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Frank Nipkau ist Redaktionsleiter des Zeitungsverlages Waiblingen, zu dem die Winnender Zeitung gehört. Für die Berichterstattung über den Amoklauf wurde die Redaktion mit dem Deutschen Lokaljournalistenpreis der Konrad-Adenauer-Stiftung ausgezeichnet.

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"Wir wollen einen Beitrag zur Trauerarbeit leisten"

Frank Nipkau war von 1993 bis 1998 Redakteur beim Westfalen-Blatt (Bielefeld). Von 1998 bis 2002 leitete er die Lokalredaktion Cottbus der Lausitzer Rundschau. Seit 2002 ist er Redaktionsleiter des Zeitungsverlages Waiblingen.

Kontakt:
Frank Nipkau,
Telefon: (07151) 56 62 70       
E-Mail: fnipkau@redaktion.zvw.de

Herr Nipkau, wie berichten Sie ein Jahr nach dem Amoklauf über die Lage in Winnenden?

Wir haben nach dem Ereignis am 11. März 2009 noch im selben Monat 130 Extraseiten veröffentlicht, im weiteren Verlauf des Jahres noch einmal 70. Dieses Jahr standen selbstverständlich der Gedenktag und der Umgang damit im Mittelpunkt. Wir berichten darüber, wie es mit der betroffenen Schule weitergeht, andere Themen sind das Waffenrecht, die Frage der Killerspiele und der politischen Konsequenzen aus dem Amoklauf. Auch den Prozess gegen den Vater des Täters haben wir im Blick. Außerdem haben wir Auszüge von Büchern veröffentlicht, etwa Britta Bannenbergs „Amok“, das sich mit den Ursachen von Amokläufen befasst und mit der Frage, wie sie zu verhindern sind.

Die Stadt Winnenden beschränkte zum Jahrestag die Pressefreiheit: In der Albertville-Realschule sollte ein Film- und Fotografierverbot herrschen. Haben Sie dafür Verständnis?

Das Fotografierverbot an der Schule am Jahrestag zwischen 7 und 14 Uhr sollte die Schulgemeinschaft schützen. Es ging nicht um eine Einschränkung der Pressefreiheit, sondern um selbstverständliche Höflichkeitsregeln. Ich begrüße es, dass hier Personen geschützt werden sollten, die an diesem Tag gemeinsam trauern wollten. Aufgabe der Presse ist es nicht, Trauernde vorzuführen. Es geht nicht nur darum, zu zeigen, wie sich Menschen fühlen, sondern auch darum, welche Konsequenzen aus den Ereignissen gezogen werden.

Was kritisieren Sie am Verhalten einzelner Medien nach dem Amoklauf?

Es kam zu einer dreifachen Entgrenzung: Erstens wurden Trauernde bedrängt. Zweitens wurden traumatisierte Personen vor die Kamera gezerrt. So etwas tut den Menschen nicht gut. Zu Recht hat die psychologische Nachbetreuung die Presse aufgefordert, keine Minderjährigen zu befragen. Es gab ja eine regelrechte Jagd auf Opfer. Familien wurden bedrängt, Adressen wurden ausgekundschaftet, eine Polizeistreife musste Anwohner vor Vertretern der Medien schützen.

Hat sich nach dem Ereignis Ihre Schulberichterstattung verändert? Arbeiten Sie mit der Schule zusammen?

Der Amoklauf ist ja kein Schulthema, sondern vielmehr ein gesellschaftliches Problem. Von Seiten der Realschule wird derzeit vor allem der Wunsch geäußert, in Ruhe gelassen zu werden. Das respektieren wir.

Was hat das Ereignis in Ihrer Redaktion verändert?

Wir verstehen uns als Stimme der Gemeinschaft und wollen einen Beitrag zur Trauerarbeit und zur Aufarbeitung der Tat leisten. Wir befassen uns weiterhin mit allen Aspekten des Themas, und wir bohren weiter nach, welche Konsequenzen aus dem Amoklauf gezogen werden. Da werden wir auch nicht lockerlassen.

Interview: Stefan Wirner

Die Berichterstattung des Verlages zum Thema Winnenden finden Sie unter:
http://zvw.zvw.de/amoklauf
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