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15. Forum Lokaljournalismus in Osnabrück

Die Macht des Lokalen

Von Andreas Braun, Bundeszentrale für politische Bildung (bpb)


Unter dem Titel „Zwischen Quote und Qualität. Internationale Konzepte für die crossmediale Zukunft der Tageszeitung“ diskutierten 120 leitende Redakteure aus Regional- und Lokalzeitungen vom 17. bis 19. Januar 2007 in Osnabrück die Zukunft der Zeitung. Das 15. Forum Lokaljournalismus wurde von der Bundeszentrale für politische Bildung/bpb und der Neuen Osnabrücker Zeitung (NOZ) veranstaltet.
Die europäische Zeitungslandschaft ist im Umbruch. Trotz Anzeigenflaute, sinkenden Auflagen und immer weniger jungen Lesern stellen die Zeitungsverlage jetzt die Weichen für die Zukunft ihrer Produkte. Denn die neuen Entwicklungen werfen nicht nur Fragen auf, sie bieten auch Chancen für innovative Ideen und neue redaktionelle Konzepte.
Dabei standen aktuelle Trends wie Blogs, Leserreporter oder Podcasts, dass Spannungsfeld zwischen Anzeigengeschäft und redaktioneller Qualität oder die wichtigste Frage der kommenden Jahre, wie gewinnen Zeitungen neue junge Leser, im Vordergrund.
Doch der Fokus blieb nicht auf Deutschland beschränkt. Für den Blick über den Tellerrand sorgten Journalistinnen und Journalisten aus der Schweiz, Österreich und Namibia. Chefredakteur Hubert Patterer erklärte, wie sich die Kleine Zeitung aus Graz in Österreich am Markt behauptet und Dr. Ralf Siepmann zeigte, welche Trends den japanischen Zeitungsmarkt ausmachen. Cathérine Duttweiler, Chefredaktorin des Bieler Tageblattes, schaffte es, die Auflage ihrer Zeitung zu steigern. In Osnabrück verriet die Schweizerin, wie dies gelang und weiterhin gelingen kann.


Das 15. Forum Lokaljournalismus machte deutlich: Die führenden Köpfe der deutschsprachigen Regional- und Lokalzeitungen sehen im  Internet längst keinen Rivalen mehr. Im Gegenteil: „Die Zeitung muss für die Leser das Portal in die digitale Welt sein“, so Verleger Dirk Ippen. Das sich dadurch wandelnde Berufsbild sei eine der großen Herausforderungen für den (Lokal-)Journalisten der Zukunft.

 

Die Zeiungsmacher waren sich einig: Die beste Versicherung gegen den befürchteten Bedeutungsverlust der Tageszeitung ist eine qualitativ hochklassige Berichterstattung. Die Zeitung, die ihren Lesern Orientierung bietet, Hintergründe beleuchtet und Zusammenhänge aufzeigt, die die Welt täglich erklärt, die recherchiert und kommentiert, ist durch kein anderes Medium zu ersetzen.

 
 
Die Berichte von den einzelnen Panels

 
Panel 1: „Crossmedia, Blogs und neue Trends: Herausforderungen für die Redaktion“

Teilnehmer: Berthold Brunsen, Geschäftsführer bremen4u GmbH, Professor Lorenz Lorenz-Mayer, Hochschule Darmstadt, Uwe Knüpfer, Geschäftsführer OnRuhr, Thomas Brackvogel, Verlagsgruppe Holtzbrinck, Katja Riefler Medienberaterin RiSolutions, Jens Nähler, Onlineredakteur hna.de
Moderation: Thorsten Schilling, Leiter des Fachbereichs Multimedia bei der Bundeszentrale für politische Bildung/bpb
Text: Stephanie Wurster, fluter.de

 

„Die entscheidenden Schläge werden mit der linken Hand geführt." Im Klartext: Man darf sich nicht auf die Routine verlassen, sondern muss auch Neues probieren. Mit dem Zitat von Walter Benjamin leitet Thorsten Schilling, Leiter des Fachbereichs Multimedia bei der Bundeszentrale für politische Bildung/bpb, die Diskussion ein. „Bremen4U ist eine zeittypische Kooperation zwischen Print (Weser Kurier), Radio (Radio Bremen) und einer Bank (Sparkasse Bremen)", sagt Berthold Brunsen, Geschäftsführer bremen4u GmbH.

Die Ausgangsüberlegung hinter dem Projekt: Traditionelle Institutionen verlieren den Kontakt zur jungen Zielgruppe, nur die Hälfte der 10-19-Jährigen liest überhaupt Zeitung. Wie kann man junge Menschen erreichen, begeistern, zum Mitmachen bewegen? 2002 wurde die neue Marke erdacht, um junge Menschen in der Bremer Region zu erreichen. Als eingängige Beschreibung wurden die Slogans erdacht: „Eine junge Servicemarke für die Region" oder auch „Deutschlands erstes crossmediales Eventmagazin für Online, Print, Radio und TV".  Die Marke Bremen4U ist in verschiedene Bereiche unterteilt. Das „Paper" ist ein kostenloses Stadtmagazin, das alle 14 Tage erscheint (31.000 Exemplare – Bremen hat 500.000 Einwohner), mit einem herausnehmbaren Kinoprogramm. Online geht es um Entertainment und Lifestyle, aber auch um Jobs und Immobilien – die Unterhaltungsschiene dient als Eingangsportal. Zum in der Innenstadt gelegenen Radiostudio gehört ein öffentliches Café.

Zum Mehrwertkonzept gehört die Bremen4U-Card, die Vergünstigungen in vielen Bereichen bietet. Die Marke Bremen 4U soll in allen Bereichen ein glaubwürdiger Begleiter, Unterhalter und Helfer sein. OnRuhr.de – die Zeitung aus dem Netz. Geschäftsführer Uwe Knüpfer beschreibt die Grundüberlegung des Projektes: Zeitung ist ein Stück Heimat, schafft Gemeinschaft, hält fest. Knüpfer zitiert aus einer Brockhaus-Definition von „Zeitung", aus der hervorgeht: Eine Zeitung muss nicht auf Papier daherkommen, der Inhalt macht die Zeitung aus. Die Zukunft der Zeitung ist der Zeitungsdruck-Automat oder auch die Plastikzeitung. Das Problem bei einer Print-Zeitung, wenn die Auflagen sinken: Die Druck- und Vertriebskosten sind überproportional hoch. Das Herz der Zeitung schlägt im Lokalen – die lokalen Zeitungen haben die größten Auflagen. Das Internet  ist schneller, reichhaltiger und preiswerter als eine Printzeitung – und, so Knüpfer, es gilt als cool. Mit Web 2.0. sei das Netz erwachsen geworden. Gerade im Internet aber wäre es immer schwerer, sich zu orientieren. Auch dort wird nach Heimat und Orientierung gesucht.

OnRuhr erscheint täglich online mit einem ruhrgebietsbezogenen Mantel, ab 00:01 Uhr im Netz. Bald soll es auch Blogs, die Möglichkeit zu Kommentaren unter den Artikeln, Filme, Fotos und Animationen (zum Beispiel Spiele) geben. Man kann jetzt schon einiges bei OnRuhr auch auf englisch und türkisch übersetzt lesen. onruhr.de sei auch auf andere Städte oder Regionen übertragbar, soll ein Angebot für alle Städte im deutschsprachigen Raum sein. Seit 1998 ist die HNA (Hessische/Niedersächsische Allgemeine) im Internet – dieses Jahr verstärkt um Crossmedia-Angebote und Blogs, berichtet Onlineredakteur Jens Nähler. Bei der HNA muss jeder Volontär und jede Volontärin auch mal in den Online-Bereich, wird so automatisch zum Multimedia-Journalisten ausgebildet.

Die Abo-Zahlen der HNA gehen zurück, die Online-Zugriffszahlen steigen. Seit einiger Zeit gibt es Foren, die rege genutzt werden, jetzt soll um Audio (Podcasts) erweitert werden. Einen Podcast gibt es bereits seit September 2006, zwei beliebte Kolumnen aus der Print-Redaktion. Blogs gibt es bei der HNA seit 2005. Seit Januar 2006 existiert auch ein Stadtwiki über Kassel  – mit inzwischen mehr als 6.000 Artikeln, die fast alle von den Usern und Userinnen selbst eingestellt wurden (als Aufhänger wurde zur Einführung des Wikis „100 Jahre Kassel" genommen). Da wurde dann verstärkt crossmedial vernetzt; in der Print-HNA über die User berichtet, sie zu Workshops eingeladen. Bei hna.de, so Nähler, interessiert die Definition von Web 2.0 als „das soziale Netz". 2007 soll in Kooperation mit miaplaza.de eine Netz-Community aufgebaut werden.

Medienhäuser werden zu Marken. Das sei nicht nur ein Schlagwort, meint Medienberaterin Katja Riefler. Das Medium der Erstveröffentlichung ist inzwischen zweitrangig. Es geht nicht mehr nur um den einzelnen Kanal. Riefler stellt zwei crossmediale Strategien aus dem Ausland vor. Zum Beispiel guardian.co.uk von der „Guardian Media Group" aus Großbritannien. Guardian Online ist die erfolgreichste Online-Zeitung weltweit, sie erreicht 7,5 Prozent der britischen Internet-User/innen, das sei enorm. 45 Prozent dieser User/innen hatten schon mal einen gedruckten Guardian in der Hand. Carolyn McCall (Chief Executive der Guardian Media Group) sagt: „Wir wollen die führende liberale Stimme sein. Das geht nur mit Hilfe des Internets." Sie sagt auch: „Medienmarken ohne aktive Community werden in Zukunft gar nicht mehr relevant sein." Der Reiseteil bei Guardian Online heißt „I've been there" und speist sich aus den Reiseerfahrungen seiner Community. Wird zehnmal öfter abgerufen wie der online gestellte Print-Reiseteil. Guardian macht mit „G24" auch Print on Demand. Außerdem gibt es viele hochwertige eigenproduzierte Videos, Untersuchungen haben gezeigt, dass sich das durchaus für das Netz lohnt.

Das zweite Beispiel von Riefler ist news-press.com aus Fort Myers in Florida, diese Online-Zeitung wird von der Gannett-Gruppe gemacht. Dort gibt es einen sogenannten „Crowdsorcing-Ansatz" bei rechercheintensiven Geschichten – das heißt, news-press bittet die User/innen um Aufklärung und Recherchehilfe. Eine andere wichtige Entwicklung siehr Riefler in den neuen Nachrichten-Suchmaschinen, bei denen man Nachrichten nach User-Rankings geordnet findet, sogenannte Social News; eine typische Web-2.0-Entwicklung. Thomas Brackvogel, der bei Holtzbrinck arbeitet, aber auch lange in der Geschäftsführung der „Zeit“ war, beginnt seine Präsentation mit der Hoffnung weckenden Ansage, dass er den Anwesenden Mut zusprechen will, und mit der Warnung, dass er sie auch bange machen will. Online-Journalismus, so Brackvogel, hätte immer als Second-Class gegolten: Es sei ganz selten, dass ein Online-Reporter zu Print aufsteigt, anders herum natürlich oft. Bei der Zeit hätten sie den großen Fehler gemacht, erst abwarten zu wollen, was Online passiert und dann darauf zu reagieren.

Vor anderthalb Jahren habe man sich dann entschieden, den Online-Bereich zu stärken. Mittlerweile verstehe sich die Zeitung als Print und Online – nur so vernetzt können die  beiden Qualitäten gut genutzt werden. Die Studentenbeilage „Campus" erscheint quasi stundenaktuell im Netz, und alle zwei Wochen als Print-Beilage. Die zweite „Krabbelgruppe" (so werden die Projekte intern genannt, weil die Redaktionen sehr jung sind) ist das Jugendmagazin „Zünder", „die größten Stalinisten sitzen hier". Bei Zeit Online werden, ganz gegen die anfängliche Erwartung, gerade die langen Lesestücke, beispielsweise die Dossiers, überdurchschnittlich oft aufgerufen. User-Kommentare werden sofort durch die Redaktion überprüft. Es gebe allgemein eine Tendenz, zu schnell vor dem Internet zu kapitulieren.

Beispiel Nokia: Da hat der schnelle Umstieg von Gummistiefel auf Handys bestens funktioniert. Werbekunden müssen auch online gebunden werden. Damit die Gelder nicht versiegen, müssen die Online-Leser/innen das verstehen und unterstützen. Da ist ein Umdenken erforderlich. Brackvogel: Wir müssen alle anfangen, unsere publizistische Welt neu zu ordnen. Wir werden eine Erosion bei den Anzeigenpreisen erleben und auch bei den Nutzerzahlen. Wir müssen den Leuten klarmachen, dass wir Geld verlangen müssen. Diejenigen Marken werden überleben können, die durch Qualität und Glaubwürdigkeit einen Wert geschaffen haben.

Professor Lorenz Lorenz-Mayer bildet an der Hochschule Darmstadt im Studiengang „Online-Journalismus“ den Nachwuchs aus. Diesen Studiengang gibt es seit 2001, er wird zurzeit auf Bachelor und Master umgestellt. Eine vergleichbare Ausbildung in Deutschland ist vielleicht „Online-Redakteur" in Köln. In dem Studiengang Online-Journalismus geht es 80 Prozent um den „normalen" Journalismus. Anfangs wurde noch html gelehrt. Dann hat man begriffen, dass es wichtiger ist, den Umgang mit Content Management Systemen (CMS) zu lehren. Foren, zeigt die Erfahrung, bringen keinen Nutzen, funktionieren nicht.

Die Blogosphäre aber könnte eine neue Form von Grasswurzel-Journalismus sein. Im Studium werden Blogs als Schwellenjournalismus ernstgenommen. Es gibt eine gesenkte Eintrittsschwelle zum professionellen Journalismus. Die Grenzen verschwimmen. Mit dieser Durchlässigkeit vom Profi zum Amateur muss man ungehen können. Die Blogosphäre ist ein Resonanzraum des professionellen Journalismus. Deshalb muss man auf eine große Flexibilität hin ausbilden: Wie kann ich aus einer Geschichte einen Text, einen Film, ein multimediales Dossier machen? Welche Form eignet sich jeweils? Die Journalisten machen sich – leider – allzu oft die Sorgen der Verleger.


 

 
Panel 2: „Von erfolgreichen Macherinnen und Machern lernen: internationale Konzepte"

Teilnehmer: Cathérine Duttweiler, Chefredaktorin Bieler Zeitung, Peter Hartmeier, Chefredaktor Tages-Anzeiger, Hubert Patterer, Chefredakteur Kleine Zeitung, Dr. Ralf Siepmann, Loge Media, Dirk Heinrich, Redakteur Allgemeine Zeitung
Moderation: Berthold L. Flöper, Leiter des Lokaljournalistenprogramms der Bundeszentrale für politische Bildung
Text: Barbara Lich, Bundeszentrale für politische Bildung


Bei Regen wird die Morgenröte eingeschweißt. Das ist Service für die Kunden – und die stehen in Japan, dem „größten und am meisten verkannten Zeitungsmarkt", so Dr. Ralf Siepmann von Loge Media Bonn, „im Zentrum des Tuns und Denkens". Die Morgenröte ist mit acht Millionen Exemplaren das größte Blatt Japans, die Nachmittagsausgabe „Fliegende Blätter“ mit aktualisierten Nachrichten hat eine Auflage von vier Millionen. „Krisenfest" sei der Pressemarkt, sagt Japan-Kenner Siepmann, und auch: „Erfolgreiche Modelle sind immer übertragbar." 70 Millionen Zeitungen erscheinen in Japan täglich, der Auflagenverlust der vergangenen fünf Jahre insgesamt liegt bei 1,5 Prozent. Was machen die Japaner anders? „Die klassischen Ressorts werden regelmäßig evaluiert und inhaltlich geprüft", sagt Siepmann. Markt- und Publikumsforschung habe einen hohen Stellenwert. Die Redakteure riefen sogar selbst in privaten Haushalten an, um sich bei den Lesern nach Themenwünschen und Interessen zu erkundigen.

Einfach mal nachgefragt haben auch die Kollegen von der Bieler Zeitung in der Schweiz: Für das Projekt www.smartvote.ch wurde ein Fragebogen entwickelt, mit dem die Redaktion die Einstellungen ihrer Leser zu politischen Alltagsthemen abklopfte. Das Ziel: eine maßgeschneiderte, individuelle Wahlempfehlung. 35.900 Mal wurde dank smartvote eine Partei empfohlen – das waren immerhin 17 Prozent der Stimmberechtigten. Nicht zuletzt bot das Projekt eine Fülle an Themen für die Berichterstattung und war so eine „Win-Win-Win-Situation", sagt Chefredaktorin Cathérine Duttweiler: Politiker, Zeitung und Leser haben profitiert. Der Tagesanzeiger in Zürich, bisweilen verniedlichend „Tagi" genannt, hat in der jüngsten Vergangenheit vor allem auf eine Ausweitung und Vertiefung der Lokalberichterstattung gesetzt und neue Regionalausgaben gestartet.

„Ich weiß nicht, ob wir wirklich erfolgreich sind", sagt Tagi-Chefredaktor Peter Hartmeier, „aber wir müssen in unserer Branche viel mehr Risiken eingehen." Hubert Patterer, Chefredakteur der Kleinen Zeitung in Graz, setzt voll auf Mulitmedia. Er will die „Regionalität vom Geruch des Provinziellen frei halten“ und vor allem eines nicht sein: ein „Lokalblattl“. Weblogs und Bürgerjournalismus – bei der Kleinen Zeitung sind das längst keine Fremdworte mehr. Die Pressekonferenz zur Regierungsbildung in Österreich kommentierte etwa der Politikchef der Zeitung für den Online-Auftritt. Wer wollte, konnte dem Audio-File im heimischen Wohnzimmer lauschen.

Die Allgemeine Zeitung (AZ) in Windhouk/Namibia kämpft erst einmal mit den Entfernungen des Landes: Die 6.000 Exemplare müssen im ganzen Land verteilt werden, erzählt Dirk Heinrich von der AZ. Von Leserreportern lässt sich die deutsche Zeitung noch nicht beliefern. Außer es regnet. Dann stapeln sich Bilder aus allen Ecken Namibias auf den Redaktionsschreibtischen.



Panel 3: „Wir lassen uns nicht erpressen: PR und Anzeigengeschäft dürfen die Qualität nicht verdrängen"

Teilnehmer: Prof. Dr. Wolfgang Donsbach, TU Dresden, Wilhelm Klümper, stellvertr. Chefredakteur WAZ (Essen), Dr. Thomas Leif, Vorsitzender Netzwerk Recherche und
 Lutz Tillmanns, Geschäftsführer Deutscher Presserat.
Moderation: Ingeborg Salm-Boost, Lokalchefin Wiesbadener Kurier
Text: Axel Bürger, Lippische Landes-Zeitung (Detmold)


Fazit vorweg: Der Beruf des Journalisten muss wieder unverwechselbarer werden! Es ging in erster Linie um Tools für eine gesunde Distanz zum Handel/Industrie, aber auch um Grenzverschiebungen zwischen Redaktion und PR.
Kernthesen und Zitate:
 „Es gibt ein Ethik-Vakuum im Journalismus" (Dr. Thomas Leif)
 „Einem Viertel der PR-Macher wird von Lokalredaktionen Unterstützung durch  Texte angeboten, wenn sie Anzeigen schalten"(Prof. Dr. Wolfgang Donsbach)
 “Es kann ein Fehler sein, wenn Chefredakteure in die Geschäftsleitung mit  einbezogen werden" (Donsbach)
 “Bei uns sind Geschenke im Wert von über 35 Euro an Redakteure verboten" (Wilhelm Klümper)
 „Wir wollen eine stärkere Emanzipation von den politischen Eliten“(Klümper)
 „Die Verleger haben nicht das Diktat im Presserat“ (Lutz Tillmanns)
 „PR ist eine legitime Sicht auf die Wirklichkeit, aber sie muss gefiltert  werden“ (Donsbach)
In Panel 3 entzündete sich eine Debatte an der Wirksamkeit des  Presserates. Während Leif die Meinung vertrat, der Presserat  bleibe hinter den Erwartungen zurück, wies Tillmanns diesen Vorwurf  zurück. Ebenfalls strittig war kurzzeitig, ob es richtig wäre, zwischen Anzeigenverkauf und Redaktion in den Verlagen wieder eine Mauer aufzubauen (metaphorisch), um die Abgrenzung stärker leben zu können. Beispiel für ein Problem: Geht ein Verlag eine Medienpartnerschaft mit  einem Veranstalter ein, beispielsweise, weil eine Party oder ein Event von  dem Verlag massiv unterstützt wird, kann die Redaktion nachher über die  Veranstaltungen kaum noch unabhängig berichten. In diesem Zusammenhang erwähnte Donsbach, dass bei einer Befragung von 250 Zeitungsredakteuren 80 Prozent angegeben hätten, sie würden auf Anzeigenkunden in ihrer Berichterstattung Rücksicht nehmen. Ingeborg Salm-Boost, die Moderation, war nach der Diskussionsrunde  hocherfreut über den Austausch. „Immer wieder wurde betont, dass die  Akzeptanz des Printprodukts von Qualtität und Glaubwürdigkeit abhängt.  Glaubwürdigkeit ist gefährdet, wenn die klare Abgrenzung zu PR fehlt. Keine Frage, dass Kooperationen im redaktionellen Zeitungsgeschäft nötig sind, aber eben nicht um jeden Preis.“
 

 
Panel 4: „Politik neu denken"

Teilnehmer: Matthias Friedrich, Chefredakteur Wiesbadener Kurier, Harald Heuer, stv. Leiter der Journalistenschule Ruhr, Christoph Irion, Chefredakteur Reutlinger General-Anzeiger, Dieter Schreier, Chefredakteur Hanauer Anzeiger
Moderation: Lutz Feierabend, stv. Chefredakteur Kölner Stadt-Anzeiger
Text: Uwe Haring, Oldenburgische Volkszeitung (Vechta)



Politik. Das Wort kommt aus dem Griechischen und meint „Bürgerrecht". Damit ist Politik ein ureigenes Thema für Lokaljournalisten. Eigentlich. Doch der Alltag in vielen Redaktionen sehe anders aus, sagte Dieter Schreier und nahm neben den Journalisten gleich die ganze Gesellschaft in die Pflicht: „Wir alle haben den Riesenfehler gemacht, die Politik den Politikern zu überlassen.“ Viele Medien hätten „Politik verpackt als Infotainment" und damit „den Kern und die eigentliche Nachricht weggelassen".

Dieter Schreiers pointierter Appell: Die Lokaljournalisten müssten „runter vom Balkon der grantelnden Opas in der Muppet-Show", wieder „Politik lernen und büffeln" und „neue Wege der Bürgerbeteiligung nutzen". Vor allem aber: Lokaljournalisten sollten „Politik als eines der wichtigsten Themen begreifen“ und sich dabei auch „gegen den Mainstream stellen". Er habe in Hanau erlebt, „dass Mut zur Minderheitenposition honoriert" wird.

Eine Erfahrung, die auch Matthias Friedrich gemacht hat. „Lokaljournalismus muss mal gegen den Strom schwimmen". Und er rief auf zum Mut, die vermeintliche Chronistenpflicht aufzugeben. Stattdessen sollten Redaktionen selektieren und sich auf emotionale Themen konzentrieren – etwa auf die Diskussionen um Kindergartenplätze, Schwimmbäder oder den ÖPNV. Matthias Friedrich warb vor allem für ein „Multichannel-Denken bei der Partizipation" und brachte ein konkretes Beispiel: „Was spricht dagegen, eine sorgfältig recherchierte Hintergrundgeschichte schon Tage vor ihrer Veröffentlichung in der Zeitung ins Internet zu stellen und erst später zusammen mit Ergänzungen und Anmerkungen der Leser ins Blatt zu nehmen?" So könne eine Zeitung zeitgemäß ihrer Anwaltsfunktion gerecht werden. Eine weitere Form von Bürgerbeteiligung abseits etablierter Formen brachte auch Christoph Irion ins Gespräch. Der Reutlinger General-Anzeiger habe gute Erfahrungen damit gemacht, zu einer brisanten kommunalpolitischen Diskussion eigens eine Forsa-Umfrage in Auftrag zu geben. „Wir dürfen Reizthemen nicht nur dem Gemeinderat überlassen." Redaktionen müssten mutig und selbstbewusst sein – und „immer wieder reingrätschen".

Christoph Irion forderte auf, „das etablierte Handwerkszeug neu zu justieren". Aktives Agendasetting sei etwas anderes als „das klassische Herunterzoomen" großer Themen. „Journalisten müssen das Politische im Unpolitischen entdecken." Wichtige Konsequenz für Journalisten wie auch für Leser: „Politik macht Spaß – wenn der Umgang damit stimmt."

Wie Lokaljournalisten den Umgang mit Kommunalpolitik erleben, weiß Harald Heuer aus vielen Gesprächen – und fand es bei einer Tagung der Bundeszentrale für politische Bildung Ende November in Regensburg bestätigt. Etwa 20 verantwortliche Redakteure aus ganz Deutschland haben Schwachstellen analysiert, über mögliche neue Strukturen nachgedacht und Maßnahmen zur Qualitätssteigerung besprochen. Harald Heuer fasste die Erkenntnisse griffig zusammen: Vielen Redaktionen fehlten verbindliche Ziele (Standards und Konzepte), es gebe Defizite in der Kommunikation (Konferenzwesen und Briefing), das Personalmanagement lasse zu wünschen übrig (Altersstrukturen und „verbeamtete Redakteure"). Und sein Appell in Sachen Inhalt kann als Fazit der ganzen Diskussion gelten: „Kommunalpolitische Berichterstattung ist existenziell wichtig. Wenn Tageszeitung sie nicht leistet, wer dann?"
 

 
Panel 5: „Zeitung macht schlau: So gewinnen wir die Jüngsten"


Teilnehmer: Dr. Kerstin Goldbeck, Referentin Medienpolitik Bundesverband Deutscher Zeitungsverleger, Martin Korte, Redakteur Westfalenpost (Hagen), Joachim Frank, stellv. Chefredakteur Kölner Stadt-Anzeiger, Jürgen Haar, Chefredakteur Sindelfinger Zeitung/Böblinger Zeitung
Moderation: Sabine Schicke, stellv. Lokalchefin Nordwest-Zeitung (Oldenburg)
Text: Barbara Lich, Bundeszentrale für politische Bildung

 

Zeitung und junge Leser – neu ist das Thema nicht, auch wenn es derzeit in den Verlagen ganz weit oben auf der Agenda steht. Der Bundesverband Deutscher Zeitungsverleger (BDZV) engagiere sich seit den 1970er-Jahren in diesem Bereich, berichtet BDZV-Referentin Dr. Kerstin Goldbeck.

Das Projekt „Zeitung in der Schule" etwa gibt es seit 1979. Dennoch: Internet und neue Medien haben den Konkurrenzkampf um die Aufmerksamkeit der Kinder und Jugendlichen angefeuert, die Gunst der jüngsten Rezipienten zu gewinnen, ist gerade für die Zeitung zu einer immer größeren Herausforderung geworden. Wie man dieser begegnet, dafür gibt es kein Patentrezept, wohl aber die ein oder andere Idee, die funktioniert.

Die Westfalenpost in Hagen will „die Kinder ihrem Alter entsprechend ernst nehmen", sagt Redakteur Martin Korte, der die wöchentliche Seite „Kinderpost" und die täglichen Nachrichten für Kinder betreut. Fern von Ausmalbildchen setzt er auf Aufmachergeschichten aus der Lebenswelt der Kinder, Erklärstücke und Nachrichten. Joachim Frank, stellvertretender Chefredakteur des Kölner Stadt-Anzeigers, ist skeptisch, wie nachhaltig so manche Print-Angebote für Kinder und Jugendliche sind, auch die aus dem eigenen Haus.

Der Stadt-Anzeiger bringt derzeit ebenfalls eine wöchentliche Kinderseite. In Zukunft wolle man im Verlag jedoch verstärkt auf crossmediale Angebote setzen, so Frank. Denn: „Print alone ist obsolet." Deshalb hat auch die Sindelfinger Zeitung/Böblinger Zeitung mit der Seite www.schlauleser.de ein Portal für junge Leute im Netz aufgebaut. Chefredakteur Jürgen Haar sieht in den Projekten auch eine Chance auf dem Anzeigenmarkt: Eine Refinanzierung der Angebote sei möglich, sagt Haar. Die Kinderzeitung des Verlags würde beispielsweise auch in Schulen verteilt. Für potentielle Anzeigenkunden sei das attraktiv.