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Nummer 9/2014

Kurznachricht an die Leser

 

Wie sich Smartphone-Apps wie WhatsApp im Redaktionsalltag nutzen lassen.

Steffen Büffel berät Verlage und Redaktionen in den Bereichen Workflow, Crossmedia, Social Media und Online-Strategien


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Die Verwendung von Social-Media-Plattformen gehört längst zum Arbeitsalltag moderner Redaktionen. Der direkte Draht zum User und die Möglichkeiten der Nutzereinbindung werden gezielt genutzt. Smartphone-Anwendungen wie WhatsApp stehen dabei hoch im Kurs. Denn sie ermöglichen Gruppenchats und den Massenversand von Kurznachrichten als Text oder mit Bild-, Video- und Audioanhang.

Warum ist WhatsApp relevant?
Mit rund 500 Millionen Nutzern ist WhatsApp derzeit eine der am meisten genutzten Smartphone-Apps. Sie ist dabei, SMS-Diensten den Rang abzulaufen. Bereits 32 Millionen Deutsche verwenden sie – das sind immerhin rund 70 Prozent der Smartphone-Besitzer. Vor allem bei Jugendlichen verzeichnet die App hohe Popularität. Sie wird von den unter 20-Jährigen inzwischen häufiger genutzt als Facebook, wozu WhatsApp seit Februar 2014 gehört.

Was unterscheidet WhatsApp von Social Media?
Die Einbindung von Facebook, Twitter oder Google+ ist inzwischen Standard auf deutschen Nachrichtenportalen. Was WhatsApp im Vergleich interessant macht, ist, dass über die App geteilte Inhalte mit höherer Wahrscheinlichkeit bei den Empfängern ankommen. Denn während etwa Facebook Neuigkeiten im Nutzerprofil vorab nach individuellen Relevanzkriterien filtert, landen Whats-App-Nachrichten zu 100 Prozent beim User.

Thema Datenschutz
Wegen Sicherheitslücken und den damit verbundenen Datenschutzproblemen stand WhatsApp in der Vergangenheit stark in der Kritik. Insbesondere nach der Übernahme durch Facebook Anfang des Jahres setzte kurzzeitig eine Abwanderungswelle zu nicht kommerziellen Konkurrenten ein, zum Beispiel zu Threema. Doch trotz der Negativschlagzeilen behauptete WhatsApp seine Position als wichtigste Chat-Applikation auf Smartphones in Deutschland. Mit den Apps Line und WeChat gibt es zwar geeignete Alternativen, diese erreichen hierzulande aber bei Weitem nicht so viele Nutzer. Für Redaktionen ist damit WhatsApp für Pilotprojekte die naheliegende Wahl.

WhatsApp im redaktionellen Marketing
Drei Szenarien sind denkbar, wie Redaktionen WhatsApp für sich nutzen können: So lässt sich durch eine Erweiterung im Quellcode der eigenen Nachrichtenseite ein zusätzlicher „Teilen“-Knopf speziell für Whats-App einbinden. Ruft ein Smartphone-Nutzer die mobile Variante der Website auf, wird ihm der WhatsApp-Knopf automatisch angezeigt und er kann den Link zum Artikel an seine bestehenden Kontakte weiterschicken.

In Deutschland nutzen die Rhein-Zeitung und die Ruhr Nachrichten diese Möglichkeit. Mithilfe der Website www.whatsapp-sharing.com lässt sich der Einbinde-Code erzeugen. Dieser muss von einem Seitenadministrator an der gewünschten Stelle in der Artikelansicht einmalig eingebunden werden. Ein Nachteil ist, dass die „Teilen“-Funktion derzeit nur für Besitzer eines iPhones reibungslos funktioniert. Eine Lösung für das Android-System steht noch aus. Datenschutzrechtlich ist dieser Weg insofern unbedenklich, da lediglich der Link zum Artikel an WhatsApp übergeben wird und darüber hinaus keine weiteren Daten ausgetauscht werden.

Eine weitere Verwendungsmöglichkeit hat die BBC getestet: Die Redaktion nutzt ein Smartphone, dessen Nummer bei mehreren Chat- und Kurznachrichten-Apps verknüpft wurde – unter anderem auch bei WhatsApp. Die Telefonnummer wurde an die BBC-User mit dem Hinweis kommuniziert, dass sie aktuelle Nachrichten empfangen können, sobald sie die Nummer ihren eigenen WhatsApp-Kontakten hinzugefügt haben.

Über die Broadcasting-Funktion von WhatsApp konnten die Macher anschließend Botschaften an eine vorher festgelegte Empfängerliste schicken. Die Liste umfasst alle Nutzer, die zuvor die Nummer des Redaktionshandys gespeichert haben. Der BBC gelang es so, aktuelle Nachrichten, Links, Fotos und Videos (im Zusammenhang mit den Wahlen in Indien) an WhatsApp-Nutzer zu schicken. Einziger Haken: WhatsApp begrenzt die Empfängerzahl einer Massennachricht derzeit auf 256. Während für das BBC-Projekt die Zahl erhöht wurde, berichten deutsche Lokalredaktionen, die ebenfalls an einem Testlauf interessiert wären, dass WhatsApp auf entsprechende Anfragen nicht reagiert.

Ein drittes Szenario ist die Verwendung von WhatsApp als Rückkanal. Denn sobald Sender und Empfänger durch Hinzufügen der jeweiligen Telefonnummern miteinander verbunden sind, entsteht ein direkter Draht zwischen Redaktion und Nutzern. Laut eigenen Angaben ist auch diese Variante von der BBC mit Erfolg getestet worden, allerdings dürfte mit der Zeit die schiere Flut an Nachrichten, die auf dem Redaktionshandy ankommt, nur schwer zu verwalten sein. Ein Vorteil bestünde aber darin, dass bei stichhaltigen Themenhinweisen durch einen User die Redaktion eine Telefonnummer hat, um nachzuhaken.

Zukunft der Kurznachrichtendienste
Am Beispiel von WhatsApp zeigt sich, wie ein weiterer Sendekanal jenseits mobiler Websites oder Nachrichten-Apps genutzt werden kann. Breaking News, Sport- oder Wahlergebnisse, Verkehrs- und Wettermeldungen können unmittelbar zum Nutzer transportiert werden. Das BBC-Pilotprojekt lässt darauf schließen, dass die WhatsApp-Macher offenbar an speziellen Funktionen und Lösungen für Redaktionen arbeiten. Noch befinden wir uns am Anfang eines möglichen Trends. Es besteht allerdings die Chance für Medienhäuser, frühzeitig bei einer neuen Entwicklung dabei zu sein.

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