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Jessica Schober ist freie Journalistin.

Jessica Schober

„Im Lokalen überrascht mich die Zuversicht“

Eine Journalistin auf der Walz – diese Idee von Jessica Schober erzeugte eine gewaltige Resonanz in den Medien. Einen Sommer lang reist die Journalistin durch Deutschland und bietet verschiedenen Lokalredaktionen ihr Handwerk an. Vor dem Beginn ihrer Tour haben wir bereits mit ihr gesprochen. (Zum ersten Interview) Nun fragten wir nach, wie es ihr so ergeht auf der Reise.

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Frau Schober, wie ist die Reise bisher so verlaufen, wo waren Sie überall?

Ich war in Pfaffenhofen, beim Pfaffenhofer Kurier, dann war ich in Pegnitz und Bayreuth, beim Nordbayerischen Kurier und den Nordbayrischen Nachrichten. Anschließend hab ich eine Woche auf der Sommerbaustelle der Wandergesellen verbracht. Da war ich sozusagen nicht Journalistin, sondern Zuschauerin. In Hamburg arbeitete ich beim Straßenmagazin Hinz und Kunzt, anschließend beim Harburger Blatt, das ist eine tolle Liebhaberzeitung, die ein einzelner Mann alle zwei Wochen selber herausgibt. Sie ist zwölf Seiten dick, und er verteilt sie selbst. Mit ihm zusammen habe ich Zeitungen ausgetragen – das war eine sehr spezielle Erfahrung. Danach war ich bei der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung, bei meinem Lokalteil, dem Anzeiger für Burgdorf, und schließlich bin ich in Aalen bei der Schwäbischen Post gelandet. Es gefällt mir so gut, dass ich meine Reisezeit am liebsten verdoppeln und verdreifachen würde. Es macht wirklich Spaß, und es klappt wunderbar. Das ist mein Zwischenfazit.

Was war denn bisher die spannendste Geschichte, die Sie gemacht haben auf Ihrer Tour?

Zunächst hat mir auch der Kleinkram Spaß gemacht: das Redigieren, das Schreiben der Polizeimeldungen. Das klingt vielleicht nicht so spannend, aber man kriegt ein ganz gutes Gespür dafür, dass es in den verschiedenen Regionen auch wiederkehrende Lokalthemen gibt. In Bayern schimpfen die Leute über die Monsterstromtrasse, in Hannover beschäftigt die Menschen ein ähnliches Thema. Eine schöne Geschichte habe ich für das Straßenmagazin Hinz und Kunzt gemacht. Ich habe mit Obdachlosen unter einer Brücke geschlafen und darüber eine Reportage geschrieben.

Was ist Ihnen im Lokalen begegnet, was Sie vorher nicht unbedingt so erwartet hätten?

Ich wurde überall so gastfreundlich aufgenommen, das war sehr überraschend. Wenn einen fremde Menschen auf der Straße ansprechen und sagen: „Ich habe doch was über Sie in der Lokalzeitung gelesen. Darf ich Ihnen ein Stück Schokoladenkuchen anbieten?“ Das war beeindruckend. Im Lokaljournalistischen überraschte mich die herrschende Zuversicht. Die stellvertretende Chefredakteurin der HAZ, Hannah Suppa, sagte mir, sie glaube fest daran, dass unsere Zunft nicht aussterben werde, solange man sich aufs Lokale fokussiere. Das gefällt mir, denn ich habe auch keine Lust, in diesen Abgesang einzustimmen.

Haben Sie auch Geschichten entdeckt, über die Sie sagen würden: Das war typisch Bayreuth, typisch Pegnitz?

Ja, gerade in Nordbayern. Da habe ich zum Beispiel das Flindern kennengelernt, eine lokale Tradition. Da binden die Leute eine aufgeblasene Schweinsblase draußen ans Wirtshaus, womit man anzeigt, dass diese Gaststätte gerade für die Leute, die vom Feld kommen und die Ernte eingefahren haben, eine Schlachteplatte anbietet. Es gab auch interessante Debatten über ein so genanntes Todesrinnerl in der Innenstadt von Bayreuth. Das ist eine kleine, beleuchtete Wasserrinne, in die immer wieder Leute reinfallen. Ich habe dabei festgestellt, dass es schon wichtig ist, sich als Lokaljournalist gut auszukennen. Da bringe ich natürlich immer ein gewisses Defizit mit, weil ich jedes Mal neu bin und nie weiß, wo was zu finden ist etc.. Umso schöner war es dann, bei meiner alten Heimatredaktion zu sein, wo ich mich besser auskenne. Diesen Lokalbonus erarbeitet man sich eben nur über die Jahre.

Könnten Sie den Kolleginnen und Kollegen im Lokalen empfehlen, mal auf die Walz zu gehen und woanders reinzuschnuppern?

Ja, unbedingt. Die meisten, mit denen ich darüber spreche, sagen auch: Wir würden am liebsten sofort mitkommen.


Die Themen sind unterschiedlich, die Bezahlung auch?

Ja, das reicht von „unterirdisch“ bis „halbwegs okay“. Ich lege immer Wert darauf, so bezahlt zu werden wie die freien Mitarbeiter vor Ort. Das gibt es mal 18 Cent, mal 50 Cent pro Zeile, manchmal auch eine Pauschale. Ich wage zu behaupten, dass man diese unterschiedliche Wertschätzung des Lokaljournalismus den jeweiligen Blättern auch ansieht.

Interview: Stefan Wirner


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Veröffentlicht am 29. September 2014

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