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Interviews

André Schweins ist Leiter der Lokalredaktionen der Westfalenpost (Hagen).

André Schweins

„Der Weltpolitik einen Dreh mit Heimatbezug verleihen“

Eine Lokalzeitung ganz nah dran am Weltgeschehen? Geht das überhaupt? Mit einem bisschen Glück ja! Die Westfalenpost aus Hagen berichtete vor kurzem darüber, wie der russische Oligarch und Putin-Gegner Michail Chodorkowski nach langer Haft nach Deutschland ausgeflogen wurde – im Privatjet des Mendener Unternehmers Ulrich Bettermann. Zu diesem hält die Zeitung schon seit Längerem guten Kontakt. Er konnte Details von Chodorkowskis Reise berichten, die andere Zeitungen zunächst nicht erfuhren. Die drehscheibe fragte André Schweins, den Leiter der WP-Lokalredaktionen, wie die Geschichte entstanden ist und wie die Redaktion dabei vorgegangen ist.

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Herr Schweins, die Westfalenpost war bei der Ausreise von Michail Chodorkowski aus Russland mitten drin im Weltgeschehen. Wie kam es dazu?


Die Meldungen, dass Chodorkowski ausgeflogen wird und dass dies mit dem Jet eines Unternehmers aus unserer Region geschehen soll, machten bereits die Runde. Wir haben Kontakt mit Ulrich Bettermann aufgenommen, der für uns in vielerlei Hinsicht und schon sehr lange ein interessanter wie sehr anspruchsvoller Gesprächspartner ist. Wir kennen ihn sehr gut, nicht nur die Lokalredaktion. So hatten wir die lokalen Verbindungen, um ein Weltthema tatsächlich auf die Ebene einer 55.000-Einwohner-Stadt wie Menden herunterzubrechen.

Wie wurde die Geschichte im Detail umgesetzt?


Wir hatten den großen journalistischen Vorteil, dass wir die Geschichte aus drei Richtungen angehen konnten. Unser Content-Desk in Essen war über den Korrespondenten in unserem Berliner Büro beteiligt, der natürlich die weltpolitischen Belange und das Eintreffen in der Hauptstadt im Blick hatte. Und unsere Lokalredaktion, die den Kontakt zu Herrn Bettermann herstellte. Außerdem hatten wir noch einen zusätzlichen regionalen Reporter im Einsatz, der sich um die weiteren Fragen kümmerte, die diese Geschichte für das Sauerland, einen seiner bedeutendsten Unternehmer und den Ort Menden selbst aufwarf. Insgesamt waren also mehrere Redakteure mit unterschiedlichsten Textaufträgen beteiligt, wobei natürlich die WP-Reporter den direkten Draht zu unserem local hero hielten.

Hätte es auch eine Chance gegeben, Chodorkowski oder Herrn Genscher selbst selbst zu sprechen? Haben Sie da nachgefragt?


Nein, diese Chance war eher gering. Herr Bettermann ist immer bereit, mit uns über alle möglichen, auch über kontroverse Themen zu diskutieren, aber in diesem Fall konnte er uns nicht noch enger einbeziehen. Er hat uns aber dankenswerterweise alles aus erster Hand berichtet, was andere Medien dann erst später aufgegriffen haben – was für eine geheime Kommandosache die Genscher-Initiative war und wie es funktionieren konnte, den besten Piloten des Unternehmens so schnell wie möglich von Salzburg zum Heimatflugplatz Menden-Arnsberg zu beordern, über Leihauto, Bahn etc. Der direkte Kontakt zu seinem langjährigen Freund Hans-Dietrich Genscher oder zu Herrn Chodorkowski blieb uns allerdings verwehrt.

Dennoch: Wie nah Sie dran waren, sieht man ja auch daran, dass Sie der Bild-Zeitung sogar einen Fehler in deren Berichterstattung nachweisen konnten. Bild hatte die Firma OBO Bettermann fälschlicherweise als „Energieberatungsfirma“ bezeichnet. Kommt da ein bisschen Schadenfreude auf?


Nein, es liegt uns auch fern, Kollegenschelte zu betreiben. Gleichwohl legen wir schon Wert darauf – und da sind wir selbst im eher ruhigen Sauerland doch ganz Lokalpatrioten – klarzustellen, um was für ein Unternehmen mit weltweiter Relevanz es sich da handelt.

So eine Möglichkeit, das Weltgeschehen in der eigenen Zeitung lokal herunterzubrechen, hat man ja nicht oft. Dazu braucht man etwas Glück, oder?


Ja, ganz sicher. Der Unternehmer Ulrich Bettermann ist durch seine langjährigen und engen Freundschaften zu Menschen der Zeitgeschichte, nicht nur zu Herrn Genscher, immer mal wieder für so eine Geschichte gut, aber das ist tatsächlich ein wenig Glücksache. Man muss als regionale Tageszeitung auch darüber nachdenken, welche Themen man aus der Bundespolitik oder aus dem Weltgeschehen herunterbricht. Die Gefahr der Redundanz ist ja stets präsent, in diesem Fall aber war sie es sicher nicht.

Ein Kriterium wäre also, wie bedeutsam so eine Geschichte im Lokalen dann noch ist?


Die Aufgabe besteht darin, einer solchen Geschichte im Lokalen eine andere Farbe zu geben. Ein Weltgeschehen nur einem lokalen Gesprächspartner vorzulegen und zu sagen, nun äußere dich mal dazu, um dann am Ende die fünfte oder sechste ähnliche Meinung zu transportieren, die dem ähnelt, was im Mantelteil sowieso schon steht, das wäre mir zu wenig.  

Ist es Ihnen denn gelungen, in Fall Chodorkowski eine eigene Färbung hinzubekommen?


Das ist es uns in der Tat nicht allein durch die Darstellung, in welcher Form ein Unternehmer aus unserem Verbreitungsgebiet in eine solche humanitäre Mission eingebunden ist. Wir konnten darüber hinaus gerade im Lokalteil auch in den Tagen danach über das gesteigerte Medieninteresse an einem kleinen Flugplatz und den dort stehenden Maschinen berichten.  

Können Sie sich an einen  Fall aus der Vergangenheit erinnern, in  dem Sie schon einmal ein Weltereignis erfolgreich heruntergebrochen haben?

 

Wir haben bei zeitgeschichtlich relevanten Themen den Anspruch in allen unseren Lokalredaktionen, Betroffene aus unserer Region zu finden, die vor Ort waren oder in Krisenregionen Berührungspunkte haben. Das gelingt nahezu immer und spielt dann bei uns in der regionalen wie in der lokalen Berichterstattung eine Rolle. Das geht von Opfern bei 9/11 über die Reaktorkatastrophe in Fukushima bis hin zum Schwesternorden aus dem Sauerland, der während der Unruhen in Ägypten die Ängste um die Schwestern der eigenen Einrichtung in eben diesem Land in unseren Ausspielkanälen formulierte. Aber noch einmal: Der Anspruch darf nicht sein, das bereits bekannte Geschehen eindimensional auf die lokale Ebene zu ziehen und so Nähe zu suggerieren, sondern der Geschichte einen Dreh mit Heimatbezug zu geben. Das Wecken des Solidaritätsgefühls über Spendenaktionen ist da ein erster Ansatzpunkt, aber nicht das Ende journalistischer Schaffenskraft.

Interview: Stefan Wirner

Kontakt:

André Schweins

Westfalenpost-Chefredaktion
Leiter Lokalredaktionen
Tel. 02331/917 42 87
Fax 02331/917 41 78
E-Mail: a.schweins@westfalenpost.de

Veröffentlicht am 13. Januar 2014

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Kommentare

Kommentar von Roland Becker | 16.01.2014

Es waere fuer alle besser, wenn jede Zeitung und Redaktion wieder wenigstens EINEN Mitarbeiter fuer das Weltgeschehen abstellt.
Ein Land dessen Bruttosozialprodukt zu 50% von der Aussenwirtschaft abhaengt, in dem 25% der gut bezahlten Arbeitsplaetze direkt mit Exporten zu tun haben, ein solches Land sollte nicht "im Blindflug" auf die wenigen international ausgerichteten Agenturen oder grossen Medien vertrauen muessen.

Kommentar von Dirk Henninger | 15.01.2014

Ich freue mich als Journalist einer Regionalzeitung gemeinsam mit der Westfalenpost. Allerdings muss man das Thema relativieren, denn das Ganze hängt ja immer direkt damit zusammen, ob eine Nachricht überhaupt einen lokalen bzw. regionalen Bezug hat. Und wenn ja, dann sollte es für die Platzhirsche kein größeres Problem sein, die Kontakte spielen zu lassen. Das ist doch dann einfach nur guter Journalismus - nicht mehr und nicht weniger. Zufälligerweise habe ich hier ebenfalls gerade ein aktuelles Beispiel (auch wenn es sich dabei lediglich um eine Erstmeldung handelt): http://www.echo-online.de/sport/motorsport/Sebastian-Vettel-ist-Vater;art2398,4631495