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Frank Fligge ist stellvertretender Chefredakteur der Westfälischen Rundschau.

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„Wir inszenieren Überraschungen“

Jede Jahreszeit hat ihre eigene Berichterstattung im Lokalen. Im Frühjahr wollen die Leser erfahren, wie sie sich fit machen können oder den Frühjahrputz mit Leichtigkeit bewältigen, im Sommer interessiert sie, wo die besten Open Air Konzerte stattfinden oder wie die Wasserqualität an den Seen der Region zu bewerten ist. Und kaum versieht man sich, stehen schon wieder Weihnachten und Sylvester vor der Tür. Im redaktionellen Alltag kann man diese Termine leicht übersehen oder verdrängen. Besser aber ist es, sich gut auf sie vorzubereiten. Die Westfälische Rundschau hat dafür ein System entwickelt. Darüber sprach die drehscheibe mit Frank Fligge, dem stellvertretenden Chefredakteur des Blattes.

Herr Fligge, Sie haben in Ihrem Blatt eine ausgiebige Sommer(loch)- Berichterstattung gehabt: Es gab zum Beispiel Sonderseiten mit einem Freibad-Check, mit Ferientipps vom Zeltlager bis zur Spaßolympiade und den „Soundtrack des Sommers“ auf der Jugendseite. (Hier als PDF herunterladbar.) Wie generieren Sie redaktionell die Ideen für diese Berichterstattung?

Grundsätzlich machen wir, seit Chefredakteur Malte Hinz und ich im Jahr 2008 die Chefredaktion übernommen haben, täglich eine Online-Blattkritik. Das sieht so aus, dass Malte Hinz und ich sämtliche Lokalausgaben der Westfälischen Rundschau – immerhin 20 Stück - nach Best-Practice-Beispielen absuchen, nach guten Geschichten und besonderen Einfällen. Diese empfehlen wir dann den anderen Redaktionen in einem Rundschreiben per E-Mail. Auch Negatives wird darin angesprochen, allerdings konstruktiv. Davon hat jeder Redakteur etwas. Denn schließlich findet keiner die Zeit, sämtliche Lokalausgaben selbst durchzusehen.

Wie weit im Voraus planen Sie die Berichterstattung zu saisonalen Terminen?

Wir bereiten uns gezielt auf Termine vor, die scheinbar plötzlich immer wieder kommen: auf Weihnachten, Ostern, die Ferienzeit etc. Acht Wochen vor dem Termin fordern wir sämtliche Redaktionen auf, uns ihre Themenplanung mitzuteilen. Diese Konzepte sammeln wir in der Chefredaktion. Die komplette Liste mit Ideen geht dann vier Wochen vorher an alle Redaktionen. So hat jeder Redakteur beispielsweise Ende November ein Gesamtpaket für Weihnachten vorliegen. So fällt einem kein Termin mehr auf die Füße. Wir haben die Themenplanung institutionalisiert.

Kann es nicht sein, dass sich ein Redakteur, der einen guten Einfall hatte, dadurch um seine Idee betrogen fühlt, wenn jeder Kollege sie anschließend selbst verwenden kann?

Nein, das stellt überhaupt kein Problem dar. Erstens ist es eine Anerkennung für die Kolleginnen und Kollegen, wenn ihre Ideen von anderen aufgegriffen werden; zweitens kann derselbe Kollege schon am nächsten Tag Nutznießer der guten Idee einer anderen Redaktion sein. Wir haben inzwischen in den meisten Redaktionen schwarze Bretter, an die kopierbare Ideen, Geschichten etc. angebracht werden. Das hilft den Kollegen an den nachrichtenschwachen Tagen oder wenn es um gute Serien geht.

Die oben genannten Sommerideen wurden auch vom Layout her sehr ansprechend und aufwendig gestaltet. Wie wurde dabei vorgegangen?

Wenn ein Redakteur eine entsprechende Idee entwickelt hat, setzt er sich mit einem Grafiker in Verbindung und sie beraten gemeinsam, wie sich das Ganze optisch ansprechend umsetzen lässt. Das Ziel ist es, den Leser zu überraschen. Und das nicht inflationär, aber immer wieder einmal. Wir überlassen diese Überraschungen nicht dem Zufall, sondern planen und inszenieren sie. Wenn so ein Layout entwickelt ist, wie etwa für den Freibad-Check in Dortmund, dann kann eine andere Redaktion natürlich darauf aufbauen. Der Leser in Arnsberg oder Siegen hat das Layout der Dortmunder Ausgabe ja noch nicht gesehen. So entstehen gewaltige Synergien. Und diese dienen der Qualitätssteigerung.

Wie sieht Ihre Planung für den Herbst aus? Können Sie schon etwas verraten?

Wir haben noch keine konkrete Planung für die Herbstferien. Aber uns liegen bereits rund 50 bis 60 Themen rund um die Weihnachtszeit vor. Die meisten stammen aus dem letzten Jahr, können aber wieder verwendet werden, weil sie zeitlos schön sind. Aber selbstverständlich stoßen auch jede Menge neuer Einfälle hinzu. Der Heilige Abend kann also kommen.

Interview: Stefan Wirner

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