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Falk Rehkopf ist Geschäftsführer der Cision GmbH

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„Deutsche Journalisten nutzen soziale Medien wenig“

Die Canterbury Christ Church University hat in Zusammenarbeit mit Cision, einem Anbieter von Software und Dienstleistungen für die PR- und Marketingindustrie, eine Studie zur Nutzung sozialer Medien durch Journalisten durchgeführt. Eines der wichtigsten Ergebnisse: Deutsche Journalisten tun sich im Vergleich mit Kollegen aus anderen Ländern schwer bei der Nutzung sozialer Medien. Die Analyse beruht auf Daten von 3.650 Journalisten, die im Sommer 2012 in 11 Ländern an der Umfrage teilgenommen haben. Die drehscheibe sprach darüber mit Falk Rehkopf, dem Geschäftsführer von Cision.

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Herr Rehkopf, deutsche Journalisten haben in Ihrer Studie schlecht abgeschnitten. Facebook und andere soziale Medien spielen für sie im Alltag nur eine geringe Rolle, im Vergleich mit Kollegen aus elf anderen Ländern rangieren sie nur auf Platz 8. Was sind die Gründe dafür?

 

Es geht hier weniger um ein Ranking im Sinne eines Wettbewerbs der Länder. Natürlich ist der jeweilige Listenplatz ein Gradmesser der Social Media Fitness der Journalisten des jeweiligen Landes. Die Social Journalism Studie, nun schon im dritten Jahr, wird aber erstellt, um den Umgang von Journalisten mit sozialen Medienin ihrer täglichen Arbeit zu untersuchen und besser zu verstehen. Hier geht es also eher um Information und ein vertieftes Verständnis der Medienindustrie als um ein bewertendes Ranking.

Wie sind Sie vorgegangen?

 

Wir haben die Nutzung nach verschiedenen Kriterien untersucht z.B. der tägliche Einsatz von sozialen Medien, die verwendeten Social-Media-Tools sowie die Einstellung der Journalisten gegenüber sozialen Medien.
Aber ganz eindeutig zeigten die befragten Journalisten in Deutschland durchweg die niedrigsten Werte in Bezug auf die Nutzung, Einstellung, das Wissen und das Engagement in sozialen Medien. Besonders auffällig ist die sehr geringe Anzahl an Stunden, die deutsche Journalisten jeden Tag mit sozialen Medien verbringen. Im Vergleich zu den anderen Ländern in dieser Umfrage ist die Nutzung von sozialen Medien auch unter deutschen Verbrauchern wesentlich geringer. So scheint es, dass einige soziale, regulatorische und technologische Barrieren aus dem Weg geräumt werden müssen, bevor eine weitergehende Nutzung sozialer Medien durch Journalisten und Verbaucher möglich ist.


 

Welche Ergebnisse zeigte die Studie noch?

 


Interessanterweise zeigt sich eine Polarisierung unter deutschen Journalisten, wenn man sich die Ergebnisse der Studie näher anschaut. Die Gruppe der Skeptiker einerseits mit einer geringen Nutzung und einer eher negativen Einstellung zu sozialen Medien ist fast ebenso gross wie die Gruppe von Promotern, die soziale Medien benutzen und auch positiv bewerten. Die beiden Gruppen unterscheiden sich im Alter und in der Mediengattung für die sie primär arbeiten – mehr Details hierzu in der Social Journalism Studie 2012 – Report für Deutschland, der Mitte November 2012 veröffentlicht wird.
 

Woher rühren diese gewaltigen Länder-Unterschiede in der Nutzung sozialer Medien durch Journalisten?
 

Es bestehen klare Korrelationen zwischen der arbeitsbezogenen Nutzung und dem Alter eines Journalisten, der Grösse der Organisation, für die ein Journalist arbeitet, und der Mediengattung, in der der jeweilige Journalist hauptsächlich publiziert. Wenn man diese Faktoren länderübergreifend vergleicht, dann nutzt ein Journalist mit denselben demographischen Daten in Kanada soziale Medien ganz anders als ein deutscher Journalist. Entscheidende Faktoren sind neben der jeweiligen ökonomischen Situation eben auch viele regionale und hier zumeist kulturelle Faktoren, die eine Annahme neuer Prozesse und Technologien beschleunigen oder verlangsamen.
 

Verträgt sich der klassische Journalismus generell schlecht mit den neuen Medien?
 

Soziale Medien fordern den Journalismus auf vielen Ebenen heraus; aber auch viele andere Entwicklungen wie unser Hunger nach aktuellen Neuigkeiten und Informationen in Verbindung mit dem 24-Stunden-Nachrichtenzyklus. Es ist nicht einfach für Journalisten, mit diesem Druck umzugehen. Journalistische Werte werden auf jeden Fall hart geprüft: Die Journalisten in unserem Research sagen uns, dass sie Infos über soziale Medien beschaffen, diese aber auch überprüfen. Wenn Journalisten einen Tweet genauso wie einen anonymen Hinweis behandeln, dann werden Standards auch zukünftig eingehalten werden können.  
 

Nach welchen Kriterien haben Sie das Nutzungsverhalten untersucht?
 

Wir haben praktische Elemente – wie die tägliche Nutzung - berücksichtigt, aber auch andere Faktoren wie die generelle Einstellung der Journalisten zu sozialen Medien. Der jeweilige Platz in der Rangliste der Länder wurde anhand von vier Schlüsselkriterien bestimmt: Social Media Engagement von Journalisten; die praktische Anwendung von Social Media im journalistischen Arbeitsalltag; Kenntnisse über und Einstellung zu Social Media.
 

Sie haben die Journalisten in verschiedene Nutzergruppen unterteilt: Architekten, Promoter, Jäger, Beobachter und Skeptiker. Was hat es damit auf sich?
 

Eine detailiertere Betrachtung ist notwendig, um die Hintergründe verschiedener Trends zu verstehen. „Die Architekten“ benutzen soziale Medien am häufigsten und gaben an den besten Kenntnisstand über soziale Tools zu haben, sie sind die Gestalter der professionellen Social Media-Welt, „die Promotoren“ benutzen die sozialen Medien nicht so oft wie „die Architekten“ und konzentrieren sich vor allem auf die Verbreitung und die Förderung ihrer Arbeit. „Die Jäger“ sind Nutzer auf einem mittleren Level und fokussieren sich vor allem auf Recherche und Networking. „Die Beobachter“ nutzen soziale Medien für Themen-Monitoring und zeigen eher ambivalente Einstellung gegenüber den neuen Medien, und „die Skeptiker“ haben eher eine negative Einstellung gegenüber der Nutzung der sozialen Medien und benutzen sehr selten oder nie für ihre Arbeit.
 

Welche sozialen Medien werden häufig genutzt, welche weniger häufig?
 

Die von den deutschen Journalisten am häufigsten benutzen sozialen Medien sind Content Communities und Crowdsourcing-Webseiten, wie zum Beispiel Wikipedia, die vor allem für die Recherche nach Informationen genutzt werden. Twitter wird am meisten von den britischen und kanadischen Journalisten genutzt. Soziale Netzwerke sind in allen befragten Länder das Social-Media-Tool 1, dagegen sind Social Reader und Bookmarking-Dienste (z.B. Delicious, Reddit) nicht so populär unter den Journalisten.

Wie wird sich das Verhältnis von sozialen Medien und Journalismus in Zukunft gestalten?
 

Die Bedeutung von sozialen Medien wird immer weiter zunehmen und somit auch den Journalismus und die Interaktion mit PR-Profis nachhaltig verändern. PR-Profis werden zumehmend extra-medialen Zugang zu ihren Zielgruppen haben - direkt mithilfe von Social Media. Von journalistischer Seite ist in Deutschland eine Polarisierung erkennbar: die ältere Generation der Zeitungsjournalisten weigert sich, die sozialen Medien zu nutzen, während ihr jüngeren Kollegen aus den Radio- und Online-Redaktionen von den sozialen Medien fasziniert sind und sie tagtäglich einsetzen. Journalismus und soziale Medien werden immer mehr miteinander verschmelzen. Ein anderer deutlicher Trend ist die spezifische Nutzung von bestimmten social Tools für bestimmte journalistische Aufgaben - zum Beispiel wird Twitter benutzt um Infos zu beschaffen – dieser Trend wird sich verstärken.

Interview: Stefan Wirner

 

Kontakt:

 

Falk Rehkopf, Geschäftsführer Cision GmbH

Tel.: 0160 - 7409625

E-Mail: falk.rehkopf@cision.com

Hier geht's zum Cision-Blog.

 

Veröffentlicht am 12. November 2012





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