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Ekkehard Rüger ist Redakteur der Westdeutschen Zeitung in der Lokalredaktion Burscheid.

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„Im Lokalen kann Kritik die Menschen im Mark erschüttern“

Vom 10. bis 12. Mai fand in Göttingen die bpb-Redaktionskonferenz zum Thema „Land in Sicht“ statt. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer diskutierten die Frage, wie am besten aus der Provinz und über die Provinz zu berichten sei. Ein Referent war Ekkehard Rüger, Redakteur der Westdeutschen Zeitung, Alleinredakteur der Lokalredaktion Burscheid. In seinem Vortrag stellte er fünf Thesen zur Berichterstattung aus dem ländlichen Raum vor. Die drehscheibe sprach mit ihm über seine Ideen..

 Herr Rüger, Ihre erste These lautet: „Ohne Haltung geht es kaum.“ Wie ist das gemeint?


Meine Erfahrung ist, dass es gerade in der Provinz nicht einfach ist, kritisch und unabhängig zu berichten und gleichzeitig in dieser großen Nähe zu den Menschen zu leben. Ich versuche, mir immer wieder über meine Funktion, meine Rolle als Journalist klarzuwerden. In solchen kleinen Biotopen, in denen wir Journalisten in der Provinz arbeiten, sollte man sich das besonders häufig vor Augen führen. Jeder von uns hat sich ja irgendwann mal Gedanken darüber gemacht, warum er Journalist werden will. Aber diese Haltung kann sich auch im Laufe der Jahre durch Widerstände und Routine abschleifen. Daher plädiere ich dafür,sich immer wieder bewusst zu machen, was unsere Aufgabe ist.

Vermissen Sie manchmal Haltung im Lokaljournalismus?

Das Problem der Gefälligkeitsberichterstattung gibt es ja überall, nicht nur im Lokaljournalismus. Die Frage stellt sich jeden Tag neu, wie nah die Journalisten an den Leuten dran sind, über die sie berichten, und in welchen Verbindungen sie eigentlich zu ihnen stehen. Was sind ihre Motive für die Berichterstattung? Gefälligkeitsberichte zeugen immer auch von einem Mangel an Berufsethos.

Im Gegensatz dazu sagen Sie in Ihrer zweiten These: „Journalistische Fairness ist kein Luxusgut“. Worauf zielen Sie da ab?

Im Lokalen und noch mehr in ländlichen Lokalredaktionen kann schon die kleinste, für uns Journalisten eigentlich harmlose Form von Kritik, beispielsweise an Vereinen oder ehrenamtlichen Helfern, die Menschen im Mark erschüttern. Dessen müssen wir uns immer bewusst sein. Wenn wir mit den Menschen fair umgehen – und fair bedeutet für mich zum Beispiel, sie zunächst einmal in ihrem Bemühen ernst zu nehmen und nicht vorzuführen –, dann versuchen sie auch zu verstehen, was wir kritisieren. Das eröffnet uns auch hier in kleinen Lokalredaktionen die Möglichkeit, kritisch zu
berichten. Ich bin jetzt bald 16 Jahre in Burscheid tätig, und wenn ich in dieser Zeit nur Gräben aufgerissen hätte, dann könnte ich hier heute keine Zeitung mehr machen, weil niemand mehr mit mir reden würde. Fairness ist nicht nur im Lokaljournalismus gefordert, aber hier sieht man am ehesten, was mit den Leuten geschehen kann, wenn sie sich ungerecht behandelt fühlen und man ihnen ihre Würde nimmt.

Ihre dritte These besagt: „Auch wir müssen Bürgernähe neu lernen“. Warum? Was ist verloren gegangen?

Zunächst einmal ist unser Monopol der Nachrichtenvermittlung verlorengegangen, auch hier auf dem Land. Wir müssen uns auch in kleinen Redaktionen davon verabschieden, dass wir immer die Ersten sind, die Informationen verbreiten. Und auch die Konkurrenz hat dann nicht immer die Nase vorn. Das Verbreiten von Nachrichten geschieht anders als früher auf sehr vielen Kanälen – es gibt nicht mehr nur das Dorfgespräch, den Stammtisch, sondern etwa auch die sozialen Netzwerke, das Internet etc. Darauf müssen wir uns auch auf dem Land einstellen. Wir müssen begreifen, wie solche Diskussionen und Nachrichtenkanäle funktionieren. Und wir dürfen auch in den sozialen Netzwerken nicht nur als Verkünder von Nachrichten auftreten, als jemand, der für sich in Anspruch nimmt, der Erste zu sein, sondern als jemand, der sich der Diskussion stellt, wie viele andere auch, die Informationen vermitteln. Das heißt nicht, dass wir unsere Maßstabe dem Internet oder auch Facebook anpassen sollen, aber wir müssen wahrnehmen, dass da auch Nachrichtenvermittlung passiert und dass wir nicht diejenigen sind, auf die alle gewartet haben. Dafür ist eine neue Einstellung notwendig. Nicht mehr nur: „Ich erzähle euch jetzt was“, sondern auch „Erzählt ihr mir mal was, klärt mich auf, erklärt mir, was ich falsch gemacht habe, berichtigt mich.“

Ihre vierte These: „Wir brauchen mehr Distanz zu uns selbst.“ Wie kann so was funktionieren? Kann man das üben oder erlernen?

Auf jeden Fall. Ich habe das schmerzhaft gelernt, weil ich früher noch viel stärker als heute dazu geneigt habe, Auseinandersetzungen, die ich als Alleinredakteur hier erlebt habe, sehr persönlich zu nehmen. Man muss hier auch für vieles geradestehen, was man selbst gar nicht verursacht hat. Ich stehe persönlich für die Zeitung ein, und jeder Ärger, ob es nun die Zustellung betrifft oder andere Probleme mit der Zeitung, fällt auf mich zurück. Wenn man da immer emotional reagiert, verstrickt man sich sehr schnell in persönliche Befindlichkeiten, das kennt man ja aus dem Privatleben. Ich habe natürlich auch schon eine Reihe journalistischer Auseinandersetzungen durchgefochten, die sehr heftig geführt wurden. Und ich habe dabei gelernt, diesen Leuten danach wieder ganz neu und möglichst unvoreingenommen zu begegnen. Da muss man dann auch mal über seinen Schatten springen, anstatt alte Rechnungen zu begleichen. Unseren Lesern ist mit persönlich motivierten Kleinkriegen jedenfalls nicht gedient.

In Ihrer letzten These kritisieren Sie eine Art von Nörgeljournalismus: „Nicht in jeder Suppe schwimmt ein Haar.“ Plädieren Sie für die Kunst des Weglassens?

Weniger für die Kunst des Weglassens als für die Kunst des richtigen Maßstabs, an dem wir unsere Berichterstattung orientieren. Wenn ich hier mit dem Blick eines Großstadtjournalisten, der professionell durchgeführte Events gewöhnt ist, auf Veranstaltungen gehe,dann kann ich beinahe jede Aktivität in Bausch und Bogen zerreißen. Aber das ist für mich nicht der richtige Maßstab, sondern ich muss auch die Leute an den Möglichkeiten vor Ort messen und an ihrer Bereitschaft, sich einzusetzen, an der Liebe, die sie in irgendwelche Dinge investiert haben. Es wäre aus meiner Sicht falsch, permanent den Finger in vermeintliche Wunden zu legen und zu sagen: „Das ist nicht gut und das ist nicht gut“, gerade wenn es um ehrenamtliches Engagement geht. Das hat für mich nichts mit kritischem Journalismus zu tun, sondern mit einem Besserwisser-Journalismus, der sich letztlich auch nicht mehr mit der Region identifiziert, für die er arbeitet.

 

Interview: Stefan Wirner

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