitys in Form von Blogs und Social Networks?

Das Internet bietet die ideale Voraussetzung für Networking. Dort lernt man Leute kennen, mit denen man sich zusammen tun kann. Der eine ist vielleicht in Geschäftsführung besser, der andere kann gut schreiben oder Videos drehen. In der Regel zahlt sich dieses Konzept in barer Münze aus.

Aber Freiberufler müssen doch oft zwischen vielen verschiedenen Jobs hin- und her hetzen, um überhaupt ihre monatlichen Fixkosten zusammen zu bekommen.

Das hat meiner Meinung nach zwei Gründe: Zum einen ist Zeitmanagement eine wichtige Eigenschaft, die man als Freiberufler unbedingt aneignen sollte. Zum anderen gibt es in der Kreativwirtschaft die Tendenz, sich aus lauter Leidenschaft an der Sache unter Wert zu verkaufen. Die so genannte Generation Praktikum kann ein Lied davon singen. Dabei haben es die Gewerkschaften mit den Tarifen schon so gut vorgemacht: Auch für Freiberufler sollte es einen Mindesttagessatz geben, unter dem dann natürlich auch niemand seine Leistungen anbieten darf.

Herr Friebe, mit welchen Jobs verdienen Sie Ihr Geld?

Ich halte Vorträge und bin Geschäftsführer der Zentralen Intelligenz Agentur. Eine virtuelle Firma, die sich an der Schnittstelle von Wissenschaft, Wirtschaft und Kunst bewegt und mit der wir als Freiberuflernetzwerk ganz unterschiedliche Bereiche abdecken können. Außerdem habe ich eine Dozentur an der Züricher Hochschule der Künste im Bereich Style und Design – meine letzten Prozente Angestelltendasein.

Interview: Cosima Grohmann

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