drehscheibe.org > Themen > Interviews > Interview mit Günther Wallraff

Interviews

Günter Wallraff ist wieder under cover unterwegs. Noch vor dem Lidl-Skandal, den der Stern im Frühjahr 2008 aufdeckte, recherchierte der Kölner Journalist bei einer Zuliefer-Bäckerei des Discounters zu den schlechten Arbeitsbedingungen.

tl_files/drehscheibe/Themen/Interviews/Wallraff_gross.gif

"Ich werde wieder gebraucht"

Günter Wallraff (65) ist ein deutscher Journalist und Schriftsteller und lebt in Köln. Er personifiziert den Typus des Undercover-Rechercheurs. Mitte der 60er Jahre veröffentlichte er erste Reportagen zum Alltagsleben von Arbeitern in Industriebetrieben. Für großes Aufsehen sorgte Günter Wallraff 1977 mit seinem Buch "Der Aufmacher. Der Mann der bei "Bild" Hans Esser war". Er schildert darin seine Erfahrungen als Bild-Mitarbeiter in der Lokalredaktion Hannover. 1983 folgte der Bestseller "Ganz unten", Günter Wallraff beschreibt darin seine Erlebnisse als der türkische Gastarbeiter "Ali Levent Sinirlioglu". Seit 2007 veröffentlicht er Reportagen im Zeit-Magazin "Leben". Wallraff erhielt für seine Reportagen zahlreiche Preise.

Herr Wallraff, es ist sehr lange, sehr ruhig um Sie gewesen, fast zwanzig Jahre lang. Wieso?

Ich hatte gesundheitliche Probleme und ich musste erst mal wieder richtig auf die Beine kommen, um wieder angriffslustig zu werden. Aber ich war in der Zwischenzeit nicht untätig: Ich habe meine Stiftung „Zusammen-Leben“ aufgebaut und mit meinen Honoraren finanziert, habe etliche Bücher anderer Autoren gefördert und herausgegeben und eine filmische Fortsetzung von „Ganz unten“ fürs japanische Fernsehen gemacht, indem ich als iranischer Fremdarbeiter im Großraum Tokio lebte und mit versteckter Kamera Diskriminierung und Ausbeutung festhielt. Jetzt bin ich wieder in neuen Rollen unterwegs.

Es gab zwischenzeitlich auch Stasivorwürfe gegen Sie ...

... die gerichtlich eindeutig widerlegt wurden. Es wurde eingehend geprüft, Zeugen wurden vernommen. Im letztinstanzlichen Urteil des Oberlandesgerichtes Hamburg wurde festgestellt, dass ich kein IM war. Zwischen 1968 und 1971 habe ich mehrfach in Archive der DDR Einblick genommen, dabei ging es in erster Linie um Recherchen zu NS-Tätern, die unbehelligt in der Bundesrepublik lebten. Aus diesen Aufenthalten in der DDR wurde nach der Wende eine Riesensache gemacht. Zum Glück gibt es die Stasi-Unterlagen–Behörde, dort sind dann später neun Seiten über mich aufgetaucht. Dort gibt es den Kernsatz: „Über Wallraff ließen sich keinerlei Personenhinweise erlangen.“ Und das mit den Personenhinweisen war ja genau die Funktion eines IMs. Das Fazit des Papiers lautet, dass sie mich nicht richtig einschätzen konnten. So urteilten Sie über mich: „Nach allen Einschätzungen müssen wir davon ausgehen, dass Wallraff für einen westlichen Geheimdienst arbeitet.“ Das ist natürlich genauso hirnrissig wie später die IM-Vorwürfe. In dieser Position finde ich mich immer wieder. Ich mache mich verdächtig, weil ich niemandem verpflichtet, bei meiner Arbeit ein hohes Risiko eingehe und absolut nicht fremdbestimmt bin.

Mal abgesehen von Ihren langjährigen gesundheitlichen Problemen,  warum sind Sie denn jetzt mit Ihren Artikeln für die „Zeit“ über die Missstände bei Call-Centern und dem Lidl-Zulieferer Weinzheimer wieder eingestiegen?

Es macht wieder Spaß und ich werde wieder gebraucht. Die Umstände sind danach, dass ich mit meinen Möglichkeiten Missstrände sichtbar machen kann. Dass meine Arbeit allerdings derartige Wellen schlägt und unmittelbar Wirkungen hinterlässt, das habe ich nicht erwartet.

Aber früher haben Sie doch auch für Aufsehen gesorgt.

Früher gab es immer langwierige Prozesse und darauf hatte ich mich auch wieder vorbereitet. Ich habe immer viel mehr Unterlagen und auch Zeugen, als ich für die eigentliche Berichterstattung benötige. Ich dachte auch jetzt, dass es ein juristisches Nachspiel bei den Gerichten gibt. Ich habe sogar dazu provoziert. Im Branchendienst der Call-Center hieß es jedenfalls, dass sie mir den Gefallen eines Prozesses ihrerseits nicht tun würden. Das brauchte es auch diesmal nicht. Die Artikel haben vor Ort ihre Wirkung erzielt. Zum Beispiel hat die Großbäckerei Weinzheimer, die Lidl europaweit beliefert, auf den öffentlichen Druck hin reagiert. Sie haben allen Arbeitern 24 Prozent Lohnerhöhung zugestanden. Da sieht man, dass es plötzlich geht. Der Betrieb arbeitet immer noch mit Gewinn. Von wegen Globalisierung! Dazu kommt, dass an allen unfallgefährdeten Arbeitsplätzen entsprechende Sicherheitsvorkehrungen und Einweisungen für neue Arbeitskräfte vorgenommen werden. Wir hatten alle Verbrennungen und Verletzungen durch das Tempo und die marode Anlage. Jetzt wurde auch eine Absauganlage eingerichtet, dort wo Mehlstauballergie vorkam. Und die Kameraüberwachung wurde abmontiert. Es hat sich ein Betriebsrat gebildet, der das Vertrauen der Kollegen hat. Der Unternehmer wurde von Gewerkschaftsseite dazu gebracht, dem Tarifvertrag beizutreten. Und plötzlich werden auch die Feiertage bezahlt. Früher war es eine absolute Willkür. Jetzt hat die Politik reagiert, da haben Behörden reagiert. Das ermutigt. Und ich nutze das auch, um bei Firmen mit ähnlichen Zuständen vorstellig zu werden. Ich habe Hunderte Zuschriften aus ganz Deutschland erhalten. Die Hälfte meiner Zeit verbringe ich damit, mich da einzuklinken und die zuständigen Firmenleitungen, Geschäftsführungen oder auch Vorstände anzugehen und zu fordern: „Ändern Sie das, sonst sehe ich mich leider gezwungen, das zu veröffentlichen.“ Und siehe da, es ändert sich oft unmittelbar etwas.

Auf die Firma Weinzheimer sind Sie auch durch Zuschriften gekommen, wie ich gelesen habe.

Das stimmt. Ich bekomme pausenlos Post. Ich bräuchte eigentlich mindestens die Voraussetzungen, wie sie ein Bundestagsabgeordneter hat. Mit Büro und Assistenten. Die Hälfte meiner Zeit verbringe ich mit Korrespondenzen, Beratungen und Hilfestellungen. Natürlich kostenlos.

Aber warum haben Sie aus der Vielzahl der Zuschriften die Firma Weinzheimer ausgewählt, um dort inkognito aktiv zu werden?

Das hatte mehrere Gründe. Die Firma lag etwa 180 Kilometer von meinem Wohnort Köln entfernt und so hatte ich während meines Einsatzes am Wochenende die Chance, mal einen Tag nach Hause zu kommen. Ich hatte parallel meinen Einsatz in einem Großkonzern vorbereitet, der wäre allerdings etwa 500 Kilometer entfernt gewesen.

Also hat auch die Logistik eine Rolle gespielt?

Ja, sicherlich. Aber auch die Tatsache, dass mir unabhängig voneinander zwei Leute vorher über die Missstände in der Firma berichteten. Das hat mich stutzig gemacht. Ich bin zwar nicht abergläubisch, aber ich habe es als Wink des Schicksals begriffen.

Wie bereiten Sie sich denn eigentlich grundsätzlich auf so einen Einsatz vor?

Ganz unterschiedlich. Es gibt Rollen, die ich lange vor mir herschiebe, wie die „Ali“-Rolle in meinem Buch „Ganz unten“. Zehn Jahre zuvor hatte ich das schon einmal versucht und es mir später doch nicht zugetraut. Ich lief wie die Katze um den heißen Brei herum, nahm Kontakte auf, brach die Sache wieder ab. Und dann gibt es andere Rollen, in die ich mich Hals über Kopf stürze und lasse alles andere dann erst mal hinter mir.

Und wie war das bei Weinzheimer. Haben Sie vorher mit Leuten gesprochen?

Nein. Das habe ich völlig spontan gemacht. Auch da war der Zufall im Spiel. Ich bin kein gläubiger Mensch, aber ich begegne immer wieder zur richtigen Zeit den richtigen Menschen, die mir dann weiterhelfen. Wahrscheinlich wäre die Sache gescheitert, wenn es diesmal nicht auch so gewesen wäre. Ich konnte ja nicht im normalen Hotel wohnen, das wirkt ja extrem verdächtig. Drei oder vier Tage vorher rief mich ein Freund und Kollege an: Rüdiger Heinz, der mir auch schon mal bei Veröffentlichungen aus dem Obdachlosen-Milieu geholfen hat. Fünf Jahre hatte ich nichts mehr von ihm gehört, er wohnt in der Nähe der Firma Weinzheimer. In seinem Haus war zufällig eine Wohnung frei und auch sein Auto konnte ich ausleihen. Ich konnte ja nicht mit meiner Karre mit Kölner Kennzeichen bei der Firma vorfahren. Hätte er mich nicht zu dem Zeitpunkt angerufen, wäre die Sache wohl gescheitert.

Aber abgesehen von der Wohnung mussten Sie ja auch erst mal den Job bekommen. Das ist ja in der heutigen Zeit, in der einige Menschen Jahrelang arbeitslos sind, auch nicht unbedingt selbstverständlich.

Ja, da musste ich mir schon was einfallen lassen. Der Doppelgänger, ein Freund von mir, der mir seine Papiere geliehen hatte, der ist 51 Jahre alt, ich bin 65. Auch mit 51 bekommt man solch einen Job in der Bäckerei nicht unbedingt, die suchten dort belastbarere Arbeiter um die 20 oder 30. In der Not habe ich immer die besten Ideen. Ich machte mir zu Nutze, dass ich gelegentlich Triathlon mache. Den Ironman kriege ich nicht hin, aber die olympische Distanz schaffe ich. Zum  Vorstellungsgespräch beim Betrieb bin ich dann im Triathlondress gekommen, mit Helm unterm Arm habe ich dort vorgesprochen. Ich wusste, dass viele Leute dort erst mal kostenlos arbeiten, um unter Beweis zu stellen, dass sie für den Job tauglich sind. Das habe ich auch sofort angeboten und gesagt: „Sie werden sehen, ich bin belastbarer als Jüngere. Und ich kann Ihnen ein sportärtzliches Attest beibringen, dass belegt, das ich das Bioalter eines 30-Jährigen habe.“ Das habe ich dreist behauptet und es hat gezogen. Später habe ich bei einer anderen Gelegenheit noch mal getrickst. Als es hieß, ich solle wegen Auftragsmangel erst einmal einen Monat zuhause bleiben, da habe ich gesagt, dass ich über ein EU-Programm aus Brüssel finanziert werde. Das Programm hieße „50plus – erst fordern, dann fördern“. Um das zu bekräftigen, engagierte ich meinen Freund Heinrich Pachl, einen Kabarettisten. Er spielte meinen Arbeitsvermittler, einen Brüssler Beamten, der dann samt einer Kommission den Betrieb besuchte. Wir haben das Programm Französisch-Deutsch übersetzt. Das wirkte. Das ist situationsbedingt entstanden, ich bereite so etwas nicht lange vor.

Haben Sie eigentlich schon einmal Schauspielunterricht gehabt?

Nein. Ich glaube, ich wäre kein guter Schauspieler. Ich könnte keine vorgegebene Rolle spielen, ich kann es nur situationsbedingt. Wenn es sein muss, dann kommen bei mir Eigenschaften zum Vorschein, die mir sonst abgehen. In einer fremden Rolle habe ich eine unheimliche Präsenz, da spüre ich mehr, bin ich wacher, aufnahmefähiger. Das ist ganz seltsam. Es gibt Menschen, die mich gut kennen die sagen: „Du bist erst richtig Wallraff, wenn Du nicht Wallraff bist.“

Sie begeben sich oft in ernste Situation, sie spielen Rollen von Menschen am Rande der Gesellschaft. Sie sagten vorhin schon, dass es Ihnen trotzdem auch Spaß macht.

Ja, es gibt urkomische Situationen, da fühlt man sich wie in einem surrealen Film. Da sagt man, dass kann doch wohl nicht wahr sein. Natürlich ist es auch eine privilegierte Stellung, die ich da habe. Andere müssen die Demütigungen ertragen und wegstecken, weil sie sich nicht wehren können, weil sie sonst ihren Job verlieren. Das muss ich mir so nicht zu Eigen machen. Ich kann jederzeit sagen: „Das gebe ich Euch zurück, das wird öffentlich.“ Dadurch kann ich die Dinge natürlich leichter ertragen, als jemand, der dem ausgeliefert ist.

Wird Ihnen diese privilegierte Stellung schon mal zum Vorwurf gemacht, beispielsweise von Leuten, mit denen Sie da mal ein paar Wochen zusammenarbeiten?

Nein, im Gegenteil. Die sagen: „Da macht es endlich jemand. Wir können es uns nicht leisten, wir würden unseren Job verlieren. Aber da macht es jetzt einer stellvertretend.“ Ich habe da nur positive Reaktionen, fast die Hälfte der Belegschaft bei Weinzheimer hat mit mir Kontakt gehalten. Zwar nicht offiziell, weil sie das nicht dürfen. Es wurde ihnen überhaupt untersagt, mit der Presse zu sprechen. Die haben mir Geschenke gemacht, haben mir Blumen zukommen lassen. Auch bei meinen früheren Arbeiten, da gab es von den Betroffenen nur positive Reaktionen. Es hat mich übrigens bei Weinzheimer ein Kollege erkannt, er hat es sich aber nicht anmerken lassen.

Das hat er Ihnen dann erst im Nachhinein gesagt?

Ja, später. Er hat mich nicht angesprochen, um mich nicht zu irritieren.

Wie groß ist denn überhaupt die Angst, aufzufliegen?

Groß. Das ist für mich immer die größte Sorge, dass dann die ganze Arbeit umsonst ist. Das verfolgt mich bis in meine Träume. Dass mir etwas passiert, davor habe ich keine Angst. Ich riskiere immer alles. Ich bin bereit, alles zu ertragen. Das Auffliegen ist die eigentliche Angst.

In Sachen Lidl war ja der „Stern“ fünf Wochen vor Ihnen raus, bevor Sie mit der Skandalgeschichte zum Lidl-Zulieferer Weinzheimer kamen. Hat Sie das geärgert?

Im Gegenteil. Es kommt mir ja darauf an, etwas zu erreichen, Wirkungen zu erzielen und mich nicht selbst in den Vordergrund zu stellen. Der „Stern“-Kollege Markus Grill, mit dem zusammen ich dann auch in einer Fernsehsendung war, ist ein absolut kompetenter und sympathischer Kollege. Wir haben gleiche Ansichten und Motive und stellen das Thema in den Vordergrund. In derselben Sendung war ja auch der Lidl-Aufsichtsratsvorsitzende Gehrig. Dem habe ich ganz spontan angeboten, mit mir zusammen dort einige Schichten zu arbeiten und zu sehen, ob die ganzen versprochenen Verbesserungen umgesetzt worden sind. Die ganzen Sachen mit den Überwachungskameras und dem Ausspionieren der Mitarbeiter sollte ja nicht nur bei Lidl sondern auch bei den Zuliefern abgestellt werden. Der Chef bei Weinzheimer hat ja sogar im Urlaub über Internet die Firma beobachtet und eine Abmahnung erteilt, weil eine Schichtführerin eine graue statt einer weißen Hose anhatte. Das gibt es jetzt dort nicht mehr. Ich streckte dann in der Sendung dem Aufsichtsratsvorsitzenden die Hand entgegen, um meinen Vorschlag zu besiegeln. Da sagte der nur: „Mit einem Herrn Dingsda mache ich doch keine Shake-Hands.“ Da hatte er es sich mit dem Publikum verscherzt und bekam Buh-Rufe.

Warum findet eigentlich Ihre Form der Under-Cover-Recherche keine nennenswerten Nachahmer?

Es ist beschwerlich, es ist mühselig, es ist prozessgefährdet und die meisten jüngeren Journalisten, die das gerne machen würden, werden von ihren Redaktionen nicht freigestellt. Man braucht Zeit, es muss spielerisch entwickelt werden. Ich arbeite gerade in Gesprächen mit den Gewerkschaften daran, dass es Stiftungen gibt, mit deren Hilfe jüngere Kollegen freigestellt werden, sich voll auf ein Thema einzulassen.

Aber denken Sie, dass grundsätzlich auch ein Lokaljournalist zumindest mal für einen einzelnen Fall so arbeiten kann wie Sie?

Solche Geschichten sind dort geradezu angesagt, doch oft sind die Rücksichtnahmen dort noch größer. Man kennt sich, man wird eingeladen. Es sind zu viele offizielle Schienen. Der Journalist, der in einem solchen Umfeld loslegt, der gilt dann als Spielverderber, als Nestbeschmutzer. Das ist ein großes Problem. Jemand, der vor Ort sein Auskommen hat, und dazu die Abhängigkeit von den Anzeigenkunden, wo dann nicht klar ist, ob dies Unternehmen weiter annonciert. Ein Lokaljournalist müsste so etwas außerhalb seines Stammreviers machen. Sonst kann es sein, dass er von den Kontakten aber auch von den Informationen abgeschnitten wird.

Sagen sie eigentlich von sich, dass Sie Journalist sind? Oder sind Sie mit „Künstler“ nicht viel besser beschrieben?

Das werde ich öfter  gefragt. Das müssen andere beurteilen. Es gibt wissenschaftliche Untersuchungen über meine Arbeit. In den USA hat sich gerade ein Literaturwissenschaftler mit mir unter dem Motto „wallraffen“ befasst.

Ein Wort, das es auch im Schwedischen gibt.

Ja, in Schweden und Norwegen steht „wallraffen“ im Lexikon. Meine Arbeitsweise ist eine grenzüberschreitende. Es ist eine Nahtstelle zwischen bekannten Genres. Es sind Reportagen, die ich abliefere. Dann bin ich aber auch wieder Dramaturg und Schauspieler in einer Person. Und dann noch Chronist dazu. Ich bin vieles.

Aber kann man denn sagen, dass für Sie das Rollenspiel der wichtigere Teil der Arbeit ist, im Gegensatz zum Aufschreiben der Geschichten? Die „Bild“-Trilogie sollen Sie ja gar nicht selbst zu Papier gebracht haben.

Da gab es Hilfestellungen, da gab es ein erweitertes Lektorat. Als ich aus der Rolle des Bildreporters raus war, also enttarnt war, da begann ein Wettlauf mit der Zeit. Die „Bild“-Zeitung bereitete gleich eine Serie gegen mich vor und startete einen Prozesskrieg. Zu dem Zeitpunkt habe ich dann Etliches diktiert. Balzac hat ganze Romane diktiert. Der Lektor im Verlag war überfordert und war froh, dass es dann einen Außenlektor gab. Dieser hat etwa zehn Prozent des Gesamttextes geschrieben und auch Schlussfolgerungen vorgenommen. In späteren Ausgaben habe ich vieles zurückredigiert, weil es teilweise überpointiert war. Die Gefahr, dass das Buch verboten wurde, bevor es überhaupt erschien, führte dazu, dass ich vieles auf Tonband gesprochen habe.

Dann sind die Beiträge heute aus der „Zeit“ aber allein von Ihnen?

Ja, vollständig. Da gibt es zwar auch einen zuständigen Redakteur, der mit mir die Kürzungen diskutiert. Ich kämpfe immer um mehr Platz, meine Sachen sind zu lang, weil ich unmittelbar nach dem Erleben alles aufschreibe. Es muss dann immer komprimiert werden. Aber die Langfassungen der Beiträge werden im kommenden Jahr unter dem Titel „Aus der schönen neuen Arbeitswelt“ erscheinen.

Nimmt Ihnen der Springer-Verlag eigentlich den „Hans Esser“ immer noch übel?

Ich weiß es nicht. Der Verlag ist heute auch nicht mehr so monolithisch, wie er lange Zeit war. Seit die Zeit des Kalten-Krieges überwunden ist, besteht auch das Rechts-Links-Schema nicht mehr so starr. Die Denkschablonen, Dogmen sind nicht mehr vorherrschend. Ich glaube, auch bei denen hat sich Etliches getan. Sonst kann ich mir nicht erklären wie es plötzlich – zu meiner Überraschung – einen Artikel über mich in der „Welt“ mit dem Titel „Respekt vor Wallraff“ gab, der einige meiner Verdienste beschrieb. Das wäre früher undenkbar gewesen. Aber wo sie Recht haben, haben sie Recht. Zum Glück ist das aber noch nicht in der „Bild“-Zeitung passiert. Dann würde ich nämlich echt so verunsichert sein, dass ich fast schon aufhören müsste, zu veröffentlichen. Auf bestimmten Feindschaften bestehe ich. Vor einiger Zeit bin ich zum Beispiel diesem delirierenden Kolumnisten, diesem Wagner, begegnet. Der, der immer diese Rauskotze in „Bild“ abläßt und gelegentlich auch mal jemanden ableckt, der hat mich mal in seiner Kolumne „die Feder des Bösen“ genannt. Als der mir dann mal zufällig über den Weg lief, fiel der mir fast um den Hals, weil er diesen Call-Center-Artikel so toll fand. Da habe ich ihm wörtlich gesagt: „Mir bleibt aber auch nichts erspart. Bitte merken Sie sich das: für Sie bin und bleibe ich „die Feder des Bösen“.“ Und zum Glück kam dann später von ihm nach der positiven Sache in der „Welt“ dann wieder einmal eine Häme und Unterstellung gegen mich wegen der von mir vorgeschlagenen Rushdie-Lesung. Von anderer Seite bekam ich Lob, in der „Bild“-Zeitung schlug er mir das um die Ohren. Und Sie können es mir glauben, ich war richtig, richtig erleichtert. Es handelt sich immer noch um ein aggressives, menschenverachtendes Blatt, dass auch vor der Privat- und Intimsphäre nicht Halt macht. Da, wo meine Arbeit aufhört, da fängt deren an. Ich bin bei meinen Recherchen auch öfter auf Verfehlungen im Privatbereich gestoßen, auch bei mächtigen Gegnern, die zu dem Zeitpunkt gegen mich prozessierten. In einem Fall ging es sogar um einen Straftatbestand. Aber letztlich habe ich nichts veröffentlicht, weil ich gesagt habe, das geht mich nichts an, das darf ich nicht vermischen. Das ist eher eine Sache für den Psychiater.

Haben Sie eigentlich schon einmal eine Geschichte angeschoben und sie dann wieder verworfen, weil die ursprünglichen Annahmen sich als nicht haltbar erwiesen?

Ja, weil es sich historisch erübrigte. Ich hatte eine Rolle in Südafrika vorbereitet, die eines Schwarzen im Ghetto in Soweto. Ich hatte mich dort von meinem Kollegen Breyten Breytenbach beraten lassen, der lange inhaftiert war und das Buch „Wahre Bekenntnisse eines Albino-Terroristen“ geschrieben hat. Der hatte weitgehende Kontakte. Es war für mich alles vorbereitet, bis hin zur Pigmentveränderung. Als ich ihn dann in Paris traf, da sagte er mir: „Die Rolle kannst Du Dir sparen. Du setzt Dein Leben aufs Spiel. Wir werden in Südafrika eine Demokratie bekommen, ich bin in Geheimverhandlungen in Simbawe mit einbezogen und Mandela kommt frei.“ Das war einerseits eine Erleichterung, andererseits ist es so, als ob man lange Zeit schwanger ist und dann gibt’s kurz vor dem großen Ereignis eine Todgeburt.

Haben Sie sich eigentlich jemals gewünscht, als fest angestellter Redakteur zu arbeiten?

Nein, ich war ja mal ein halbes Jahr Kulturredakteur beim Hamburger „Abendecho“, als ich zum ersten Mal geheiratet hatte und unser Kind unterwegs war. Da gab es Existenzsorgen. Das war dann aber für mich nur ein kurzes Zwischenspiel. Auch bei „Pardon“ war ich  zwischenzeitlich mal Redakteur, aber die Zeit habe nicht am Schreibtisch verbracht. Da war ich schon immer in Rollen unterwegs. Die Zeitschrift habe ich nur als Plattform für meine Veröffentlichungen genutzt.

Sie hätten sich zu sehr eingeengt gefühlt?

Ja, die Schreibtischarbeit war nicht mein Ding. Ich wäre immer wieder ausgeschert.

Aber sie hatten auch familiäre Verpflichtungen, Sie haben immerhin fünf Kinder ...

...aus drei Ehen.

Gibt es im Zuge der Umwandlung auch thematische Verschiebungen?

Durch die gezielte Themensuche verzeichnen wir eine größere thematische Vielfalt. 2009 wollen wir auch qualitative Aspekte hinzufügen: Wir werden mit der Ressortauswertung beginnen, um zu sehen, wo wir in Sport oder Politik besonders gut sind und bei welchen Themen es Schwachstellen gibt.

Interview: Bernd Volker-Brahms

trenner

Kommentare