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Das Bieler Tagblatt optimierte in einem mehrstufigen Verfahren seine Lokalberichterstattung. Chefredakteurin Catherine Duttweiler erklärt das System

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Balance in der Berichterstattung

Catherine Duttweiler ist seit 2005 Chefredakteurin des Bieler Tagblattes. Nach einer Ausbildung an der Ringier Journalistenschule war die heute 46-Jährige in der Chefredaktion der Basler Zeitung und als Redaktionsleiterin bei Radio DRS3 tätig. Das Bieler Tagblatt hat seinen Hauptsitz in Biel, der größten zweisprachigen Stadt der Schweiz. Es erscheint mit einer Auflage von 27.576 Exemplaren. Neben der Hauptredaktion in Biel gibt es eine Außenredaktion in Lyss. Die Analyse der Berichterstattung und ihrer Optimierung wurde vom Verleger angeregt, das Konzept zur Umsetzung wurde hausintern erstellt. www.bielertagblatt.ch

Frau Duttweiler, was gab den Anlass für eine Veränderung der Lokalberichterstattung?

Die Berichterstattung aus den zunächst 76 und heute 89 Gemeinden unseres Verbreitungsgebietes war unausgewogen. Mittelgroße Gemeinden mit einigen tausend Einwohnern waren unterpräsent, während kleine Gemeinden wie Meienried mit 22 Haushalten Spitzenwerte erzielten, obwohl dort nichts Besonderes los war. Ich hatte den Eindruck, dass die Intensität der Berichterstattung stark vom Engagement der freien Mitarbeiter abhing. In einigen Gemeinden fehlten Korrespondenten ganz. Die Redaktion selbst deckte in den kleinen Gemeinden meist nur Großereignisse ab.

Wie lief die Analyse ab?

Zuerst zählten wir im Mai und Juni 2006 die Artikel und erstellten einen Koeffizienten aus Häufigkeit der Berichterstattung und Anzahl der Haushalte. Das Ergebnis zeigte eine markant unterschiedliche Berichterstattung. Das hatte drei Gründe: Der Ortskorrespondent war zu wenig initiativ oder unzureichend informiert, die Gemeinde zeigte eine zurückhaltende Informationspolitik oder ihr wurde von der Redaktion nicht das nötige Gewicht beigemessen. Die Berichterstattung, gemessen an der Größe der verschiedenen Gemeinden, war deshalb nicht ausgeglichen. Ab Januar 2007 begann das erweiterte Gemeindemonitoring. Dabei wurde auch der Umfang der Artikel, quer durch alle Ressorts, erfasst. Wir haben die Redaktion und die Korrespondenten über die Zwischenresultate informiert. Schon diese Informationen bewirkten im ersten Halbjahr 2007 ein ausgeglicheneres Resultat. Ein weiterer wichtiger Aspekt war die Arbeit unserer freien Mitarbeiter. Wir überprüften, wo die Korrespondenten besonders aktiv waren. Darüber hinaus haben wir analysiert, wo die Kommunikation mit den Gemeinderäten verbessert werden musste.

Wie haben Sie auf die Ergebnisse der Analyse reagiert?

Chefredaktion und Verlag bestimmten bis heute 18 mittelgroße Gemeinden, in denen die Berichterstattung unterdurchschnittlich war und die über zu wenig oder gar keine Ortskorrespondenten verfügten. Wir kamen zu dem Schluss, dass Themen bewusster ausgewählt werden mussten. Schon zuvor hatten wir den Redakteuren die einzelnen Gemeinden zugeteilt. Sie sind Ansprechpartner für die Korrespondenten und betreuen größere Themen selber.

Wie werden diese Themen bestimmt?

Themen werden gezielt auch in entlegenen Gemeinden gesucht, um eine ausgewogene Berichterstattung zu gewährleisten. In Rubriken wie der Fotorubrik „Einst und jetzt“ oder „Lieblingsladen“ im Regionalressort kommen diese Gemeinden zum Zug. Um den Umfang der Berichterstattung in den unterrepräsentierten Gemeinden zu erhöhen, haben wir freie Mitarbeiter gesucht. Darüber hinaus haben wir mit dem Verlag erörtert, wo es Potenzial für neue Abonnenten gibt. Dort haben wir die Postzustellung durch die Frühzustellung ersetzt. Alle sechs Monate veranstalten wir einen Lokaltermin in einem Amtsbezirk, bei dem ein Thema mit lokalem Bezug diskutiert und die Chancen und Grenzen einer leserfreundlichen Regionalberichterstattung aufgezeigt werden.

Wurden im Zuge der Überarbeitung neue Korrespondenten eingestellt?

Ja. Wir arbeiten jetzt mit sieben neuen Korrespondenten zusammen und haben Weiterbildungsworkshops veranstaltet. Damit haben wir rund 100 freie Mitarbeiter. Sie werden von unseren zwölf Mitarbeitern im Regionalressort betreut. 

Gibt es im Zuge der Umwandlung auch thematische Verschiebungen?

Durch die gezielte Themensuche verzeichnen wir eine größere thematische Vielfalt. 2009 wollen wir auch qualitative Aspekte hinzufügen: Wir werden mit der Ressortauswertung beginnen, um zu sehen, wo wir in Sport oder Politik besonders gut sind und bei welchen Themen es  Schwachstellen gibt.

Interview: Steffi Bojahr

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