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Hartmut Wagner ist Gerichtsreporter der Rhein-Zeitung.

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„Es ist nicht jedermanns Sache, fünf Tage nicht zu duschen“

Wie leben Obdachlose? Was tun sie den ganzen Tag? Aus welchen Gründen leben sie auf der Straße? Um diesen Fragen nachzugehen, hat Hartmut Wagner, Gerichtsreporter der Rhein-Zeitung, fünf Tage lang einen Obdachlosen durch Koblenz begleitet. Er saß mit ihm auf Bänken herum, sprach stundenlang mit ihm, ging mit ihm zur Caritas und schlief neben ihm in einer Unterführung. Anschließend schrieb er für die Wochenendbeilage der Zeitung eine Reportage über diese fünf Tage und das Leben des Stadtstreichers. (Hier als PDF herunterladbar) Die drehscheibe sprach mit Wagner darüber, wie er bei der Geschichte vorgegangen ist.

Herr Wagner, wie sind Sie auf die Idee zu dieser Reportage gekommen?

Auf meinem Weg von der Redaktion zum Gerichtsgebäude komme ich Tag für Tag am Zentralplatz im Zentrum von Koblenz vorbei. Und da sitzt jeden Tag – auch heute zum Beispiel – zusammen mit anderen Arbeitslosen, Drogenabhängigen und Alkoholikern der Obdachlose Lobo auf einer Bank. Er sitzt da, liest, raucht und trinkt. Eine auffällige Gestalt – mit seinem vergilbten Hut und den Babyschnullern, die daran hängen, und seinem mächtigen Bart, der ihn aussehen lässt wie einen Almöhi. Neben sich hat er immer einen alten Seesack mit seinem wenigen Hab und Gut. Irgendwann habe ich mich gefragt: Wer ist das eigentlich? Was macht er, wenn er mal nicht da sitzt? Und da habe ich ihn angesprochen.

Bereits mit dem Gedanken, darüber zu schreiben?

Ja, das hatte ich im Hinterkopf. Aber so eine Geschichte steht und fällt ja mit der Person. Also wollte ich den Mann „casten“ – einfach mal prüfen, ob er sich dazu eignet. Denn mit jemandem, der sich mehr oder weniger im Delirium befindet und kaum noch richtig sprechen kann, lässt sich so etwas selbstverständlich nicht machen. Ich habe ihn angesprochen, und das erste Gespräch dauerte gleich zwei Stunden. Denn Lobo spricht sehr ausführlich. Seine Antworten brauchen Zeit. Aber ich habe mir gedacht, dass es funktionieren könnte. Er war einverstanden mit meinem Vorhaben. Trotzdem habe ich ihm noch einen Brief geschrieben.

Warum einen Brief?

Ich wollte verbindlich sein und ihm klarmachen, dass ich es ernst meine. Ich habe vorher das Nötige mit der Redaktion abgesprochen und ihm dann den Brief in die Hand gedrückt.

Haben Sie den Mann rund um die Uhr ohne Pausen begleitet?

Ich war während der Zeit nur ein Mal einen Moment alleine in einem Café. Das lag daran, dass die Unterführung von Stadtreinigern mit einem Dampfstrahler sauber gespritzt wurde. Lobo aber blieb ungerührt liegen. Ansonsten war ich fünf Tage lang an seiner Seite.

Und Sie haben alles gemacht, was er auch gemacht hat?

Ich habe ihm gesagt, dass ich alles mitmachen will und dass er sich so verhalten soll wie immer – so, als ob ich gar nicht da wäre. Ich wollte ja nicht, dass er mir Theater vorspielt. Aber ich habe auch von Anfang an gesagt, dass ich zwei Dinge nicht mitmache: das exzessive Trinken und das Betteln.

Wie haben Sie sich Notizen gemacht? Hatten Sie ein Aufnahmegerät dabei?

Nein, ein Aufnahmegerät wäre dafür unpassend gewesen, alleine schon deshalb, weil Lobo oft sehr langatmig erzählt. Ich hatte ein kleines Tagebüchlein dabei, das ich gut in die Hosentasche stecken konnte. Das war im Nachhinein betrachtet optimal. Es war unauffällig und praktisch. Zuvor hatte ich mir schon einen Fragenkatalog ausgedacht. Und so habe ich Lobo über die Tage hinweg immer wieder das eine oder andere gefragt und mir Notizen gemacht.

Wie entstanden die Fotos?

Die hat einer unserer Fotografen gemacht, als er uns einmal besuchte. Wir waren ja leicht zu finden am Zentralplatz.

Wie lange haben Sie an der Geschichte geschrieben?

Ich habe sie nicht an einem Stück verfasst, sondern mir am Wochenende Zeit genommen. So etwas schreibt sich schlecht in der Redaktion, wo dauernd das Telefon klingelt. Dann habe ich den Text auch Kollegen zum Lesen gegeben und ihn weiter verbessert.

Gibt es bei der Rhein-Zeitung öfter Möglichkeiten, solche Geschichten zu verfassen?

Selbstverständlich sind solche aufwendigen Reportagen nicht an der Tagesordnung. Als mir die Idee gekommen war, fragte ich die zuständigen Personen, unter anderem den Chefredakteur, Herrn Christian Lindner. Und der war hellauf begeistert. Er hat mich bedingungslos dabei unterstützt. Ich bin sehr dankbar, dass ich diese Geschichte recherchieren und schreiben konnte, denn das ist keine Selbstverständlichkeit.

Wie haben Sie die fünf Tage verkraftet?

Schwer war es vor allem, den Ekelfaktor zu überwinden. Es ist nicht jedermanns Sache, fünf Tage nicht zu duschen. Ich wollte aber möglichst so leben wie Lobo, um sein Vertrauen zu gewinnen. Bei der Übernachtung in einer Unterführung versteht man erst richtig, was Obdachlosigkeit bedeutet: die völlige Abwesenheit von Privatsphäre. Das konnte ich nur beschreiben, weil ich es erlebt hatte.

Interview: Stefan Wirner

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