drehscheibe.org > Themen > Interviews > Ich lasse mir von meinen Lesern die Welt erklären

Interviews

Lars Reckermann ist Chefredakteur der Schwäbischen Post.

tl_files/drehscheibe/Themen/Interviews/Interviews_2015/Lars_Reckermann.jpg 

„Ich lasse mir von meinen Lesern die Welt erklären“

„Ich bin dann mal da“, sagt Lars Reckermann, Chefredakteur der Schwäbischen Post, jedes Jahr im Sommer zu seinen Lesern und wandert gemeinsam mit ihnen durch die Provinz. Beim ersten Mal wollten nur zwei Leute mitwandern. Später wurde Reckermann schon mal von einem ganzen Kirchenchor begrüßt. Eine empfehlenswerte Sommeraktion für die Leser-Blatt-Bindung: Manch ein Begleiter habe am Ende sogar zugegeben, dass die Leute von der Presse auch nur ganz normale Menschen seien.

Herr Reckermann, auch in diesem Jahr wandern Sie in der Urlaubszeit wieder mit Lesern durch die Provinz. Warum machen Sie das?

Als ich vor anderthalb Jahren hier bei der Schwäbischen Post anfing, habe ich mir überlegt, wie ich als Neuling, der aus dem Ruhrgebiet ins Schwabenland kam, an die Menschen rankommen könnte. Die Schwaben sind nämlich gar nicht so leicht zu knacken. Und hier in der Gegend gibt es ja viele tolle Wanderwege, Natur ist ein großes Thema. Da kamen wir in der Redaktion auf die Idee, dass ich einfach den umgekehrten Harpe Kerkeling mache. Er war ja dann mal weg, und ich sage: Ich bin dann mal da.

Wie fing das Ganze an?

Wir haben uns relativ willkürlich zehn Orte ausgesucht, wo ich wandern wollte. Und damit es in einem bestimmten Rahmen bleibt, war die Vorgabe, dass ich mich immer an einem bestimmten Tag um zehn Uhr am Rathaus des Ortes einfinde, und wer Lust hat, kann ohne Voranmeldung mit mir losziehen. Dann wandern wir zwei Stunden, das ist der Rahmen, damit jeder mitkommen kann, auch wenn er zum Beispiel mal Kinder dabei hat. Wir sagen auch vorher im Rathaus Bescheid, dass wir da stehen werden, damit sich niemand wundert und wir auch niemandem in die Quere kommen, wenn da etwa ein Fest geplant ist oder etwas ähnliches. Die Bürgermeister haben inzwischen einen gewissen Ehrgeiz entwickelt und versuchen, uns ein bisschen was zu bieten. Es gibt in der Gegend auch sehr gut organisierte Alpvereine, da tauchen dann oft Leute auf, die sich vorher schon was ausgedacht haben, eine besondere Route, die man entlangwandern kann etc.

Sie wissen vorher nicht, wo Sie lang gehen werden?

Nein, ich will ja, dass mir die Leute schönen Strecken zeigen.

Wie viele Leute kamen beim ersten Mal?

Da waren wir nur zu dritt, was sehr witzig war. Wir trafen uns im kleinen Waldhausen, das zu Aalen gehört, und sind zu dritt durch den Ort gewandert. Meine beiden Begleiter haben mir gezeigt, wo das Dorffest gefeiert wird, wo das Neubaugebiet liegt, das war wirklich sehr urig. Und irgendwann entstand daraus eine Eigendynamik. Mit der Zeit bekamen das die anderen Orte mit, und es wurden immer mehr Teilnehmer. In Kirchheim wurde ich schon vom Kirchenchor begrüßt. Ich bin wirklich errötet dabei, das war ja nicht zu erwarten gewesen.

Wurden es mit der Zeit immer mehr Teilnehmer?

Ja, in Essingen waren wir schließlich 75 Leute. Der Deal ist ja auch, dass ich nach der zweistündigen Wanderung zur Mittagszeit alle auf einen Imbiss und ein Getränk einlade. Vesper ist hier in der Region ein großes Thema. Vorher rufe ich immer unser Orga-Team an und gebe durch, wie viele Leute wir sind. In Essingen musste das Restaurant dann tatsächlich den Saal räumen, als wir da mit 75 Leuten reinkamen. Ich muss zugeben, die Leberkässcheiben waren da ein bisschen dünner, auf diesen Ansturm waren wir nicht vorbereitet.

Informieren Sie sich vorher über die jeweiligen Orte?

Nein. Ich bereite mich wirklich überhaupt nicht vor, denn dann würde ich ja keine spannenden Fragen mehr stellen.
ließ.

Was erfährt man denn dabei so Besonders?

Unglaublich spannend finde ich diese kleinen Geheimnisse, die man uns zeigt. Zum Beispiel in Rainau-Schwabsberg, das ist ein ganz kleiner, völlig idyllischer Ort nahe Ellwangen. Da waren wir acht oder neun Leute. Und da ging jemand mit, der meinte, er wolle uns mal die alte Friedhofskappelle zeigen. Das entpuppte sich wirklich als ein Kleinod. Der Weihwasserbehälter ist ein Totenkopf, an den Seiten der Kapelle hängen lauter Familienwappen, das ist wirklich beeindruckend. Alleine hätte ich das nie gefunden, und selbst Leute aus der Gegend mussten gestehen, dass sie die Kapelle nicht kannten.

Über was reden Sie mit den Leuten während der Wanderung?

Am Anfang gibt es immer Kritik. Da kommt dann ein Vereinsvorsitzender auf mich zu und beschwert sich ein bisschen darüber, wie sein letzter Text behandelt wurde. Andere sagen, wir würden viel öfter über den Nachbarort berichten als über den eigenen. Aber solche Dinge kann man den Leuten auf so einer Wanderung dann wunderbar erklären. Außerdem haben sie meist ein großes Interesse an meiner Person, da soll ich dann erzählen, wie das Leben im Ruhrgebiet so ist, und es sind viele eben auch stolz auf ihre Region und wollen mir alles zeigen, was es an Sehenswertem gibt. Ein Herr ist acht Mal mit mir mitgewandert, irgendwann habe ich ihn gefragt warum. Da sagte er, er komme von der Ostalb und könne es nicht zulassen, dass so ein „Reingeschmeckter“ am Ende seine Heimat besser kenne als er selbst.

Wie wird die nächste Route aussehen? Welche Stationen sind geplant?

Wir haben uns wieder zehn Orte ausgesucht, die ich in der Zeit zwischen dem 31. Juli und dem 21. August besuche. Dieses Mal geht es zum Beispiel in die Gegend rund um Schwäbisch Gmünd – aber nicht in den Ort selbst, denn darüber steht ja sowieso immer etwas in der Zeitungen, zu uns gehört ja auch die Gmünder Tagespost. Wir gehen lieber in die ganz kleinen Orte, Lorch, Waldstetten, wo wenig los ist und über die wir wenig berichten. So zeigt man den Menschen dort: Die Zeitung ist auch für euch da. Außerdem hat man, wenn man zwei Stunden gewandert ist, den Block voller Geschichten. Das ist ja der Nektar, auf den wir angewiesen sind.

Wie berichten Sie darüber?

In der Regel schreibe ich nach der Wanderung einen Text darüber, das wird immer eine ganze Seite mit vielen Fotos, die ich selbst mache, ich will ja subjektive, persönliche Eindrücke wiedergeben. Wir haben es diesmal aber ein bisschen intensiver vorbereitet, ich bin schon mal in jeden Ort gefahren und habe mich von unserem Fotografen am Ortseingangsschild fotografieren lassen. Das machen wir vor allem für die Ankündigung und die Übersichtskarte, die wir vorab veröffentlichen.

Haben Sie das Gefühl, dass Sie Ihr Ziel erreicht haben und nicht mehr als der „Reingeschmeckte“ wahrgenommen werden?

Ich kokettiere ja, ehrlich gesagt, auch ein bisschen damit. Zum Beispiel in unserer Rubrik „Guten Morgen“ oder auf meinem Blog, der heißt „WestfAalen“ – also bewusst mit Doppel-A wie Aalen. Ich wollte den Leuten ja vor allem die Sorge nehmen, dass da ein Neuer kommt, der ihnen die Welt erklären will. Ganz im Gegenteil: Ich lasse mir lieber von meinen Lesern die Welt erklären. Einen engeren Kontakt zu den Lesern kann man gar nicht haben. Zu den Wanderungen kommen zwar selten die jungen Digital Natives, es handelt sich eher um etwas älteres Publikum, aber diese Leser muss ich ja nicht vergessen, nur weil wir uns in der digitalen Transformation befinden. Der Schwabe öffnet sich nicht so schnell. Hier in der Gegend sagt man: nicht geschimpft ist gelobt genug. Aber nach dem Imbiss gibt es dann schon manchmal Lob, und die Leute sagen: So schlimm seid ihr ja gar nicht. Ihr seid ja eigentlich ganz normal.

Interview: Stefan Wirner

Kontakt:

Lars Reckermann
Chefredakteur
Schwäbische Post
Bahnhofstraße 65,
73430 Aalen
Telefon: 07361 – 59 41 70
E-Mail: l.reckermann@sdz-medien.de
www.schwaebische-post.de

Hier geht's zum Blog von Lars Reckermann

Veröffentlicht am 29. Juni 2015

trenner
Share |

Kommentare