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Interviews

Franz Müntefering war SPD-Vorsitzender, Bundesverkehrsminister und Bundesarbeitsminister.

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„Eine monatliche Demographie-Seite“

Seit dem Jahr 2010 leitet Franz Müntefering zusammen mit der Abgeordneten Sabine Bätzing-Lichtenthäler eine Projektgruppe der SPD-Bundestagsfraktion zum Thema demographischer Wandel. Denn es ist eine Binsenweisheit: Deutschland wird älter. Es werden weniger Kinder geboren, und die Menschen sterben später. Aus der Sicht Münteferings ist unsere Gesellschaft nicht ausreichend auf die Folgen dieser Entwicklung vorbereitet. Die drehscheibe wollte von ihm wissen, was der demographische Wandel für das Verhältnis von Stadt und Kommunen bedeutet.

Herr Müntefering, in dem Papier „Soziale Gesellschaft im Wandel“ benennen Sie drei Befunde: 1. Wir leben länger. 2. Wir werden relativ gesund alt. 3. Wir haben weniger Kinder. Was bedeutet dieser Wandel konkret für die ländlichen Kommunen in Deutschland?

Es bedeutet, dass wir Jahr für Jahr bis in die Zeit 2050-2060 deutlich weniger Menschen sein werden in Deutschland, dass wir weniger junge, mehr ältere und alte Menschen haben, die zwar erhebliche Potentiale haben, aber auch insgesamt höheren Pflege- und Betreuungsbedarf. Städte und Gemeinden sind sehr unterschiedlich davon betroffen. Manche kommen ganz gut durch diese Entwicklung hindurch, andere aber auch nicht, das hängt nicht alleine von der Größe der Städte ab, sondern auch von ihrer Lage und ihrem regionalen Verbund. Darüberhinaus hat das Ganze Wirkungen auf soziale Sicherungssysteme, auf die Bildungssysteme, und es ist dringend nötig, dass Bund, Länder und Gemeinden sich dieser Herausforderung gemeinsam bewusst werden und stellen.

Sie haben vom Bund gefordert, dass er die Kommunen stärkt. Was wäre dringend nötig?

Bund, Länder und Gemeinden müssen an einen Tisch. Es muss ein Demographie-Pakt geschmiedet werden, in dem die politischen, aber auch die gesellschaftlichen Akteure – Vereine, Verbände, Organisationen, Gewerkschaften, Kirchen, Arbeitgeber – miteinander beraten, was man tun muss. Das aktuellste Thema ist der Fachkräftebedarf, der in bestimmten Berufen zu einem Problem wird, ganz besonders in denen, wo Dienst Mensch am Menschen geleistet wird. Was die Kommunen angeht: Weil sich das so unterschiedlich entwickelt, müssen wir sie in den Stand versetzen, ihrer jeweiligen Situation entsprechend zu handeln. Deshalb kann man einen Großteil der Probleme nicht nur durch Bundesgesetze, nicht mal durch Landesgesetze perfekt lösen, sondern es kommt drauf an, dass wir den Kommunen die Strukturen geben, aber auch das Geld, um die nötigen Dinge zu tun. Es muss geprüft werden, ob unsere Regionalplanung stimmt, unsere Stadtentwicklungsplanung, es muss geprüft werden, was getan werden muss, damit Umbau, Zubau und Rückbau, da wo es erforderlich ist, möglich ist. Es muss aber gleichzeitig auch überlegt werden, was wir tun können, damit die Grundbedingungen für die Zukunftsfähigkeit einer Regionen erhalten werden. Wir müssen uns fragen: Wie viele Kinder werden da geboren, können Kinderwünsche erfüllt werden, die bisher aus objektiven Gründen – keine Arbeit, unzureichende Vereinbarkeit von Familie und Beruf etc. – nicht verwirklicht werden können? Was kann man tun, dass die älteren Menschen sicher sind in ihrer Region? Werden sie auch in Zukunft medizinisch versorgt, ist die Mobilität gewährleistet, gibt es barrierefreie Wohnungen? Das alles sind Dinge, die man mit den Kommunen besprechen muss und wo man sie stärken muss.

Aber was lässt sich gegen die Verödung ganzer Landstriche, wie etwa in Teilen Mecklenburg-Vorpommerns, unternehmen? Kann man diese Regionen noch retten oder muss man sie vielleicht sogar irgendwann – demographisch betrachtet – „aufgeben“?

Aufgeben darf man nichts. Aber man muss schon zu Realismus raten. Man muss die Pflöcke da schlagen, wo man sie halten kann. Die Bundesregierung macht einen großen Fehler mit der Strategie, die sie nun vorgelegt hat. Sie geht mit ihren Zahlen nur bis ins Jahr 2030.  Das sind 18 Jahre, das scheint zunächst einmal lang. Aber es ist eine völlig unzureichende Perspektive. Die heute 25-Jährigen sind dann 43 und stehen mitten im Leben. Sie werden erleben, dass bis in die Jahre 2050, 2060 die Entwicklung weitergeht. Dann erst ist eine Chance der Stabilisierung da. Bis dahin werden aber die Babyboomer-Jahre das Bild prägen, diese Generation wird ins Rentenalter kommen, sie wird älter werden und lange alt sein, und wir werden hohe und lange Renten zahlen müssen. Deshalb muss man die lange Strecke sehen. Es kommt darauf an, die Stärken, die es in Städten und Gemeinden gibt, zu bündeln. Man müsste Regionen, die sich freiwillig zusammentun, um etwas Gutes zu entwickeln, etwa mit dezentralen Zentren, besonders unterstützen und fördern. Leider ist es immer noch so, dass an vielen Stellen viele alleine für sich sorgen und glauben, sie könnten so durchkommen. Das ist aber nicht der Fall. Das Miteinander ist die entscheidende Methode. Zwischen den Generationen, den Regionen und auch zwischen den politischen Ebenen.

Sie haben einmal gesagt, der derzeitige Wandel könnte – falls wir uns nicht darauf einstellen – zu großen Konflikten führen, etwa dem zwischen Stadt und Land. Inwiefern?

Wenn man nicht bedenkt, dass sowohl Städte als auch das Land von dieser Entwicklung betroffen sind. Eines der großen Probleme ist ja, dass junge Leute dank verbesserter Bildungschancen in die Universitätsstädte gehen, nach dem Studium nicht zurückkommen und ihre Kinder dort zur Welt bringen. Viele, die man in den ländlichen Räumen bräuchte, etwa Facharbeiter, sind weg. Nicht nur Ärzte werden fehlen, sondern auch Pflegerinnen und Pfleger. Im Öffentlichen Dienst, bei der Freiwilligen Feuerwehr, in den Verwaltungen wird es Personalmangel geben, und deshalb muss darüber gesprochen werden, was man tun kann.

Es gibt ja in unserer Gesellschaft auch eine Sehnsucht nach ländlicher Idylle, nach dem Leben auf dem Land. Wäre das nicht ein Antrieb, den man nutzen könnte?

Ja und nein. Es gibt beides. Viele Menschen ziehen in die Städte. Das hat vor allem mit der Bildungswanderung zu tun und damit, dass das Leben in den Städten für die jungen Menschen mehr pulsiert. Wir müssen aufpassen, dass im ländlichen Raum nicht nur noch die Älteren leben – und die Jüngeren abwandern. Wir müssen alle Generationen da haben. Wir dürfen die Bildungswanderer nicht einfach ziehen lassen. Wir müssen ihnen sagen, dass sie hier preisgünstig wohnen können, preisgünstig Eigentum erwerben können und dass es gute Schulen und Vorschulen gibt für ihre Kinder, Arbeit in kleinen und mittleren Unternehmen, die gut bezahlt ist, und dass die Mobilität gewährleistet ist. Diese Voraussetzungen müssen aber auch wirklich gegeben sein, wenn man die Menschen dort halten oder dorthin zurückholen will. Der ländliche Raum hat natürlich seinen Charme, seine Anziehungskraft –  nicht nur fürs Wochenende und zur Erholung, sondern es ist auch attraktiv, dort zu wohnen und zu leben. Aber nur zu sagen, der ländliche Raum ist schön, das wird uns nicht helfen. Das wird die Menschen bestenfalls in die Randlagen der Metropolen ziehen, an den Rand der großen Städte. Dabei wissen viele inzwischen, dass man auch in großen Städten gut alt werden kann, dass es auch dort schöne Ecken gibt, die eine quasi ländliche Ausstrahlung haben. Ich war kürzlich am Ammersee, der liegt etwa eine halbe Stunde entfernt von München,  das ist natürlich ein schöner ländlicher Raum, aber im Grunde ist das die Metropolregion München. Entsprechend sind dort die Preise. Aber die Attraktivität ist natürlich hoch.

Wird es das klassische Land in Zukunft so noch geben oder wird irgendwann ganz Deutschland mehr oder weniger urbanisiert sein?

Deutschland ist ja eh ein relativ dicht besiedeltes Land. Im Vergleich zu anderen werden wir immer ein Land sein, das flächenmäßig stark strukturiert ist und wo auch in den ländlichen Räumen – die ja oft nur eine halbe Stunde von der nächsten Stadt entfernt liegen – Menschen leben werden. Wenn wir in 2050 wirklich statt 81 Millionen nur noch  65 Millionen sein werden, wie es das Statistische Bundesamt vorhersagt, dann werden wir Städte haben, die noch zunehmen, aber auch Städte, die schrumpfen. Der ländliche Raum in den Metropolregionen, so etwas wie Kleinmachnow bei Berlin, wird wachsen, aber das rührt natürlich her von der Nähe zur Großstadt. Man sollte aber nicht den ländlichen Raum gegen den städtischen stellen. Der ländliche Raum muss wissen, dass er selbst für seine Zukunftssicherheit und Stabilität sorgen muss.

Ihre Äußerungen zum demographischen Wandel klingen wie Warnungen. Warum fällt es unserer Gesellschaft so schwer, sich auf das Kommende vorzubereiten?

Vielleicht hofft mancher immer noch, dass dies irgendwie vorbeigeht. Aber man muss immer auch die schwierigen Fragen stellen. Das ist die Voraussetzung dafür, dass man die richtigen Antworten findet. Im demographischen Wandel stecken nicht nur Probleme. Er bietet auch Hoffnungen und Perspektiven. Junge Leute werden eher eine Ausbildungsstelle bekommen, die Löhne werden steigen, Berufe in den vor allem Frauen beschäftigt sind –Erziehung, Pflege-, werden besser bezahlt werden, Frauen werden generell bessere Chancen im Erwerbsleben haben, und auch die Potentiale der Älteren werden besser genutzt werden. Da steckt viel Gutes drin, das man nutzen kann. Manche sagen, man könne nichts tun. Das ist falsch. Wir sind nicht allmächtig, aber auch nicht ohnmächtig. Man kann dafür sorgen, dass es ein bisschen schlechter geht oder ein bisschen besser. Ich bin für ein bisschen besser. Es lohnt sich

Welche Rolle könnten bei der Vermittlung dieses Themas Lokalzeitungen mit ihrer Berichterstattung spielen?

Eine wichtige und gute. Nämlich informieren, aufklären, über den Gang der Dinge regelmäßig berichten. Zum Beispiel auf der monatlichen Demographie-Seite. Konzentriert über Entwicklungen schreiben, die mit dem Thema zu tun haben. Städte und Kreise werden Material liefern können oder Redaktionen müssen selbst was aufbauen.

 

Interview: Stefan Wirner


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