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Interviews

Molly de Aguiar ist Communication Director der Geraldine R.  Dodge Foundation, die das Projekt „Local News Lab“ betreibt.

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„Der Lokaljournalist muss zum Dienstleister werden“

Traumjob oder doch Mission Impossible? Zwei Millionen Dollar überwies die Knight Foundation Anfang des Jahres an Molly de Aguiar und ihre Kollegen. Ihr Auftrag: Nichts Geringeres als den amerikanischen Lokaljournalismus zu retten. Denn „Local News Lab“ in New Jersey soll als eine Art Laboratorium für Experimente im Lokalen dienen. Mit sechs hyperlokalen Webseiten startete das Pilotprojekt in diesem Sommer. Insbesondere sollen de Aguiar und ihr Team den Journalisten helfen, neue Finanzierungsmodelle aufzutun. Mit dabei unter anderem das Brooklyn News-Blog „Sheephead Bay“, das als eines der besten hyperlokalen Blogs Amerikas gilt. Der drehscheibe erklärt de Aguiar, warum sie nicht auf die Paywall setzt und wie die Rolle der Lokaljournalisten sich gerade radikal verändert – zum Besseren.

Mit einem Klick geht's zum Blog des Local News Lab.

Vor fünf Monaten ging Ihr Experiment „Local News Lab“ an den Start, was haben Sie bisher gelernt?

Wir haben gerade angefangen, mit verschiedenen Geschäftsmodellen zu experimentieren und sind dabei, herauszufinden, wie Nachhaltigkeit für Lokaljournalismus aussehen könnte. Mein Kollege Josh Stearns hat sich mit unseren sechs Partner-Webseiten zusammengesetzt und erarbeitet, welche Herausforderungen dort gemeistert werden müssen. Wir wissen, dass es kein Universalkonzept für alle gibt, da die unterschiedlichen Webseiten auch unterschiedliche Probleme haben. Zum Beispiel haben zwei unserer Partner auch eine Printausgabe, deshalb haben wir eine Facebook-Gruppe gegründet, in der sich sehr kleine Webseiten über ihre Print-Produkte austauschen können und voneinander lernen können. Einer unserer Lokaljournalisten hat sogar im Moment nur eine Facebook-Seite, daher helfen wir ihm jetzt, eine eigene Webseite aufzubauen und sie zu finanzieren. Wir überlegen gerade, ob wir ihm vielleicht empfehlen, die Seite via Crowdfunding zu finanzieren – das generiert dann auch Interesse bei möglichen Lesern für die Seite.

 

Finanzierung ist das Stichwort, denn kleine Lokal-Webseites kämpfen vor allen um Einnahmequellen – wie können Sie dabei helfen?

Wir haben herausgefunden, dass Events oder Mitgliedschaften die besten Chancen für Einnahmen bieten. Deshalb entwickeln wir gerade Strategien dafür, wie man diese Idee umsetzt. Im Moment ist die Entscheidung noch nicht getroffen. Vielleicht werden wir tatsächlich einen Eventmanager einstellen, dessen einziger Job es ist, Veranstaltungen für alle sechs Webseiten zu organisieren. Vielleicht stellen wir aber auch einfach nur einen Programmierer ein, der den Lokal-Redakteuren dabei hilft, Schablonen für solche Events zu erstellen, die sie dann selbst benutzen. Außerdem untersuchen wir gerade verschiedene Formen von Mitgliedschafts-Modellen, die nicht nur auf Geldspenden, sondern auch auf Zeit und Know-how setzen.

Abgesehen von den Einnahmen, was sind die Probleme dieser Lokaljournalismus-Webseiten?

Die Kapazität ist das größte Problem, denn die meisten dieser Seiten werden nur von ein oder zwei Leuten betreut – das bedeutet, dass sie natürlich nicht alles an einem Tag schaffen. Wir haben verschiedene Ideen, wie wir Ihnen helfen können: Wir coachen sie zum Thema Zeit-Management und wir suchen nach Praktikanten, aber auch nach Mitarbeitern, die sich alle Redaktionen in einem Mitarbeiter-Pool teilen können. Diese Springer können sich dann um Projekte kümmern, die sonst aus Zeitgründen vernachlässigt werden. Ein weiteres Problem ist, dass Menschen, die solche lokalen Newsseiten starten, oft aus dem Journalismus kommen und keinerlei Business-Hintergrund haben. Wir versuchen, diese Wissenslücke zu füllen, und entwickeln Marketing-Pläne und bessere Präsentationen für die Anzeigen-Akquise.

 

Sie sagen, Sie wollen neue Geschäftsmodelle testen, bei denen die Erlöse nicht durch Zeitungsverkauf, Paywall oder Anzeigen entstehen, sondern durch Veranstaltungen – werden Zeitungen in der Zukunft also Events kreieren, statt über sie berichten? Zugespitzt formuliert: Müssen Journalisten also den Kanichenzüchterverein selbst gründen statt über dessen Vereinssitzungen zu berichten?

Events sind eindeutig ein erfolgreicher Weg, um Einnahmen für jede Nachrichtenorganisation zu generieren – ganz gleich, ob diese gemeinnützig oder gewinnorientiert ist. Die Non-Profit Lokalnachrichten-Webseite „Texas Tribune“ ist ein Beispiel dafür, wie man spannende, wichtige Veranstaltungen organisiert, die der Nachrichtenwebseite viel Geld einbringen. „Texas Tribune“ organisiert zahlreichen Konferenzen, Vorträge und Podiumsdiskussionen, die von großen Unternehmen gesponsert werden – diese Sponsoren werden dann auf der Webseite klar genannt, auch der genaue Betrag wird aus Transparenzgründen aufgelistet.

 

Also Events statt Paywall, oder gibt es tatsächlich amerikanischen Lokalzeitungen, die mit dem klassischen Paywall-System Geld verdienen – anders als in Deutschland?

Nein, das Paywall-System funktioniert auch hier nicht – höchsten für eine Handvoll sehr spezialisierte Nachrichtenwebseite mit prestigeträchtigen Inhalten. Wir glauben nicht, dass Paywalls eine gute Idee sind für Local News Webseiten – schließlich bekommen die Leser gerade in diesem Bereich überall so viele Inhalten für umsonst. Außerdem glauben wir schon aus Prinzip nicht an die Paywall: Wir denken, dass alle Menschen Zugang zu guten Nachrichten haben sollten. Sie werden schon dafür bezahlen, wenn die Informationen für sie wertvoll und authentisch sind. Statt Paywalls liegt unser Fokus also auf der Entwicklung einer Vielfalt von Einnahmequellen wie Werbung, Veranstaltungen, Mitgliedschaft und andere Produkte und Dienstleistungen, um eine übermäßige Abhängigkeit von nur einer Einkommensquelle zu verhindern.

 

Sie sagen auch, Lokal-Journalismus kann nur überleben, wenn die Journalisten aktiv in der Gemeinde werden – wie ist das gemeint?

Journalismus ist oft eine Einbahnstraße: Journalisten entscheiden, was sie schreiben wollen und veröffentlichen dann ihre Geschichten - und dann kann das Publikum sie entweder lesen oder nicht. Wir möchten diesen Prozess auf den Kopf stellen, so dass die Gemeinschaft an dem Prozess von Anfang an beteiligt ist. Journalisten sollten demnach damit anfangen, dass sie sich in der Community umhören und fragen: Was will die Gemeinde, worüber muss sie informiert werden? Die Rolle der Journalisten sollte es sein, zuerst zu recherchieren, was die Bedürfnisse der Gemeinde sind und dann mit den Leuten zusammenzuarbeiten, um diese Bedürfnisse so gut wie möglich zu erfüllen. Wir sollten Journalismus als Service sehen, ein Werkzeug, dass unsere Gemeinden besser macht.

 

Der Journalist als Dienstleister einer Community – ist das also das Zukunftsmodell?

Ja, ich denke, die Rolle des Lokaljournalisten ist gerade dabei, sich zu verändern – und zwar zum Besseren. Auf der Lokalebene scheint sich gerade ein großes Verständnis dafür zu entwickeln, dass es darum geht, die Gemeinde einzubinden - und nicht darum, dass die Journalisten die Leser auf Abstand halten. Das sieht man auch an der Ausbildung: So ist etwa die City University of New York gerade dabei, ein ganz neues Journalistik-Studium zu entwickeln: Beim Master in „Social Journalism“ lernen die Journalisten, wie man der Community zuhört und ihr besser dient. Und das New Yorker Eugene Lang College hat ein ähnliches Studienfach gestartet. Das ist sehr aufregend – ein echter Paradigmenwechsel im Journalismus.

 

Interview: Johanna Rüdiger


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Kontakt:

Molly de Aguiar
E-mail: mdeaguiar@grdodge.org
Telefon: 001 - 973 - 695 - 11 74

 

Veröffentlicht am 10. November 2014

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