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Für eine Reportage über das Kaninchenzüchten erhielt Benjamin Lemper den Hessischen Jungjournalistenpreis 2010. Über das Kaninchenzüchten? Wie sich das Klischee-Thema des Lokaljournalismus heute noch spannend aufbereiten lässt, erzählt der Preisträger selbst.

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Das Kaninchen und der Reporter

Benjamin Lemper ist Redakteur des Gießener Anzeigers
 

Herr Lemper, warum berichten Sie so leidenschaftlich über Kaninchenzüchter?

Ich habe nach einem Thema gesucht, das als charakteristisch für Lokaljournalismus gilt. Außerdem werden Kaninchenzüchter eben häufig eher belächelt oder als provinziell abgetan.

Was haben Sie anders gemacht?

Zunächst habe ich mich nur gefragt, was die Kaninchenzüchter überhaupt machen und warum sie es machen. Sonst sind es ja meist die prämierten Züchter, die bei Jahreshauptversammlungen für die Zeitung abgelichtet werden. Danach habe ich überlegt, welche Protagonisten es – abgesehen von den Züchtern – noch gibt. Die Antwort musste lauten: das Kaninchen...

...und sein Richter? So hieß jedenfalls ihre Reportage, für die sie jetzt mit dem Hessischen Jungjournalistenpreis ausgezeichnet wurden.

Ja, denn natürlich spielen die Preisrichter bei solchen Bewertungen eine zentrale Rolle. Ich habe den Preisrichtern über die Schulter geschaut, die Atmosphäre eingefangen und das unterschiedliche Verhalten der Kaninchen beobachtet.

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In Ihrer Reportage heißt es: „Nummer 57 ist eine Augenweide. (...) Die gerundeten Formen, das harmonische, gelbrötlich-braune Farbenspiel...“ – sind Sie jetzt Kaninchenexperte?

Ich habe tatsächlich viel gelernt. Zum Beispiel, dass es heute 98 verschiedene Rassen gibt und dass die Preisrichter wirklich jede Menge wissen müssen und Erfahrung brauchen. Zur Orientierung dient ihnen aber ein Buch, der Standard, in dem das Ideal aller Rassen bis ins kleinste Detail festgelegt ist. Und dem sollen die Tiere möglichst nahe kommen. Stellen die Preisrichter größere Mängel fest, taugt das Kaninchen im Grunde nicht mehr für die Zucht und wird bestenfalls zum „Kuscheltier“. Oder eben ein schöner Sonntagsbraten.

Jetzt schwingt aber doch etwas Ironie mit.

So jedenfalls haben es mir die Züchter erklärt. Sicherlich – bei oberflächlicher Betrachtung erscheint die Welt der Kaninchenzucht sehr eigen. Mit wem haben Sie gesprochen? Mit Preisrichtern ebenso wie mit Züchtern. Das sind übrigens Leute, die sonst ganz normalen Berufen nachgehen, in meiner Geschichte waren das ein Speditionsfahrer sowie ein Beamter bei der Bahn. Und sie wollen ihr Hobby genauso ernst genommen wissen wie andere Sportarten auch – ob nun Tennis, Basketball oder Fußball. Interessanterweise ist die erste deutsche Dachorganisation der Kaninchenzüchter sogar acht Jahre älter als der im Jahr 1900 gegründete Deutsche Fußball-Bund.

Schreiben Sie als Nächstes über den örtlichen Schützenverein?

Geplant ist das nicht, aber grundsätzlich kann ich mir schon vorstellen, noch einmal ein mit Klischees behaftetes Thema aufzugreifen und es aus einem ungewöhnlicheren Blickwinkel zu betrachten.

Interview: Cosima Grohmann

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