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Die Digital News Initiative von Google: Finanzspritze für den Journalismus

Wenn man das Verhältnis zwischen Google und manchen Verlagen als verbesserungswürdig bezeichnen würde, wäre das eher untertrieben. Um das Klima zu verbessern, hat der amerikanische Konzern im vergangenen Jahr gemeinsam mit zahlreichen europäischen Verlagen die Digital News Initiative formiert, die „an jeder Stelle des Nachrichten-Ökosystem“ ein „neues Denken ermöglichen“ will. Google stellt bis 2018 insgesamt 150 Millionen für innovative journalistische Projekte bereit, über deren Vergabe die Mitglieder der Initiative mitentscheiden.

Zur Website der Google News Initiative

Zu den Mitgliedern der Initiative gehören aus Deutschland beispielsweise Spiegel Online, die Bauer Media Group, der Mannheimer Morgen und die Schwäbische Zeitung. Über die Vergabe der Zuschüsse entscheiden ein 13-köpfiger „Council“ und ein siebenköpfiges Projektteam, jeweils zusammengesetzt aus Google-Angestellten und externen Fachleuten. Im „Council“ sitzen unter anderem Katharina Borchert, früher Chefredakteurin vor Derwesten.de, die heute für den Browseranbieter Mozilla tätig ist, und Veit Dengler, der Vorstandsvorsitzende der Mediengruppe der Neuen Zürcher Zeitung.

In der ersten Wettbewerbsrunde hat unter anderem der Berliner Tagesspiegel Geld aus dem Innovationsfonds zur Verfügung gestellt bekommen - für die Weiterentwicklung seiner Online-Debatten-Plattform „Causa“ (Untertitel: „Argumente. Autoren. Zusammenhänge“). Dieses Vorhaben fördert der Fonds mit rund einer Viertelmillion Euro. Bei „Causa“ kommen Fachleute mit Gastbeiträgen zu Wort: Politiker, Universitätsprofessoren, oder auch - etwa, wenn es um den Unterschied zwischen Terroristen und Amokläufern geht - eine Fachärztin für Psychiatrie und Physiotherapie.

Die Besonderheit der Debatte besteht darin, dass die Autoren im Rahmen ihrer Beiträge kurze, maximal 120 Zeichen umfassende zentrale Argumente festlegen müssen, die die anderen Debattenteilnehmer bewerten können. So bekommt ein Nutzer Aufschluss darüber, in welchen Punkten die Autoren übereinstimmen und in welchen nicht. Für die sonntägliche Druckausgabe des Tagesspiegel wird dann jeweils ein Thema ausgewählt. „Zerstört Fußball den Sport?“ lautete zuletzt einer der Fragestellungen, die sich auf die mediale Vormachtstellung des Fußballs bezog.

Der Tagesspiegel: Landkarte der Argumente


Anna Sauerbrey, die verantwortliche Redakteurin für „Causa“, sagt, es gebe „einen bis Anfang 2017 reichenden Projektplan, der drei wesentliche Verbesserungen vorsieht“: Die erste Maßnahme, die mit dem Fördergeld umgesetzt werden soll, betrifft eine sogenannte Landkarte der Argumente. Auf der wird optisch verdeutlicht, wie die Debattenteilnehmer zu einander stehen. Autoren, die inhaltlich ähnliche Positionen vertreten, sind auch auf dieser „Landkarte“ nahe beieinander angeordnet.

„In Gesprächen, auf Workshops und bei Präsentationen auf Konferenzen haben wir festgestellt, dass diese Karte für den normalen Nutzer nicht zugänglich genug ist. Wir denken darüber nach, wie sie noch intuitiver werden kann“, erläutert Sauerbrey. Im August endete eine öffentliche Ausschreibung für eine optimierte Visualisierung, dotiert mit 5.000 Euro. Ein weiteres Vorhaben von Sauerbrey und ihren Kollegen: die Interaktivität verbessern. „Causa“ startete ohne Community-Funktion - was für ein Debattenportal natürlich kein Idealzustand ist. Auch die Leser sollen die zentralen Argumente bewerten und sich damit in die Debatte der Experten einschalten können.

Zum Debattenportal „Causa“ des Tagesspiegels.

 

Der Großteil des Fördergeldes fließt in diese beiden technische Weiterentwicklungsschritte, einen Teil der Summe will das „Causa“-Team aber auch für zusätzliche Honorare aufwenden. Im Sommer haben Sauerbrey und ihre Kollegen ein Team von Kolumnisten zusammengestellt, das regelmäßig für die Plattform schreibt. Darunter Wahlforscher Torsten Faas (Oberthema „Was mit Wahlen“). Oder Sylke Tempel, Chefredakteurin der von der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik herausgegebenen Zeitschrift Internationale Politik, die unter anderem schaut „was Erdogan mit Trump, Le Pen und Putin gemeinsam hat“.


Die Tagesspiegel-Redakteurin Sauerbrey ist seit Anfang des Jahres freigestellt für „Causa“, sie ist dabei zur Hälfte als Redakteurin und zur Hälfte als Projektmanagerin tätig. Seit Anfang Juni gibt es ein festes Team, das neben Sauerbrey aus drei weiteren Kollegen besteht, darunter zwei Entwicklern. Darüber hinaus erledigen diverse Mitarbeiter aus Redaktion und Grafik neben ihren üblichen Tätigkeiten Aufgaben für „Causa“.

 

Die digitale Ausgabe der FAZ

Das Vorhaben der Berliner ist eines von europaweit 128, das die News Initiative in der ersten Runde mit insgesamt 27,3 Millionen Euro unterstützt. Aus Deutschland war in der ersten Runde auch die Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ) erfolgreich: Sie entwickelt mit dem Geld einen Mechanismus, der es möglich machen soll, digitale Zeitungsinhalte für Smartphone, Tablet und PC individuell aufzubereiten - unter anderem unter Berücksichtigung der Vorlieben der Nutzer und der Nutzungssituation.

Vor allem des Zeitbudget, das einem in einer bestimmten Situation zur Verfügung steht, soll bei der Auswahl der Nachrichten, die man über diese App geliefert bekommt, eine Rolle spielen. „Wenn jemand in der Supermarktschlange steht und wissen will, ob die Welt noch steht, bekommt er etwas anders geliefert, als wenn er mit dem Tablet auf dem Sofa sitzt und eine halbe Stunde Zeit hat, sich zu informieren“, sagt Mathias Müller von Blumencron, der Digital-Chefredakteur der FAZ. Das neue Angebot werde eine Mischung aus „aggregierten“ und auf die Interessen des Nutzers zugeschnittenen Informationen liefern. „Je knapper die Zeit ist, die jemand zur Verfügung hat, desto stärker werden die Inhalte von Redakteuren bestimmt. Und je mehr Zeit jemand zur Verfügung hat, desto personalisierter werden die Inhalte“, erläutert er.

 

Das Petitionsportal der Aargauer Zeitung

In der Schweiz gehört die Aargauer Zeitung zu den Gewinnern der ersten Wettbewerbsrunde. Mit dem Geld baut dort ein Team ein Petitionsportal auf, das die Beteiligung von Bürgern an gesellschaftlichen Prozessen vor Ort fördern soll. Nutzer sollen dort Anliegen aus ihrem lokalen Umfeld präsentieren und zur Abstimmung stellen können. Erreicht jemand ein Mindestmaß an Zustimmung, werde seine Petition an den zuständigen Stadtpräsidenten oder Gemeinderat weitergeleitet, sagt Peter Neumann, der Chief Digital Office des Verlagshauses AZ Medien. Der nächsthöhere Zustimmungsstatus werde damit belohnt, dass „einer unserer Reporter vorbei kommt und sich der Sache annimmt“.


„Wie viel Zustimmung braucht man, damit ein bestimmter Status erreicht wird“ - das sei eine der Fragen, an denen das Projektteam derzeit arbeite, sagt Neumann. In einem Land, in dem Gemeinden mit wenigen hundert Einwohnern nicht ungewöhnlich seien, könne man keine absoluten Zahlen als Maßstab nehmen, ergänzt er. Aber Prozentzahlen seien auch keine geeignete Bemessungsgrundlage. „In einer 700-Seelen-Gemeinde kann man von Haus zu Haus gehen, um für seine Sache zu werben“, sagt Neumann. Da sei es leichter, 500 Zustimmungs-Klicks zu bekommen als in einer Stadt, in der 12.000 Menschen.


Zur Diskussion steht auch, wie lange eine Petition abrufbar sein soll. „Wir tendieren eher zu drei Wochen als zu drei Monaten“, sagt Neumann. „Unsere Vorstellung ist, dass jemand eine Petition ins Netz stellt, weil er sich ärgert und etwas ändern will. Der will nicht drei Monate warten, bis etwas passiert.“


Im November, so Neumann, soll und muss - denn entsprechend lauteten die Vorgaben von Google - alles fertig sein. In jenem Monat fällt auch eine wichtige Entscheidung seitens der Digital News Initiative. Sie wird dann bekannt geben, welche Projekte im Rahmen in der zweiten Runde des Wettbewerbs gefördert werden.

 

Text: René Martens

 

Veröffentlicht am 15. August 2016

 

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